Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

„In der Welt habt ihr Angst: aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden.“ [Joh 16,33]

Das sagt Jesus in einer seiner Abschiedsreden. Er sieht seine Jünger vor sich und weiß, dass für sie hinter der nächsten Ecke die Angst lauert. Erst recht wird das so sein, wenn er nicht mehr mit ihnen unterwegs sein wird – sichtbar und greifbar. Wie die Küken, denen die Glucke fehlt, werden sie hierhin und dorthin laufen, ein wenig kopflos und voller Angst.

Jesus kennt unser Leben und wohl auch uns zu gut, als dass er nicht wüsste, wie die Angst zu unserem Leben gehört. Und tatsächlich sie ist da. Sie begegnet uns angesichts der Einsamkeit ebenso wie in den existentiellen Bedrohungen von Krankheit, Schmerz und Tod. Dass die Welt ins Chaos fällt, dass wir verlören, was wir uns aufgebaut haben, dass in unserem Land die Gegner der Demokratie obsiegen könnten. Dass der Virus sich unter uns verbreiten könnte, ja, uns und unser Leben bedrohte. Dass den Kindern oder Enkeln etwas zustoßen könnte. Ja, die Angst gehört zu uns und unserem Leben, da hat Jesus recht, wenn er sagt: „In der Welt habt ihr Angst“.

Das stimmt, obwohl wir sonst gerne so auftreten, als hätten wir alles unter Kontrolle, als wären wir die Herren der Welt. „Kein Problem!“ Von wegen! Es braucht nicht allzu viel und mit unserer Herrlichkeit ist es aus.

Ob die gegenwärtige Konjunktur der Ängste auch darin begründet ist, dass wir aus der Übung sind, was ein Leben in engen Grenzen und immer wieder auftretenden Ohnmachtserfahrungen anlangt? Wir sind es gewöhnt, dass wir das Kind schon schaukeln. Und wir sind es nicht gewöhnt und haben zudem weitgehend ausgeblendet, was uns an unsere Grenzen erinnern könnte. Unverfügbarkeit und Kontrollverlust machen uns spürbar nervös. Es gab Zeiten, da kannte man das Leben gar nicht anders.

Es bleibt die Aussage Jesu: „In der Welt habt ihr Angst.“ In der Bibel ist das immer wieder Thema. Im 31. Psalm zum Beispiel: „Herr, sei mir gnädig, denn mir ist angst“ [Ps 31,10], hören wir den Beter sagen. Und auch von den Jüngern sind uns angsterfüllte Momente in Erinnerung, denken wir nur an den Sturm auf dem See Genezareth [Mk 4,35ff. parr.]. Und ja, wir sehen die Jünger angesichts der Kreuzigung Jesu in alle Richtungen davonlaufen. Die Angst treibt sie. Wir können das nachempfinden. Denn auch wir kennen Ängste und haben Ängste. Das ist ganz normal. Jesus weiß das. Und so wie der Psalmbeter damit im Gebet Gott anvertraut, so können wir das auch tun. Und hoffentlich gibt es in unserer Nähe jemandem, mit dem wir darüber hinaus auch über unsere eher geheimen Ängste reden können.

Nun sagt Jesus „aber“. Wir dürfen erwarten, dass er dem ersten Teil, „In der Welt habt ihr Angst“, etwas gegenüberstellt. „Seid getrost“, sagt er in der lutherischen Übersetzung. Vielleicht würden wir sagen, „macht Euch keine Gedanken“ oder „verliert den Mut nicht“ – auf jeden Fall: überlasst der Angst nicht Euer Leben!

Aber was spricht dafür so mutig zu sein? Was rückt die Verhältnisse zurecht, in denen die Angst überhand zu nehmen drohte?

Als jüngst die Regale der Supermärkte leergeräumt wurden, als die Desinfektionsmittel ausverkauft waren und selbst für das medizinische Personal kein Mundschutz mehr zu bekommen war, da konnten wir sehen, was passiert, wenn die Angst sich einhaust und einen nach dem anderen beschleicht. Da war es richtig darauf hinzuweisen, dass eine sachliche Betrachtung der Dinge und die dafür notwendige klare Information der Menschen der Angst zu begegnen hilft.

