Jubilate

Text: 1. Mose 1,1–4a.26–28.31a; 2,1–4a
Thema: Ostern für die Schöpfung
Ev. Emmausgemeinde Eppstein
Pfarrer Moritz Mittag

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

Morgens, ich stehe früh auf, höre ich zurzeit am weitgeöffneten Fenster eine Amsel. Laut und klar schmettert sie ihre Tonfolgen. Ja, sie singt unverwechselbar, so, dass ich immer wieder innehalte und genau hinhöre, oft überrascht, welch kreative Melodieschöpfungen aus dieser kleinen Kehle kommen. Dann suche ich, wo sie sitzt. Normalerweise ist der Platz dieser kleinen schwarzgefiederten Sänger mit dem gelben Schnabel, exponiert. Am Ende des Dachfirstes oder im Wipfel eines Baumes. Aber diese hier liebt es im Verborgenen zu wirken. Manchmal habe ich Glück und entdecke sie doch – mitten im Geäst einer Baumkrone.

Nun möchte ich nicht mit so geläufigen Naturbeobachtungen aufwarten, nur weil der Predigttext aus der ersten Schöpfungsgeschichte stammt. Die ist ja, wie wir wissen, die jüngere der beiden im ersten Buch Mose nachzulesenden Darstellungen. Priester der nachexilischen Zeit haben sie verfasst.

In den Farben des Frühlings, im Gesang der Vögel in der Lebensfreude der Menschen begegnet uns diese gute Welt. Dankbar sehen wir darauf, dankbar leben wir in ihr und wissen als Gläubige, was Luther in den Tischreden bemerkt: „Gott gibt Sonn und Mond, Sterne und Elemente, Feuer und Wasser, Luft und Erden, und alle Creaturen, Leib und Seel, und allerlei Nahrung an Früchten, Getreide, Korn, Wein, und Alles, was uns nütz und noth ist, zu erhalten dies zeitliche Leben. Und darüber gibt er uns noch dazu sein liebes Wort, ja sich selber.“

Aus dem Sprechen Gottes, aus seinem Wort heraus, wird alles, was ist. Die ganze Welt, ihre Ordnung, die Gestirne, Pflanzen und Tiere und auch der Mensch. Immer schaut Gott auf seine Schöpfung: „Und Gott sah, dass es gut war.“ [1. Mos  2,4.10.12.19.21.25]

Ich brauche diese Momente des Staunens und der ungebrochenen Freude. Der Anblick einer ganzen Matte zarter weißblütiger Buschwindröschen im noch frühlingsfrischen

Wald streichelt die Seele. Das grandiose Schauspiel des Sonnenaufgangs am klaren Himmel oder das Funkeln unzähliger Himmelskörper am nächtlichen Firmament erfüllt uns mit Ehrfurcht und Freude. —

Zurück den Amseln. Später, wenn die Zeit der Morgengesänge vorüber ist, sehe ich etliche Amselmännchen, die einander in atemberaubenden Flugmanövern verfolgen, in äußerster Erregung gegeneinander anfliegen, sich am Boden rasante Verfolgungsjagden liefern und mitunter im Kampf so kopflos agieren, dass sie einem herankommenden Fahrzeug erst im allerletzten Moment ausweichen.

Dann kommen mir die aktuellen Bilder aus der Ukraine in den Sinn. Ich denke an die brennenden Wälder, die in Sturzbächen hinweggefegten Orte, die schmelzenden Polkappen, die zunehmende Erderwärmung. Ich denke an kanalisierte Gewässer, die nur das zu sein haben, was den menschlichen Plänen entspricht. Ich denke an brennende Müllhalden und Teppiche von Plastikmüll. Pro Minute eine Lastwagenladung! Ich denke an ausgebeutete Landschaften und gemarterte Tiere, die zur Billigware herabgesetzt wurden. Was ist nur aus dieser Welt geworden, die der Mensch sich untertan gemacht hat? Viele sehen sie trunken vor Gier und Konsumlust, getrieben von Macht und Gewalt auf den Abgrund zu taumeln.

