1. S.n.Epiphanias
Text: Rm 12,1-8
Thema: Gottes Werkzeug werden
Ev. Emmausgemeinde Eppstein
Pfarrer Moritz Mittag

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

Setzen wir uns eine Weile an den Rand eines Kinderspielplatzes. Wir beobachten das Treiben, Kinder, die rennen und toben, klettern und fallen, schreien, weinen und lachen. Pralles Leben. Und mittendrin sehen wir welche so sehr ins Spiel und die eigene Imagination versunken, dass sie offenbar kaum oder gar nicht mitbekommen, was um sie herum geschieht. Sie sind ganz bei der Sache, hingegeben, das Notwendige zu vollbringen, und erfüllt von einer Vorstellung, die sie leitet. Keine Aufforderung, keine Nachfrage, nichts ist nötig, um sie dazu zu bringen, ihren inneren Plan umzusetzen.

So zu sein, das ist nicht allein den Kindern vorbehalten. Ganz bei der Sache, erfüllt von tiefem innerem Antrieb und dabei auch selbstvergessen, das kennen wir auch von Erwachsenen – und hoffentlich auch von uns selbst. Bei der Arbeit, wenn einen die Muse küsst oder helfend, wenn Not am Mann ist. Aber auch eine Haltung, die die Berechnung von Wirkung und Vorteil nicht aus den Augen verliert, ist uns schon begegnet. Deren Feuer erlischt, sobald Wirkung und Vorteil ins Hintertreffen geraten. Und natürlich sind wir mit dem „Business as usual“ vertraut. Alles läuft wie immer. Mechanisch, automatisch, zuverlässig, aber nicht unbedingt inspiriert. Auch vor den Gläubigen macht das nicht halt. Vielleicht ist das ein Grund für des Paulus Mahnrede im Römerbrief. Ich lese nach und nach die Verse 1-8 im zwölften Kapitel:

Rm 12,1 Ich ermahne euch nun, Brüder und Schwestern, durch die Barmherzigkeit Gottes, dass ihr euren Leib hingebt als ein Opfer, das lebendig, heilig und Gott wohlgefällig sei. Das sei euer vernünftiger Gottesdienst.

Haben wir das richtig verstanden, hier geht’s um den Gottesdienst, genauer, um unseren vernünftigen Gottesdienst?

Alles klar, Orgelvorspiel, Begrüßung, Lied zum Eingang, Votum, Psalm und so weiter… Halt, wendet Paulus ein, das ist nicht alles. Das ist allenfalls der Beginn, am Anfang der Woche, an ihrem ersten Tag, sozusagen die geistliche Ouvertüre, in der die Themen, die noch zu entwickeln sein werden, anklingen. Was kommt, fordert uns ganz – weder nur intellektuell, oder nur spirituell, sondern auch mit Haut und Haaren, im Tun und Lassen. Ich gebe zu, die Aufforderung „dass ihr euren Leib hingebt als Opfer“, nehme ich mit Skepsis zur Kenntnis. Raunen nicht schon genug Grabsteine und Gedenkstätten ihr „Für Volk und Vaterland“, während andere an die Opfer der zu allem Bereiten erinnern? Was soll das sein, das uns so ganz in Anspruch nehmen darf? Denn das meint die Rede vom „Leib“, die nicht den Körper meint, sondern, so denkt Paulus das, den Leib als der Tempel des Heiligen Geistes [1 Kor 6,19f].

Demgegenüber kann man sich entweder verweigern oder aufschließen. Dann aber führt nicht mehr das Ego die Regie, sondern der Geist Gottes. Etwas Kultkritik klingt an und erinnert an ähnliche Ansätze bei den Propheten, wenn das Opfer beschrieben wird als „lebendig, heilig und Gott wohlgefällig“. Hosea richtet dem Volk von Gott aus: „Ich habe Lust an der Liebe und nicht am Opfer, an der Erkenntnis Gottes und nicht am Brandopfer“ [Hos 9,6]. Hier also sieht das Opfer vor, dass wir uns selbst Gott zur Verfügung stellen. „Das sei euer vernünftiger Gottesdienst“, schreibt Paulus.

2 Und stellt euch nicht dieser Welt gleich, sondern ändert euch durch Erneuerung eures Sinnes, auf dass ihr prüfen könnt, was Gottes Wille ist, nämlich das Gute und Wohlgefällige und Vollkommene.

