Quasimodogeniti
Text: Joh 21,1–14
Thema: Alle werden satt
Ev. Emmausgemeinde Eppstein
Pfarrer Moritz Mittag

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

Wenn sie morgens aufwachen, wacht eine Frage mit ihnen auf. Immer wieder stellt sie sich, drängend und ungenau. Und jetzt?

Es ist noch nicht lange her, da sind sie mit Jesus in Jerusalem eingezogen. Ein Fest war das. Dann dieser besondere Abend, an dem sie miteinander zu Tisch gesessen hatten, er das Brot genommen, es gebrochen und ihnen gegeben hatte. „Das ist mein Leib“ [1. Kor 11,24], hatte er gesagt. Danach waren sie im Garten Gethsemane gewesen und sie waren ein um’s andere Mal eingeschlafen, während Jesus betete. Schließlich hatten seine Gegner ihn festgenommen und ihn noch in der Nacht verhört. Sie aber hatten kalte Füße bekommen. Dafür schämen sie sich auch jetzt noch – allen voran Petrus. Am nächsten Morgen hatte man Jesus vor den Statthalter gezerrt. Der wollte zwar nicht unbedingt mitspielen, auf der anderen Seite aber auch keinen Ärger mit den lautstarken Gegnern Jesu haben. Am Ende standen das Todesurteil und das Kreuz. Das hatte ihnen gleichsam den Boden unter den Füßen weggezogen. Fassungslos, erstarrt, wie gelähmt hatten sie seinen Tod mitangesehen. Und nur die Furcht, denselben Weg gehen zu müssen, hatte sie wieder zum Laufen gebracht. Fort, nur weg von hier, raus aus der Stadt und wieder zurück. Einige berichteten von erstaunlichen Dingen, allen voran die Frauen, die morgens aufgebrochen waren, den Toten zu salben, und das Grab leer fanden. Eine Lichtgestalt hatte ihnen geboten, sie sollten all das den Jüngern erzählen und ihnen sagen, „dass er vor euch hingeht nach Galiläa“ [Mk 16,7].

Da sind sie nun. Immerhin. Ansonsten laufen sie, als hätten sie ihren Kompass verloren. Es ist mehr eine Suche. Sie folgt der Frage: Und jetzt?

Was soll die Leere ausfüllen, wer die Lücke, die Jesus hinterlassen hat? Immer wieder sitzen sie zusammen und tauschen ihre Erinnerungen aus. Einiges davon ist durch die Evangelien auf uns gekommen.

Jetzt sehen wir sieben Jünger: „Es waren beieinander Simon Petrus und Thomas, der Zwilling genannt wird, und Nathanael aus Kana in Galiläa und die Söhne des Zebedäus und zwei andere seiner Jünger“ [Joh 21,2]. Beratschlagen sie gerade, was sie tun sollen an diesem Morgen und überhaupt? Da weitermachen, wo sie an dem Tag aufgehört hatten, an dem Jesus sie angesprochen hatte und sie ihm gefolgt waren?

„Spricht Simon Petrus zu ihnen: Ich gehe fischen. Sie spre-chen zu ihm: Wir kommen mit dir. Sie gingen hinaus und stiegen in das Boot, und in dieser Nacht fingen sie nichts“ [Joh 21,3].

