1. Sonntag nach Epiphanias – 9.1.2022

Text: Jes 42,1–9

Thema: Auftrag Gottesknecht

Ev. Emmausgemeinde Eppstein

Pfarrer Moritz Mittag

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

Es kommt dick. Der Kopf weiß um die einzelnen Elemente, das Gefühl spürt sie. Sie geben Druck ab. Nach und nach und immer mehr. Enge entsteht und Angst. Das geht nicht gut, pulst es durch den Kopf. Wenn der nur wüsste, was zu tun ist. Er weiß es nicht. Der Atem geht schneller, das Herz auch. „Ich krieg‘ die Krise“, denke ich und weiß schon, wenn ich’s sage, „Krise“, wirkliche Krise geht anders.

Die Israeliten können ein Lied davon singen. Und in manchem Psalm tun sie’s ja auch. „Gott, es sind Heiden in dein Erbe eingefallen; die haben deinen heiligen Tempel entweiht und aus Jerusalem einen Steinhaufen gemacht. Sie haben die Leichname deiner Knechte den Vögeln unter dem Himmel zu fressen gegeben und das Fleisch deiner Heiligen den Tieren im Lande. Sie haben ihr Blut vergossen um Jerusalem her wie Wasser, und da war niemand, der sie begrub.“ [Ps 79,1-3]

Das Land und die Stadt auf dem Berge sind verwüstet. Wer mit dem Leben davonkam, musste davon, musste in die Sklaverei und wurde an die Ufer von Euphrat und Tigris verschleppt. Lang ist’s her. Fast 2600 Jahre. So fern diese Vergangenheit auch ist, lange ist es noch nicht her, da bemächtigte sich die Soldateska des IS der Frauen und Kinder und verkauften sie in die Sklaverei – und das im 21. Jahrhundert! Und nebenan wütete der Gewaltherrscher gegen das eigene Volk. Fassbomben ließ er abwerfen, Giftgas einsetzen ohne Skrupel. Tausende flohen, die meisten in die benachbarten Länder, viele auch zu uns.

Was soll da noch kommen? Wie soll da etwas gut werden?

Wie von ganz woanders her, klingen die Worte des Propheten. Jesaja spricht sie, und wir lesen sie im 42. Kapitel.

Jes 42,1 Siehe, das ist mein Knecht, den ich halte, und mein Auserwählter, an dem meine Seele Wohlgefallen hat.

Gott greift ein. Wirklich? Ja, „siehe“! Er stellt ihn vor. Als Knecht stellt er ihn vor. Einer, der zum Dienen da ist. Davon gibt’s viele. Ich gebe zu, in unseren Breiten weniger als anderswo. Was ist das für einer? Einer, „den ich halte“, heißt es, „mein Auserwählter“. Seine besondere Würde hat er unmittelbar von Gott. Ein Knecht, „an dem meine Seele Wohlgefallen hat.“ Das kommt uns bekannt vor. Haben wir nicht eben in der Lesung des Evangeliums von Jesu Taufe gehört, als eine Stimme vom Himmel sprach: „Dies ist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe.“ [Mt 3,17]

Haben die beiden, der Gottesknecht und Jesus, etwas miteinander zu tun? Ja, auf welche Weise auch immer, sie repräsentieren Gott in aller Vollmacht und mit dem, was sie tun: „Ich habe ihm meinen Geist gegeben; er wird das Recht unter die Heiden bringen.“ [Jes 42,1]

Der Prophet weiß auch, wie dieser Gottesknecht auftreten wird: „Er wird nicht schreien noch rufen, und seine Stimme wird man nicht hören auf den Gassen.“ [Jes 42,2] Er wird also kein Lautsprecher, nicht einer von der Sorte, für die Klappern und sich Großtun vorneansteht. Vielleicht wird man ihn gar nicht immer erkennen. Vielleicht steht sie dem weinenden Mädchen gegenüber, dessen Mutter soeben in den Wirren der Flucht aus Ostpreußen am Straßenrand verstorben. Vielleicht ist sie es, die das Kind an die Hand nimmt und für es sorgt. Oder es ist der junge Feuerwehrmann, der im Inferno der brennenden und einstürzenden twin towers den Hilferuf der Eingeschlossenen hört , zurückrennt, und sie befreit.

Der Krisen sind so viele. Es gibt die plötzlich über uns hereinbrechenden und die anderen, die sich langsam anbahnen und dafür auch lange bleiben. Es gibt die gemeinsam erlebten, die kollektiven Krisenerfahrungen und jene, die den einzelnen betreffen.

