Seht auf und erhebt eure Häupter, weil sich eure Erlösung naht. | Lk 21,28b

„Lass den Kopf nicht hängen, das wird schon wieder“ Aber der Kopf hängt doch.

Weil er die einzige Torchance, und die war so gut, versemmelt und damit die Mannschaft das Spiel verloren hat.

Weil trotz aller Bimserei, Nachhilfe, wochenendlicher elterlicher Hingabe es wieder nur eine fünf geworden ist.

Weil sie raus ist aus ihrer Wohnung und ihrem Leben. Weil sie allein und verlassen unter Fremden sitzt, alle alt und nicht in bester Verfassung, ohne Ansprache und ohne Aufgabe, nur darauf wartend, dass es vorübergeht.

„Es ist alles nichts“ fasse ich die Empfindung solcher Momente und Erfahrungen zusammen. In diesem Jahr haben wir davon viele erlebt. Fast könnte man sagen, wir sind mittlerweile geübt darin, Vorstellungen, Pläne, Wünsche und Hoffnungen fahren zu lassen.

Manches hat weh getan, über anderes sind wir gut hinweggekommen.

Wie aber ergeht es denen, deren Angehörige in der Klinik liegt oder im Heim untergebracht und der Besuch untersagt ist? Wie halten all die es aus, deren Angehöriger mit dem Tod ringt und am Ende verliert?

Allein, ohne familiären Beistand die letzten Meter auf dem Weg des Lebens zurückgelegt.

Schon die Vorstellung – noch abstrakt – belastet.

Und wie nehmen wir die täglichen Nachrichten von den Corona-Toten des Tages auf? Vorgestern waren es 590 Menschen.

Und das obwohl wir uns seit drei Wochen im Teil-Lockdown üben. Obwohl jeder von uns das Gefühl hat, auf die Befriedigung wesentlicher Bedürfnisse zu verzichten. Ratlos sehen wir auf die steigenden Zahlen. Was sollen wir noch tun? Was sollen wir noch lassen?

Und das geht immer so weiter. Mit immer neuen Wendungen. Mit immer neuen Weisungen. Mit immer wieder versperrten Wegen.

Und jetzt noch Weihnachten vor der Tür! Auch das noch! als ob der Alltag nicht schon kompliziert genug wäre!

Sollen wir etwa auch auf Weihnachten verzichten? Kein Zusammenkommen in der erweiterten Familie. Der Onkel, der sonst immer dabei ist, muss zuhause bleiben – allein. Kein Weihnachtsgottesdienst, in dem die Gemeinde und die Nähe zueinander zu spüren wäre. Kein „Hallo, wie geht’s?“ „Was machst du?“ davor und danach.

Wer jetzt alleinsteht, kann die Bitterkeit der Einsamkeit schmecken. Und kein Plätzchen, kein Stück Schokolade vermag sie zu versüßen.

„Es ist alles nichts.“ Ich kann mich an Karfreitagsgedanken erinnern, in denen es hieß, der Stein, der vor das Grab gewälzt wurde, sei ein Zeichen für das Ende der Beziehungen, ja, Beziehungslosigkeit sei das Kennzeichen des Todes selbst.

Was heißt das für die Erfahrungen von Beziehungslosigkeit, die wir jetzt zu machen gezwungen sind. Weil wir dem anderen nicht die Hand reichen, weil wir die Trauernde nicht in den Arm nehmen dürfen, weil wir zuhause bleiben und zuhause sitzen, statt zusammenzukommen, statt Nähe und Gemeinschaft zu suchen und zu genießen.

Im ersten Lockdown meinte meine Mutter einmal „Bleibt das jetzt so? Dann könnte ich eigentlich auch sterben.“

Ist das jetzt zu schwarzgemalt? Übertrieben vielleicht? Oder ist da was dran, dass wir in den beschriebenen Situationen und Zuständen endzeitliche Erfahrungen machen. Deren Grundmoment ist, dass sie über uns kommen und wir selbst darin wenig ausrichten können.

Der gelassene Kölner sagt dann „es kütt, wie es kütt“. Und wie kütt’s?

Das sagt Lukas seiner Gemeinde. Deren Welt wankt. Manchmal geht ihr der Boden unter den Füßen weg. Manchmal versteckt sie sich in den hintersten dunklen Winkeln, um Nachstellungen und Tod zu entgehen.

Längst haben die Augen aufgehört zu glänzen, längst irrt der suchende Blick über den Boden, um wenigstens den nächsten Schritt recht zu setzen.

Da malt Lukas ihnen ein gewaltiges Gemälde vom Ende der Zeit. Dessen Umstände müssen einen in Angst und Schrecken versetzen. Aber sie gehen nur dem großen Moment voraus, in dem der Herr wiederkommt und alles verwandelt und neu wird – die Welt und das Leben.

„Seht auf und erhebt eure Häupter, weil sich eure Erlösung naht.“ | Lk 21,28b

Wo alles nichts ist, wo nichts alles zu werden droht, kommt Gott und mit ihm das Rettende. Das ist unsere Hoffnung, daran glauben wir.

Und ja, so werden wir Weihnachten feiern. Klein, in kleinem Kreis und so wie es dann eben möglich ist. Aber gewiss getragen von der Geschichte aus Bethlehem, von dem Kind in der Krippe, durch das Gott sich einmischt in unsere Welt und unser endliches menschliches Leben. Das kann uns kein Virus, das kann uns niemand nehmen.

Gott hat sich mit uns verbunden – es kommt darauf an, das zu sehen und für uns anzunehmen: „Seht auf und erhebt eure Häupter, weil sich eure Erlösung naht.“ | Lk 21,28b

Johannes Brahms: Ist auf deinem PsalterText aus der Harzreise von Johann Wolfgang von Goethe:

Ist auf deinem Psalter,
Vater der Liebe, ein Ton
Seinem Ohre vernehmlich,
So erquicke sein Herz!

Öffne den umwölkten Blick
Über die tausend Quellen
Neben dem Durstenden
In der Wüste.

Moritz Mittag