Auch das noch. Ist das Pech oder haben sie ihr Handwerk verlernt? Alles nichts. Wenn das mal nicht die gesamte Situation beschreibt. Müde und mit hängenden Schultern fahren sie zurück. Und jetzt noch dieser Kerl da vorne am Ufer mit seinen guten Ratschlägen. „Als es aber schon Morgen war, stand Jesus am Ufer, aber die Jünger wussten nicht, dass es Jesus war.Spricht Jesus zu ihnen: Kinder, habt ihr nichts zu essen? Sie antworteten ihm: Nein. Er aber sprach zu ihnen: Werft das Netz aus zur Rechten des Bootes, so werdet ihr finden.“ [Joh 21,4-6] „Kinder“, so hat sie auch schon lange keiner mehr angeredet. Was soll die Vertraulichkeit? Sie können sich keinen Reim darauf machen, bemerken nicht, dass sich hier etwas wiederholt, was sie schon einmal erlebt haben – damals, als sie Jesus gerade kennenlernten und sie auf sein Geheiß und wider Willen die Netze noch einmal ausgeworfen und mehr als je zuvor gefangen hatten [vgl. Lk 5]. Aber sie sind offenbar wie blind. Was vor ihren Augen ist, sehen sie nicht, vielleicht, weil das nicht sein kann, was sie sehen? Vielleicht liegt es aber auch daran, dass die Jünger in der Trauer den Blick nach innen gerichtet haben und gar nicht mitbekommen, was um sie ist. So sehr sind sie beschäftigt mit ihren Rückblicken, dem Nachgehen der erlebten Ereignisse, der Sortierung ihrer Gedanken und Gefühle.

Fast mechanisch tun sie, was dieser Typ am Ufer sie heißt. „Da warfen sie es aus“, so wie sie das schon hunderte Male gemacht hatten. Mit ihren kräftigen Händen und Armen ziehen sie danach das Netz zusammen. „Und konnten’s nicht mehr ziehen wegen der Menge der Fische“ [Joh 21,6]. Ja, gibt’s denn so was? Ein Netz voller Fische und nicht Kraft genug, den Fang ins Boot zu ziehen! Jetzt fällt der Groschen. Jetzt wird ihnen klar, was gerade geschieht, ist nicht ihr Werk. „Da spricht der Jünger, den Jesus lieb hatte, zu Petrus: Es ist der Herr!“ [Joh 21,7] Der Erzähler hätte genauso gut den Namen nennen können: Johannes, statt ihn wie schon in der Situation unter dem Kreuz zu beschreiben als den, „den Jesus lieb hatte“ [Joh 19,26 // 21,7]. Offenbar zeichnet diesen Johannes eine besondere Verbundenheit aus. Damit Jesus zu begegnen hatten sie nicht gerechnet. Aber damit muss man rechnen, dass Jesus auf einmal da ist und man ihn keineswegs auf Anhieb erkennt. Das sagt sich so. Aber, Hand auf’s Herz, sind wir denn darauf vorbereitet? Räumen wir dieser Möglichkeit auch nur ein Quäntchen Wahrscheinlichkeit ein?

Auf der anderen Seite. Wie oft bin ich schon in die Leere gegangen, wusste nicht, was ich tun oder sagen soll, und kam aus der Situation beschenkt und bereichert hervor. Wie oft sind meine Vorbereitungen schon ins Leere gelaufen, so dass der Frust nicht weit war, und dann kam’s einfach nur anders und unverhofft – und wie! Wie oft wusste ich mir keinen Rat und dann kam einer, und das konnte auch eine sein, und die Lösung lag auf dem Tisch. Bestimmt erinnern Sie auch solche Momente, aber auch die, in denen ein Wort, ein Bild oder eine Melodie etwas aufgeschlossen hat, was zuvor nicht war. Wie eine Berührung, die wenn ich sie spüre, ganz durch mich durchgeht. Ist ER das? Ich habe mir angewöhnt, damit zu rechnen, zuzulassen, dass das sein kann. Dass ER mir begegnet in der Person, die ich nicht auf Anhieb mit IHM in Verbindung bringe. Und dass ER mir ganz anders begegnen kann, als ich mir das jemals ausmalen würde.

