10. Sonntag nach Trinitatis
Text:       2. Mose 19,1–6
Thema: Wer sich nichts sagen lässt
Ev. Emmausgemeinde Eppstein
Pfarrer Moritz Mittag

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

„Führer befiehl, wir folgen!“ Viele, viel zu viele haben sich die Parole einst zu eigen gemacht. Sie folgten. Und wie! Und wohin nicht alles! Weisungen und Befehle, die das Leben anderen zur Hölle machten, wurden ausgeführt, bis, ja, bis das eigene Leben in ein Inferno mündete, darin umkam oder für immer versehrt daraus hervorging. Die Kinder der Gehorsamen probten den Ungehorsam. Mal zivil, mal militant. „Unter den Talaren – Muff von 1000 Jahren“ stand da im November 1967 auf einem Transparent Hamburger Studenten. Waren nun die 12 Jahre eines so angekündigten, krachend gescheiterten 1000-jährigen Reiches gemeint oder doch mehr als das?

12 Jahre hatten ausgereicht, Menschen, Stätten, Dokumente, Spuren, kulturelle, geistige und gesellschaftliche Verflechtungen und Bezüge auszulöschen. Das Entsetzen darüber hallt mit guten Gründen bis heute nach. Aber es kann die Toten nicht mehr lebendig machen, das Leid nicht ungeschehen und – wie wir leider bemerken müssen – nicht den Hass besiegen. Der Antisemitismus lebt, rechts- wie linksaußen.

Jahrhundertelang war er im christlichen Denken zuhause und brach sich immer wieder Bahn in Hass und Verfolgung. So blind, so fern aller Realität konnte seine Begründung sein, dass man den Juden in Jesus übersehen konnte. Aber genau in dieses Volk hinein ist er geboren worden, um den dort überlieferten Programm-Namen Jesus – „Jahwe ist Rettung“ – zu tragen. Man kann es drehen und wenden, wie man will, nicht zuletzt durch IHN sind wir mit dem Volk verbunden, mit dem Gott seinen Bund geschlossen hat.

„Jahwe ist Rettung“ – das ist eine Erfahrung, die in der jüdischen Überlieferung zentral ist. Sie bestimmt auch die Erzählung vom Auszug des Volkes Israel aus Ägypten. Das war kein Spaziergang, eher schon eine Gratwanderung entlang an existentiellen Abgründen. Mal sind Leib und Leben durch mächtige Feinde bedroht, mal treten Hunger und Durst auf den Plan und lassen die Leute daran zweifeln, wem sie Glauben schenken und folgen sollen.

Den Weg aus der Gefangenschaft in Ägypten könnte man auch als einen Weg der Aufklärung und der Emanzipation verstehen. Der Pharao und das System seiner Herrschaft soll keine Macht mehr über uns haben! Es gehört Mut dazu, den Schritt in die Selbständigkeit zu wagen und er hat gewiss seinen Preis. Kein Wunder, dass man gelegentlich schwach wird und murrt, sich gar nach den alten Verhältnissen zurücksehnt, „als die Mauer noch stand“ oder „als es die D-Mark noch gab“. „Sind wir hier richtig?“ fragen sich die Leute, die Mose folgen.

Glauben schenken, folgsam sein, gehorchen – die eingangs erwähnten Erfahrungen hinterlassen demgegenüber eine gehörige Portion Skepsis. „Wer sich nichts sagen lässt, wird nichtssagend“, hat Hans Kestranek festgestellt. Wo kommen wir hin, wenn wir den Grundsätzen vernünftigen und rechtmäßigen Verhaltens nicht mehr folgen. Werden wir dann die Herausforderungen der Zukunft bestehen können? Oder werden wir blind und taub in die Krisen hineintaumeln, die der Klimawandel, die Pandemie, die defizitären öffentlichen Haushalte und das Auseinanderdriften gesellschaftlicher Gruppen für uns bereithalten?

Aber wem kann man glauben? Wem folgen? Gar gehorchen? Auf wessen Stimme soll man hören? Hat doch Gehorsam so viel mit hören zu tun, aber eben nicht nur in einem akustischen Sinne, sondern bis dahin, dem Gegenüber Folge zu leisten. Wem bin ich so verbunden, dass ich ihm folgen mag? Ja, dass ich folgsam, gehorsam sein kann?

Die Suchbewegungen, die viele Menschen heute in dieser Sache machen, könnten wir interpretieren als unseren Weg durch die Wüste. Er ist voller Sehnsucht einerseits und geradezu gepflastert mit Frustrationen andererseits. Viele sind bereit, viel auszuprobieren, sich hierhin oder dorthin zu wenden mit dem Ziel, das Heil – das kann Heilung aber auch Erlösung bedeuten – in Händen zu halten. Es wäre doch schön und gewiss auch praktisch, das Heil ließe sich handeln (to hand-le, engl. Handhaben). Jetzt sind wir nicht mehr weit entfernt von den Erfahrungen der Israeliten auf dem Sinai, die eines schönen Tages ein goldenes Kalb anzubeten bereit sind.

Mose, der sein Volk führt, hat es gelegentlich schwer mit der Ängstlichkeit und der Ungeduld seiner Zeitgenossen. Er selbst sucht seine Vergewisserung bei dem, der ihn einst angesprochen und in Anspruch genommen hatte und sich vorgestellt hatte als der „Ich werde sein, der ich sein werde“ [2. Mos 3,14].