Die Ereignisse der letzten Woche illustrieren auf dramatische Weise, was es heißt, sich der Welt gleichzustellen. Die gehorcht den Prinzipien der Macht und wenn es sein muss der Gewalt. Fünf Tote hat der Sturm auf das Kapitol gefordert. Der Initiator hatte bei seiner Amtseinführung geschworen: „Ich schwöre feierlich, dass ich das Amt des Präsidenten der Vereinigten Staaten getreu ausüben und die Verfassung der Vereinigten Staaten nach besten Kräften bewahren, schützen und verteidigen werde.“ Und er hatte hinzugefügt: „So help me God.“ (So wahr mir Gott helfe.) Sollte also die Infragestellung der demokratischen Prinzipien und Institutionen diesem Schwur entsprechen und Gottes Wille sein? Was wäre daran „das Gute und Wohlgefällige und Vollkommene“?

Selbst für den Oberbefehlshaber und für ausnahmslos alle gilt Paulus Mahnung:

3 Denn ich sage durch die Gnade, die mir gegeben ist, jedem unter euch, dass niemand mehr von sich halte, als sich’s gebührt, sondern dass er maßvoll von sich halte, wie Gott einem jeden zugeteilt hat das Maß des Glaubens.

Wo der Leib der Tempel des Heiligen Geistes sein darf, da bringt er das, was Gott will, zum Ausdruck, und zwar in dem Maße, in dem Gott sich dieses Tempels bedient.

„So liegt es nun nicht an jemandes Wollen oder Laufen, sondern an Gottes Erbarmen“ [Rm 9,16] hatte Paulus drei Kapitel zuvor geschrieben. Will sagen: Niemand kann sich selbst zum guten Christen machen. Wir können uns nur öffnen oder verschließen für das Wirken des Heiligen Geistes in uns und durch uns. Wir verschließen uns, wenn wir uns der Welt gleichstellen, wenn wir deren Prinzipien unser Tun und Lassen bestimmen: Macht, Vorteil, Gewinn, Ansehen etc..

Die haben mit dem Maß des Glaubens nur so viel zu tun, als gilt, je geringer das Maß des Glaubens ausfällt, desto dominanter wirken die Prinzipien der Welt durch uns. Offenbar versteht Paulus das Maß des Glaubens als Kriterium. Meint das Maß des Glaubens, dass man hinter alle Aussagen des Apostolischen Glaubensbekenntnisses seinen Haken setzen kann? Dass man nie und an nichts zweifelt? Dass man seines Glaubens keineswegs unsicher werden kann? Nein, das Maß des Glaubens ist nichts, worüber wir zu entscheiden hätten. Es offenbart sich in erster Linie in der besagten Hingabe, die den Leib – also das Leben eines Menschen – zum Tempel des Heiligen Geistes macht. Wie Franz von Assisi betet und bittet: „Herr, mach mich zu einem Werkzeug deines Friedens.“

Das muss zu einer Differenzierung führen, denn nicht allen wird gleich viel gegeben. Drum heißt es bei Lukas: „Wem viel gegeben ist, bei dem wird man viel suchen; und wem viel anvertraut ist, von dem wird man umso mehr fordern [Lk 12,48b]. Dementsprechend gibt es ganz verschiedene Aufgaben. Sie haben alle ihre Berechtigung und wirken und arbeiten zusammen an dem einen, dem Leib Christi. Das ist die Gemeinschaft der Gläubigen.

4 Denn wie wir an einem Leib viele Glieder haben, aber nicht alle Glieder dieselbe Aufgabe haben, 5 so sind wir, die vielen, ein Leib in Christus, aber untereinander ist einer des andern Glied.

Das haben wir schon an anderer Stelle gehört. Im 1. Brief an die Korinther führt Paulus das ähnlich aus und hält auch noch einmal fest, wer all diese verschiedenen und unterschiedlich wirkenden Glieder zusammenhält: „Es sind verschiedene Gaben, aber es ist ein Geist. Und es sind verschiedene Ämter, aber es ist ein Herr. Und es sind verschiedene Kräfte, aber es ist ein Gott, der da wirkt alles in allem [1. Kor 12,4].

So sind wir auch in der Gemeinde zusammen. Viele haben das verstanden und tun, was sie tun können. Viele, das muss man auch sagen, fühlen sich hingegen nicht angesprochen. Aber alle sind eingeladen mitzuwirken, denn:

6 Wir haben mancherlei Gaben nach der Gnade, die uns gegeben ist. Hat jemand prophetische Rede, so übe er sie dem Glauben gemäß. 7 Hat jemand ein Amt, so versehe er dies Amt. Ist jemand Lehrer, so lehre er. 8 Hat jemand die Gabe, zu ermahnen und zu trösten, so ermahne und tröste er. Wer gibt, gebe mit lauterem Sinn. Wer leitet, tue es mit Eifer. Wer Barmherzigkeit übt, tue es mit Freude.

Eine Hierarchie der Gaben, der Ämter, der Aufgaben kann ich nicht erkennen. Im Oben und Unten gibt’s hier eine ganz einfache Antwort: Oben ist Gott unten wir.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.