Als Bub habe ich beim Einschlafen das hellblaue Kuscheltuch neben mir ausgebreitet und Platz gelassen, damit Jesus kommen und neben mir schlafen soll. Da stand für mich außer Zweifel, dass genau das geschehen kann, ja wird, und das, obwohl ich Tag für Tag morgens beim Aufwachen feststellen musste, dass ich mich wieder breitgemacht hatte. Das ist ein Bild für unser gewöhnliches Verhalten. Das, so kommt mir vor, ist genau das, was uns allen unterläuft. So sehr verstehen wir uns als Herren unserer selbst und unseres Geschicks, dass da kein oder kaum noch Platz bleibt für so einen wie den am Ufer.

Als Petrus Johannes sagen hört: „‘Es ist der Herr‘, da gürtete er sich das Obergewandum, denn er war nackt, und warf sich in den See“ [Joh 21,7]. Wer hätte das gedacht? Ausgerechnet Petrus, der so einen Höllenrespekt vor dem Wasser an den Tag gelegt hatte, ausgerechnet der wagt’s und springt hinein Jesus entgegen. Man könnte meinen die vielen Erfahrungen mit Jesus auf dem Weg nach Jerusalem, aber vielleicht auch die Bekräftigung, die all das, was Jesus gesagt und getan hat, durch seine Auferstehung erfährt, hätten ihn Vertrauen und Sicherheit gelehrt. Er kann sich riskieren, wie einer, der sich gehalten weiß.

„Die andern Jünger aber kamen mit dem Boot, denn sie wa-ren nicht fern vom Land, nur etwa zweihundert Ellen, und zogen das Netz mit den Fischen“ [Joh 21,8]. Sie haben einen ungewöhnlichen Fang gemacht. Nicht nur die schiere Menge der Fische versetzt sie in Erstaunen. Selbst ihre eigentlich ungenügenden Mittel, einen solchen Fang zu bewältigen, halten Stand. „Als sie nun an Land stiegen, sahen sie ein Kohlenfeuer am Boden und Fisch darauf und Brot. Spricht Jesus zu ihnen: Bringt von den Fischen, die ihr jetzt gefangen habt! Simon Petrus stieg herauf und zog das Netz an Land, voll großer Fische, hundertdreiundfünfzig. Und obwohl es so viele waren, zerriss doch das Netz nicht“ [Joh 21,9-11]. Man höre und staune: Petrus allein zieht den Fang an Land! Viele Fische. 153. Über die Zahl wird viel spekuliert. Auch wer sich mit absoluten Zahlen und in den Finessen der kabbalistischen Zahlenmystik (Kabbala – mystische Tradition des Judentums) nicht auskennt, wird verstehen, dass die Zahl nicht zufällig gewählt wird. In mancherlei Tradition steht sie für alles, für das Vollkommene. Ob Johannes andeuten will, dass Jesu Sendung nun erfüllt ist? Oder ob sie den Fischern, die künftig als Menschenfischer unterwegs sein werden, ein Symbol für die gesamte Menschheit bedeuten soll?

Das drängendste Problem dieses frühen Morgens ist auf jeden Fall gelöst. Auf die knurrenden Mägen der Männer wartet sättigende Speise – und auch hier geht’s nicht nur um das bloße Essen, sondern um eine umfassende Sättigung. „Spricht Jesus zu ihnen: Kommt und haltet das Mahl! Niemand aber unter den Jüngern wagte, ihn zu fragen: Wer bist du? Denn sie wussten: Es ist der Herr. Da kommt Jesus und nimmt das Brot und gibt’s ihnen, desgleichen auch den Fisch“ [Joh 21,12-13]. Die Jünger erfahren, Jesus sorgt für uns. Er ist da, wenn wir ihn brauchen. Und er schenkt mit vollen Händen. So beantwortet er der Jünger drängende Frage: Und jetzt?

Es geht weiter. Den Weg, den Jesus beschritten hat, den er vorgezeichnet hat, werden sie weitergehen. Und wir, deren Netze oft genug leer bleiben? Wir fischen weiter, nicht im Trüben, sondern im Licht der Auferstehung.

Und der Friede Gottes, der höher ist, als alle unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.