Kollektiv machen wir in diesen Monaten die Erfahrung einer Pandemie. Inzwischen sind wir, wenn man das so sagen darf, Geübte. Es überrascht uns nicht mehr, wenn in uns Ängste aufsteigen oder Wut sich Bahn bricht, wir im anderen Moment antriebslos bereit sind, uns dem Schicksal zu überlassen. Ganz besonders sind die Erfahrungen derer, die in das persönliche Krisenerlebnis einzelner eingreifen, wenn sie einen ihrer Pandemie-Patienten versorgen. Immer wieder ist es die Frage, ob am Ende Heilung oder Tod stehen wird. Nach langen Monaten fordert das seinen Tribut: Tiefe Erschöpfung. Jesaja versichert: „Das geknickte Rohr wird er nicht zerbrechen, und den glimmenden Docht wird er nicht auslöschen.“ [Jes 42,3]

Viel mehr ist das nicht, viel mehr als ein geknicktes Rohr und ein klimmender Docht, was mir im Sommer 2018 gegenübersitzt. Ein Junge, allein durch Gewalt und Gefahr dorthin gekommen, wo man sich Sicherheit versprach. Er hat’s geschafft, hat seinen Hafen gefunden, will bleiben und wird gezwungen wieder zu gehen – „Dublin“, sagen die Wissenden, und meinen das Dubliner Abkommen, nach dem ein Flüchtling in dem Land zu bleiben hat, in dem er zuerst registriert wurde. Die Augen des Jungen sind wie verloschen, stumpf, jede Spannung ist aus seinem Körper gewichen, mehr liegt er, als dass er sitzt. „Macht mit mir, was ihr wollt.“ „Das geknickte Rohr wird er nicht zerbrechen, und den glimmenden Docht wird er nicht auslöschen.“ [Jes 42,3]

Die Familie, aus der er wieder herausgerissen worden war, hält zu ihm. Immer wieder meldet sie sich, trifft sich mit ihm, schickt ihm Geld und lässt ihn ihre Liebe spüren. Es ist, als ob sie des Propheten Äußerung hinsichtlich des Gott-gesandten Gottesknechts beglaubigen wollten: „In Treue trägt er das Recht hinaus.“ [Jes 42,3]

Wie aber wird es ihm selbst ergehen? Wird er Unterstützung? Oder Gegnerschaft? Im Prophetenwort heißt es:

„Er selbst wird nicht verlöschen und nicht zerbrechen, bis er auf Erden das Recht aufrichte; und die Inseln warten auf seine Weisung.“ [Jes 42,4] Die gute Sache, der sein Auftrag verpflichtet ist, geht nicht unter. Damals nicht und jetzt nicht und solange nicht, bis alle vollbracht ist.

Denn: „So spricht Gott, der Herr, der die Himmel schafft und ausbreitet, der die Erde macht und ihr Gewächs, der dem Volk auf ihr den Atem gibt und Lebensodem denen, die auf ihr gehen: 6 Ich, der Herr, habe dich gerufen in Gerechtigkeit und halte dich bei der Hand. Ich habe dich geschaffen und bestimmt zum Bund für das Volk, zum Licht der Heiden, 7 dass du die Augen der Blinden öffnen sollst und die Gefangenen aus dem Gefängnis führen und, die da sitzen in der Finsternis, aus dem Kerker.“ [Jes 42,5-7]

Ein Programm, das der Höchste gegeben hat, und der Gottesknecht verwirklichen soll, welchen Namen er auch trägt, in welcher Zeit er auch lebt. Einer, der tut, was Gott will. Mal in kleinem Format, mal ganz groß. Als Getaufte sind wir alle berufen, uns den Auftrag des Gottesknechts angelegen sein zu lassen. Es gibt jene, die uns darin ein Beispiel geben. Sie heißen Albert Schweitzer oder Martin Luther King, Nelson Mandela oder Desmond Tutu, Maximilian Kolbe oder jemand von den „Gerechten der Völker“ in Yad Vashem.

Für viele ist der Eine, dessen Geburt wir jüngst gefeiert haben, Vorbild und Kraftquelle zugleich. Er wirkt als Licht der Welt, „öffnet die Augen der Blinden“ und führt „die Gefangenen aus dem Gefängnis“ ihrer Krankheit oder sozialen Isolierung. In ihm verwirklicht sich die Ankündigung Jesajas. So haben es jene gesehen, die Jesus begegnet und seinen Weg mitgegangen sind, die den Jubel der Menge hörten und ihn schließlich am Kreuz sterben sahen, die an ihm aber auch die Treue Gottes erkennen durften. Der spricht: 

„Ich, der Herr, das ist mein Name, ich will meine Ehre keinem andern geben noch meinen Ruhm den Götzen. Siehe, was ich früher verkündigt habe, ist gekommen.“ [Jes 42,8-9]

An Epiphanias feiert das die Christenheit. Gott tritt in Erscheinung. Er wird Mensch, wirkt als Gottesknecht, befreit die in Schuld und Tod Verstrickten und Gefangenen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.