Im zweiten Buch Mose, Kapitel 19 lesen wir: (1) Am ersten Tag des dritten Monats nach dem Auszug der Israeliten aus Ägyptenland, genau auf den Tag, kamen sie in die Wüste Sinai. (2) Denn sie waren ausgezogen von Refidim und kamen in die Wüste Sinai und lagerten sich dort in der Wüste gegenüber dem Berge. (3) Und Mose stieg hinauf zu Gott. Und der HERR rief ihm vom Berge zu und sprach: So sollst du sagen zu dem Hause Jakob und den Israeliten verkündigen: (4) Ihr habt gesehen, was ich mit den Ägyptern getan habe und wie ich euch getragen habe auf Adlerflügeln und euch zu mir gebracht. (5) Werdet ihr nun meiner Stimme gehorchen und meinen Bund halten, so sollt ihr mein Eigentum sein vor allen Völkern; denn die ganze Erde ist mein. (6) Und ihr sollt mir ein Königreich von Priestern und ein heiliges Volk sein. Das sind die Worte, die du den Israeliten sagen sollst.

Es ist der erste Tag des dritten Monats seit dem Auszug aus Ägypten. So was merkt man sich. Das Land am Nil liegt schon weit hinter ihnen. Die ersten fangen an, sich dorthin zurückzusehnen. Die neue Freiheit kostet Vertrauen. Haben sie davon genug? Sie müssen sich verlassen auf ihren Gott. Den sucht jetzt Mose auf. Dazu steigt er auf den Berg. Er muss heraus aus dem Alltag. Er muss los von den sonst allgegenwärtigen Erwartungen seiner Leute und in die Einsamkeit des Berges. Da hört er Gottes Stimme. Sie kommt ihm von oben – vom Berge her – entgegen. Es ist eine Ansage und gewiss kein Plausch. Mose hört, was er seinem Volk zu sagen haben wird. Er soll an den Auszug aus Ägypten erinnern und daran, dass sich dieser Gott, der „Ich werde sein, der ich sein werde“ [2. Mos 3,14], dem Volk gegenüber treu verhält, wie die besten und fürsorglichsten Eltern. Dafür steht die Redewendung von den Adlerflügeln, auf denen er es trägt. „Ihr habt Erfahrungen mit mir. Ihr habt mich kennen gelernt als einen, der für euch sorgt. Wenn ihr jetzt weitergeht, vergesst das nicht.“

Und erstmals ist jetzt die Rede von einem neuerlichen Bund zwischen Gott und diesem Volk [vgl. 2. Mos 6,4f.], der, so ist das mit Verträgen, an eine Bedingung geknüpft ist und weitreichende Folgen hat: „Werdet ihr nun meiner Stimme gehorchen und meinen Bund halten, so sollt ihr mein Eigentum sein vor allen Völkern; denn die ganze Erde ist mein.“ [2. Mos 19,5]

Die Israeliten werden verstehen, dass dieser Bund, der ein bleibender Bund ist, weil der Ewige ihm treu bleibt von Abraham an, dass dieser Bund nicht nur ihren Weg, sondern auch ihre Identität bestimmen wird. Sie werden sich selber durch diesen Bund verstehen lernen und von anderen als solche erkannt werden. Was sie tun und lassen, was sie sagen und beschweigen, wird vor diesem Hintergrund geschehen und verstanden werden. Und sie werden beten und bekennen: „Schema Jisrael. Adonai elohenu, Adonai aechad“ – Höre, Israel, der Herr, unser Gott, ist Gott allein. [5. Mose 6,4]

„Wer sich nichts sagen lässt, wird nichtssagend.“ Wir müssen wohl hören, um dann selbst gehört und verstanden zu werden. Das Schicksal teilen wir mit den Juden, aus deren Stamm wir durch Jesus hervorgegangen sind. Diesen Zusammenhang formuliert der Grundartikel unserer hessisch-nassauischen Landeskirche. Hier kommt in geprägter Sprache zum Ausdruck, worauf Christen zu hören haben, aber auch wie sie das im Respekt vor dem Sinai-bund und eben dem Judentum zu tun haben. Es heißt dort für unsere Landeskirche und ihre Verkündigung: „Als Kirche Jesu Christi hat sie ihr Bekenntnis jederzeit in gehorsamer Prüfung an der Heiligen Schrift und im Hören auf die Schwestern und Brüder neu zu bezeugen. In diesem Sinne bekennt sie sich zu der Theologischen Erklärung von Barmen. Aus Blindheit und Schuld zur Umkehr gerufen, bezeugt sie neu die bleibende Erwählung der Juden und Gottes Bund mit ihnen. Das Bekenntnis zu Jesus Christus schließt dieses Zeugnis ein.“ [KO 1, Grundartikel, zuletzt geändert am 17. Mai 2003]

Gehorsam. Hören. Folge leisten. Das gehört gewiss nicht ins Repertoire des zeitgenössischen gesellschaftlichen Wunschkonzertes. Und doch ist es von großer Bedeutung, dass wir hören und folgen und auf wen wir hören und wem wir folgen. Das nämlich ist nicht nur etwas von außen an uns Herandringendes, sondern es findet gerade in uns seinen Widerhall und seine Ausprägung als Identität, so dass wir sagen können, wer wir sind und zu wem wir gehören. Wir sind Christen und folgen unserem Herrn Jesus Christus. Merke: „Wer sich nichts sagen lässt, wird nichtssagend“!

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.