Wie konnte es dazu kommen? Hat uns Gott nicht alle guten Gaben zukommen lassen? „Was verdienet er aber damit?“ fragt Luther, und gibt die Antwort: „Nichts anders, denn dass er dafür geschändet und gelästert wird, ja sein lieber Sohn jämmerlich verhöhnet, verspottet und an den Galgen gehenkt wird, und seine Diener geplaget, verjaget, verfolget und getödtet werden. Das ist der Dank, dass er uns aus Gnaden geschaffen, erlöset, geheiliget, ernähret und erhalten hat. Ein solch Kräutlein, Früchtlein und fromm Kindlein ist die Welt. O, wehe ihr!“

Die Welt hat den Zusammenhang von Schöpfer und Schöpfung vergessen oder bestreitet ihn gar. In den Entwicklungen der Moderne hat der Mensch sich zunehmend nicht nur als Herr der Schöpfung verstanden, sondern auch zunehmend als autonom, unabhängig von einem Gott und seinem Willen. Ja, er hat den Menschen als das eigentliche Gegenüber der Schöpfung, der Natur, verstanden und nicht als einen Teil derselben. Um Luthers Gedanken fortzuführen: Der Mensch untersteht sich, nachdem er den Christus gekreuzigt hat, die gesamte Schöpfung zu kreuzigen. Er erweist sich als das Gegenteil eines „guten Haushalters der mancherlei Gnade Gottes“ [1. Kor 12,4].

Dagegen behauptet die biblische Überlieferung, dass Gott und nichts und niemand anders Grund und Ursprung all dessen ist, was ist. Die Welt, in der wir leben. Ist keine sinn – und seelenlose Anhäufung von Naturgesetzen, mit denen wir machen können, was wir auch immer wollen, sondern ein Kosmos, eine bewundernswerte, wunderbare Schöpfung, die bis in die kleinsten Einzelheiten die Handschrift ihres liebevollen Schöpfers trägt.

Und der Mensch, von dem es in der ersten Schöpfungsgeschichte heißt: „Und Gott sprach: Lasset uns Menschen machen, ein Bild, das uns gleich sei, die da herrschen über die Fische im Meer und über die Vögel unter dem Himmel und über das Vieh und über die ganze Erde und über alles Gewürm, das auf Erden kriecht. Und Gott schuf den Menschen zu seinem Bilde, zum Bilde Gottes schuf er ihn; und schuf sie als Mann und Frau. Und Gott segnete sie und sprach zu ihnen: Seid fruchtbar und mehret euch und füllet die Erde und machet sie euch untertan und herrschet über die Fische im Meer und über die Vögel unter dem Himmel und über alles Getier, das auf Erden kriecht. [1. Mos 1,26-28] … und der Mensch ist wie alle Lebewesen zu Lande am sechsten Tag geschaffen. Er zeichnet sich dadurch aus, dass Gott ihn zu seinem Ebenbild geschaffen hat. Gott hat ihn zu seinem Gegenüber bestimmt, zu dem Wesen, mit dem Gott und das seinerseits mit Gott reden kann. Wird der Mensch sich dessen bewusst, kann er nicht anders als Gott zu fragen: „Was ist der Mensch, dass Du seiner gedenkst?“ [Ps 8,5] 

Diesen Zusammenhang, ja, dieses Verwiesen-Sein auf den, der für alles steht, für das Große und Ganze und für das Kleine und Verletzliche, aufzugeben, ja, dem Vergessen anheimzugeben, das lässt den Jubel verstummen. Ja, angesichts der Wirkungsgeschichte dieser Entscheidung für den sich autonom verstehenden Menschen, bleibt einem der Jubel im Halse stecken. Denn der Mensch untersteht sich, nachdem er den Christus gekreuzigt hat, die gesamte Schöpfung zu kreuzigen.

„Nun aber ist Christus auferweckt von den Toten als Erstling unter denen, die Entschlafen sind“ [1 Kor 15,20] Das ist die Hoffnung für die Welt – nicht nur für uns Menschen, sondern auch für die ganze Schöpfung, die seufzt [vgl. Rm 8,22]. Auch sie „wird frei werden von der Knechtschaft der Vergänglichkeit zu der herrlichen Freiheit der Kinder Gottes“ [Rm 8,21].

Im Lichte dieser Hoffnung zu leben und zu arbeiten, sie als Weg und Wahrheit im Sinne Jesu Christi zu verstehen, das ist unser Auftrag. Im Lichte dieser Hoffnung, die gründet im Kreuz Christi und in seiner Auferstehung, können wir dem „Jubilate!“ Folge leisten und dem morgendlichen Sänger dort oben im Geäst des Wipfels antworten.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.