12. Sonntag nach Trinitatis

Text: Apg 3,1-10

Thema: Eine verändernde Begegnung

Ev. Emmausgemeinde Eppstein

Pfarrer Moritz Mittag

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

Die Leute kommen und gehen. Das ist eine Binsenweisheit. Es gibt Orte, an denen das ganz besonders auffällt. Die Bahnhofshalle zum Beispiel oder das Terminal am Flughafen. Eilig hastende Menschen, neben solchen, die schlendernd ihre Wartezeit verbringen. Oder Venedig, wenn mal wieder eines der riesigen Kreuzfahrtschiffe seine zigtausend Passagiere in die engen Straßen und Gassen der an der Lagune entlassen hat. Unter diesen Orten, die man neudeutsch als „Hotspots“ bezeichnet, sind auch solche, deren Besucherschar religiös motiviert ist – wirklich oder vermeintlich. Der Petersdom in Rom, die Kaba in Mekka oder der Ganges bei den Hindus in Indien. In der Apostelgeschichte, wo wir den Predigttext am heutigen Sonntag lesen, ist es heute der Tempel in Jerusalem. Im 3. Kapitel spricht der erste Vers davon: „1 Petrus aber und Johannes gingen hinauf in den Tempel um die neunte Stunde, zur Gebetszeit.“

Es wohl drei Uhr nachtmittags, als die beiden sich auf dem Weg zum Tempel befinden. Ob man ihnen, ihrem Gang, ihrer Haltung ansieht, dass sie etwas vorhaben?

Wie bin ich, wie seid Ihr heute zum Gottesdienst gekommen? Raschen Schrittes oder zögerlich? Zu Fuß oder mit dem Wagen? In Euch gekehrt oder aufmerksam für Eure Umgebung?

Warum ich das frage, weil das wichtig ist für den Fortgang unserer Geschichte. Die berichtet nämlich: „2 Und es wurde ein Mann herbeigetragen, der war gelähmt von Mutterleibe an; den setzte man täglich vor das Tor des Tempels, das da heißt das Schöne, damit er um Almosen bettelte bei denen, die in den Tempel gingen.“

Auch wenn es den Tempel nicht mehr gibt, ähnliche Szenen kennen wir auch. Oft sind es Orte, an denen wir Freude, Kraft oder Bestärkung erfahren. An der Oper in Frankfurt, auf der Zeil und ganz gerne am Portal der Kirchen. Vielleicht, so könnte der Gedanke sein, bewirkt ja das Gebet drinnen auch was für den Bettler draußen.

Manchmal ist das so. Da bückt sich jemand und lässt eine Münze in den Pappbecher fallen, den ihm der andere hinhält. Ein kurzer Blickkontakt noch, vielleicht auch ein Gruß. Oft aber drängeln sich die Passanten an diesem Hindernis vorbei, das wie eine stumme Frage am Boden kauert. Jeder von uns kennt das und weiß, dass in kürzester Zeit ein Urteil zu fällen ist. Kriegt was, kriegt nichts. Warum mal so und mal so? Weil der Geber frei ist, so und so entscheiden kann? Weil im einen Fall Sympathie aufblitzt und im andern Gleichgültigkeit herrscht? Weil es mir heute so gut geht, dass ich mein Glück teilen mag? Oder weil ich das Elend dieses Einen erkenne.

Die beiden Apostel kriegen von all dem wenig mit. Aber der Gelähmte am Eingang: „3 Als er nun Petrus und Johannes sah, wie sie in den Tempel hineingehen wollten, bat er um ein Almosen.“ Mit einem raschen Griff in die Tasche, wäre die Sache schnell erledigt. „4 Petrus aber blickte ihn an mit Johannes und sprach: Sieh uns an!“ Das lässt mich nun doch aufhorchen. „Sieh uns an!“ Da nimmt Petrus offenbar ganz bewusst Kontakt zu diesem Menschen auf. In mir klingt die Aufforderung nach: „Sieh mich an, wenn Du mit mir sprichst!“ Der Blickkontakt schafft eine Verbindung, mehr als nur von Auge zu Auge, doch eher von Mensch zu Mensch.

Solcher Blickkontakt fehlt uns in den meisten sozialen Medien. Da fliegen die Sprachbotschaften hin und her und manch einem wie Fetzen um die Ohren. Da gibt es viel zu oft keine „Rück-Sicht“, vielleicht weil da niemand zurücksieht, getroffen, verletzt, verängstigt, am Boden zerstört durch das, was ihm gegenüber geäußert wurde.

