8. Sonntag nach Trinitatis

PR Geschichte der Kirche

Thema: Georg Friedrich Wilhelm Hegel

Die Geschichte als Ort der Offenbarung

Ev. Emmausgemeinde Eppstein

Pfarrer Moritz Mittag

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

Nach Friedrich Schleiermacher zeigen sich zunächst zwei Gruppen der Theologie. Auf der einen Seite sind es Leute wie August Neander (1789-1850), August Tholuck (1799-1877), die in der Erweckungstradition des Pietismus stehen. Tholuck steht in Halle in der Auseinandersetzung mit Kolle-gen, die sich als Anhänger des Rationalismus verstehen. Wilhelm Gesenius (1786-1842) zum Beispiel. Tholuck, er ist gerade mal 24 Jahre alt, schafft 1823 den Durchbruch mit seiner Schrift „Die Lehre von der Sünde und vom Versöhner“. Hier nimmt er die Enttäuschung vieler von den tatsächlichen sittlichen Fähigkeiten des Menschen, die im Idealis-mus so hoch eingeschätzt worden waren, in die theologische Reflexion auf. Der Mensch ist Sünder und kann sich davon nicht selbst befreien. Augustin und natürlich Luther und Zwingli finden jetzt neue Beachtung, genauso wie der Brief des Paulus an die Römer. Was Tholuck in einem Auf-satz anregt, das formen dann seine konfessionell lutherisch geprägten Kollegen in Halle zu einer ganzen systematischen Theologie. Den weitreichendsten, vom Grundgedanken der Rechtfertigung ausgehenden Entwurf legt Martin Kähler (1835-1912) vor. In Greifswald rückt später Hermann Cremer (1834-1903) den Sünder und seine Rechtfertigung in den Mittelpunkt seiner Theologie. Sein Werk „Die paulinische Rechtfertigungslehre im Zusammenhange ihrer geschichtlichen Voraussetzungen“ und die Arbeit vieler seiner Kollegen hallt noch weit ins 20. Jh nach. Diese Rede vom Sündersein des Menschen kommt später wohl bei vielen als Ausdruck eines verdrucksten Moralismus an, und soll doch im Kirchenkampf der 30ger Jahre des 20. Jahrhunderts vor allzu viel menschlicher Überheblichkeit warnen.

Aber noch sind wir im 19. Jh.. Und hier wirken die unruhigen Jahre nach der Revolution, die Umwälzungen durch Napoleons Griff nach den Weiten Europas und die folgenden Befreiungskriege nach. Viele Faktoren führen eine große wirtschaftliche Rezession herauf – ganz vorne spielen dabei Blockaden und Zölle ihre unheilvolle Rolle. Bleibt einem anderes übrig als das, was Heinrich Heine so schildert: „Man übte Entsagung und Bescheidenheit, man beugte sich vor dem Unsichtbaren, haschte nach Schattenküssen und blauen Blumengerüchen, entsagte und flennte“. Das Biedermeier ist da und damit der Rückzug in’s Private.

George Bryan Brummell, genannt „Beau“, die Mode-Ikone der Zeit, vertritt die Auffassung, das Wesen der Eleganz bestehe darin, nicht aufzufallen. Umso mehr liegt es an den Details, weshalb der Gute sich drei Friseure hält: Einen für den Hinterkopf, einen für die Stirnlocken und einen für die Schläfen.

Von ganz anderem Kaliber (bis hin zur Frisur!) ist der 1770 in Stuttgart geborene Georg Wilhelm Friedrich Hegel. Wie zu-vor schon Johann Gottlieb Fichte (1762-1814) entwirft er ein spekulatives System, in dem die Welt, ihre Möglichkeit und ihr Sein, von der höchsten Idee, von Gott her gedacht wird. Hegel möchte in seiner Philosophie den beweisenden Nachvollzug der geschichtlich gewordenen, positiven christlichen Lehre leisten.