Aber auf das Ansehen kommt es jetzt an. Nicht nur in der Geschichte, sondern auch, wenn Ihr Euch nachher gleich vorstellen werdet. Wie furchtbar, wenn auch nur eine oder einer von Euch ignoriert würde! Wenn sich alle abwenden, und den Betroffenen mit Missachtung bestrafen würden! Beachtung zu finden, das ist für jeden von uns so wichtig. Und darum geht es hier auch um die persönliche Beachtung, nicht nur die in der Gruppe. Das Ich sucht sein Du, und es ist gut, wenn es das findet.

„5 Und er sah sie an und wartete darauf, dass er etwas von ihnen empfinge.“ Die Erwartung des Bettelnden ist klar: Geld! In kleiner oder in großer Münze! „6 Petrus aber sprach: Silber und Gold habe ich nicht; was ich aber habe, das gebe ich dir: Im Namen Jesu Christi von Nazareth steh auf und geh umher!“

„Was ich habe, das gebe ich dir.“ Was hat er denn? Der geübte Blick des Bettlers hat das sicher rasch erfasst: er hat nichts. Nichts in der Hand. Nichts im Beutel. Nichts, was etwas wäre. Nur eine aus voller Überzeugung, tiefstem Vertrauen gespeiste Vollmacht. „Im Namen Jesu Christi von Nazareth steh auf und geh umher!“

Ich möchte das, die Erzählung kurz unterbrechend, mit einer Situation vergleichen, die Ihr vielleicht kennt. Im Schwimmbad. „Kommst Du mit springen?“ „Okay!“ Und dann gehen die andern am Dreier-Aufgang vorbei und die Treppe hoch zum Zehner-Brett. „Oh nein, denkst du, das kann ich nie, das trau ich mich nicht.“ Rauf kommst du schon. Aber runter? Einer nach dem andern geht nach vorn und springt. Du traust dich kaum runter zu schauen, vom Sprung ganz zu schweigen. „Ich kann doch die Treppe wieder runter?“ Da sagt einer ganz ruhig und fest: „Du kannst das! Achte darauf, dass du gerade bleibst und in Körperspannung.“ „Soll ich das glauben? Soll ich glauben, was er glaubt?“ Dir fällt nichts Besseres ein. Eine Weile zögerst du noch, dann gehst du nach vorn und springst – gerade und mit Körperspannung. Nach einer halben Ewigkeit kommst du unten an. Das Wasser ist hart, aber du durchstößt die Fläche und tauchst bald darauf wohlbehalten auf. Jetzt weißt du mehr von dir und von der Kraft des Vertrauens.

Soll ich, soll ich nicht, das mag sich auch der Gelähmte gefragt haben. „7 Und er [Petrus] ergriff ihn bei der rechten Hand und richtete ihn auf. Sogleich wurden seine Füße und Knöchel fest, 8 er sprang auf, konnte stehen und gehen und ging mit ihnen in den Tempel, lief und sprang umher und lobte Gott.“

Jetzt hat die Begegnung Hand und Fuß bekommen. Es ist daraus etwas möglich geworden, was zuvor unmöglich schien und mit Geld nicht zu bezahlen.

„Alles wirkliche Leben ist Begegnung“, stellt Martin Buber fest. Sie ist kostbar und weit entfernt von Flüchtigkeit und Oberflächlichkeit. Kein „like“ kann sie ersetzen. Begegnung geht in die Tiefe, sie sucht den andern. „Sieh uns an!“ sagt Petrus, weil er möchte, dass sich ihre Blicke und damit sie selbst einander begegnen. So wollen wir uns auch begegnen im Konfirmandenunterricht und in der Gemeinde. In der Begegnung ganz beim andern, aufmerksam und interessiert. Daraus wird Gutes.

„9 Und es sah ihn alles Volk umhergehen und Gott loben.“

Offenbar hat der Mensch begriffen, dass in den beiden, die eben noch vor ihm standen, ein anderer wirksam gewesen war. Den andern, die sich an das traurige Schicksal des Gelähmten gewöhnt hatten, kommt das Ganze nicht geheuer vor.

„10 Sie erkannten ihn auch, dass er es war, der vor dem Schönen Tor des Tempels gesessen und um Almosen gebettelt hatte; und Verwunderung und Entsetzen erfüllte sie über das, was ihm widerfahren war.“

In einer anderen Übersetzung ist die Rede davon, dass die Tempelgemeinde, als sie den Mann herumlaufen und Gott loben sieht, in Ekstase gerät. Begeisterung könnte man auch sagen für das Wunder, das geschehen ist, das uns sagt, dass Menschen offen sein können für Neues, für Ungewohntes, für göttliches Wirken.

Da darf sein, was eigentlich nicht sein kann.

Da muss nicht alles so bleiben, wie es immer schon war.

Mit dieser Einstellung kann man wahrnehmen, was Gott in Menschen und durch Menschen bewirkt.

Und der Friede Gottes, der höher ist, als alle unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

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