Seine Schrift „Phänomenologie des Geistes“ verfertigt er in der Nacht vor der Schlacht bei Jena. Schwere Kost. Sie folgt dem Grundsatz „Das Wahre ist das Ganze. Das Ganze aber ist nur das durch seine Entwicklung sich vollendende Wesen. Es ist von dem Absoluten zu sagen, dass es wesentlich Resultat, dass es erst am Ende das ist, was es in Wahrheit ist; und hierin eben besteht seine Natur, Wirkliches, Subjekt oder Sichselbstwerden zu sein.“ [PG 24]

Entwicklung liegt der Welt ebenso zugrunde, wie sie dem Weltgeist eigen ist. Das ist der, der sich und das eigene Sein in geschichtlicher Erscheinung entfaltet. Darin offenbart er sich vernünftig. Entgegen einer Vorstellung vom linear verlaufenden Fortschritt, die ist je soeben durch die Geschichte widerlegt, setzt Hegel eine neue Erkenntnis: Der Fortschritt vollzieht sich immer wieder im Widerspruch zur jeweils vorausgesetzten gegebenen Position, indem er eine neue, höhere Einsicht als neue Position gewinnt. Man spricht von einem dialektischen Prozess, von These und Antithese aus deren Widerstreit die Synthese hervortritt. Bei Hegel ist der einzelne, das Subjekt, allerdings nur Zuseher, der die Her-vorbringungen des Absoluten lediglich denkend nachvollziehen kann. Am Ende, das ist das Ziel des dialektischen Prozesses, steht das absolute Wissen, in dem alle Gegensätze aufgehoben sind. Hegel denkt, das sei in seiner Philosophie erreicht. Er irrt.

Hegel denkt in einer bis dahin unerreichten Gründlichkeit. „Es ist sehr oft unmöglich, dem sehr exakt gebauten, aber endlosen Schraubengewinde seines logischen Bohrers zu folgen,“ merkt einer seiner Leser an [Egon Friedell, Kultur-geschichte der Neuzeit, S. 1018].

Inhaltlich fasst Hegel zusammen: „Die Weltgeschichte ist ein Fortschritt im Bewusstsein der Freiheit – ein Fortschritt, den wir in seiner Notwendigkeit zu erkennen haben.“ [Emil Angehrn: Geschichtsphilosophie. Kohlhammer, Stuttgart/Berlin/Köln 1991, S. 93] Das höchste Bewusstsein der Freiheit erreicht die Philosophie. Und die Religion? Bei Schleiermacher ist sie Anschauung und Gefühl des Einzelnen. Hegel hingegen kommt zu dem Schluss: „Die Religion ist der Ort, wo ein Volk sich die Definition dessen gibt, was es für das Wahre hält … die Vorstellung von Gott macht somit die allgemeine Grundlage eines Volkes aus.“ [Hegel, Vorlesungen über die Philosophie der Geschichte] „Ein Volk, das die Natur für seinen Gott hält, kann kein freies Volk sein; erst dann, wenn es Gott für einen Geist über der Natur hält, wird es selbst Geist und frei.“ [ebd.]

Was wohl aus diesen Vorstellungen werden wird? Am Horizont tauchen Marx und Feuerbach auf. Der eine greift auf die Hegelsche Dialektik zurück, wenn er die Welt interpretiert. Allerdings sind es für Marx die Gesetzmäßigkeiten der ökonomischen Verhältnisse, die die Weltgeschichte bestimmen und nicht der Hegelsche Weltgeist. Der andere (Feuerbach) setzt dem Hegelschen Bewusstsein des Menschen von Gott als einer Selbstoffenbarung desselben, jetzt eine Selbstoffenbarung des Menschen selbst entgegen. Der projiziert seine Sehnsüchte in seine Vorstellung von Gott.

Das aber ist nicht alles. „Offenbarung als Geschichte“ lautet der Titel eines 1961 von Wolfhart Pannenberg und drei Kollegen vorgelegten Buches. Zwei Jahre zuvor hatte Pannenberg in einem Aufsatz geschrieben: „Geschichte ist der umfassendste Horizont christlicher Theologie. Alle theologischen Fragen und Antworten haben ihren Sinn nur innerhalb des Rahmens der Geschichte, die Gott mit der Menschheit und durch sie mit der ganzen Schöpfung hat, auf eine Zukunft hin, die vor der Welt noch verborgen, in Jesus Christus jedoch schon offenbart ist“ [Wolfhart Pannenberg: Heilsgeschehen und Geschichte“, in: Grundfragen Systematischer Theologie. Göttingen ³1979, S. 22].

Und der Friede Gottes, der höher ist, als alle unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

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