Aber irgendwie bleibt sie uns in den Kleidern. Vor allem sobald die Dinge eine existentielle Wendung nehmen, sobald es um Sein oder Nichtsein, um Leben und Tod geht. Was kann Jesus angesichts dessen seinen Jüngern sagen?

„Ich habe die Welt überwunden“, sagt er, nicht „ich habe die Angst überwunden“, „ich habe die Welt überwunden“. Was meint er damit? Was meint er mit „Welt“? Das ist der Schauplatz unserer Lebensgeschichten mit allem, was dazugehört. Das ist die Welt von Adam und Eva, von Kain und Abel, von David und Salomo, von Herodes und Augustus, von Kaiphas und Pontius Pilatus. Das ist dort, wo die ganze Schöpfung seufzt [Rm 8,22], angesichts des steten Bemühens aller Beteiligten, sich zu behaupten, zu überleben, sich dafür im einen Moment zu ducken und im nächsten Moment, alle Hemmungen fahren zu lassen. Die Welt ist da, wo Ansprüche und Schuldzuweisungen im Wettstreit miteinander liegen. Wo die Moral auf den Wühltischen der Gesellschaft verkauft wird.

Genau in diese Welt ist Jesus gekommen. Sie wird ihm den Prozess machen und sich gegen ihn zusammenrotten in dem Schrei: „Nicht diesen, sondern Barabas!“ [Joh 18,40] Dieser Welt zeigt er aber auch seinen Weg, der Angst, dem Unheil und dem Tod zu begegnen. So wandert er durch Galiläa, bergauf und bergab, an den See und auf die Berge, begegnet Menschen, die Heilung suchen oder Achtsamkeit, die hungert nicht nur nach Brot, die Hoffnung schöpfen, als sie sehen, wie heilend er wirkt und wie befreiend. Nicht einer, der nur kommt, um zu schauen, wie wir das als Touristen tun, sondern die Begegnung mit Menschen zu einer existentiellen Erfahrung werden lässt. Er kommt in die Welt, so las ich das wunderbar treffend, „wie eine Mutter, die in ein brennendes Haus stürzt, um ihr Kind zu retten – unter Einsatz ihres Lebens“.

„Ich habe die Welt überwunden“, sagt er. Das klingt harmloser, als es die Wortwahl im ursprünglichen Text meint. Da ist die Rede von „besiegen“. „Ich habe die Welt besiegt“, heißt es da. Die das hören, haben’s ja miterlebt. Da kam kein Feldherr mit Heerscharen und Streitwagen, der wie so viele zuvor, sich Israel unterworfen hätte, nein, da kam einer auf zwei Füßen, begleitet von einer Schar Jünger und zog durch’s Land. Nicht auf Eroberungen aus, sondern um zu zeigen, was Gott dieser „Welt“ mit ihren Üblichkeiten und Unzulänglichkeiten gegenüberstellt. Auf ein Wort reduziert: Es ist die Liebe. Mit Liebe begegnet er den Menschen, die an dieser Welt verzweifeln, denen sonst Willkür, Ausbeutung, Leid, Schmerz und Tod das Leben stehlen. Und wer zusieht bemerkt, es wird neu dieses Leben und anders. „Blinde sehen, Lahme gehen. Aussätzige werden rein und Taube hören, und Tote werden erweckt, und Armen wird die frohe Botschaft gebracht“ [Mt 11,5]. So hat Jesus die Welt und ihre scheinbar ehernen Gesetze besiegt.

Deshalb geht er seinen Weg auch den von Galiläa bis nach Jerusalem. Bis zum Kreuz. Da nimmt er auf sich, was auf uns bleibt, wenn wir, wie üblich, nach den Schuldigen suchen, auf andere zeigen, obwohl uns eigene Schuld verklagt. Er trägt die Schuld der Welt ans Kreuz. Das ist der tiefste Sinn seines Weges. Und auch er spürt dabei die Angst. Im Garten Gethsemane sehen wir ihn zagen. Am Kreuz hören wir seine Klage: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ [Mt 27,46] Er stirbt. Der Triumph seiner Gegner scheint vollkommen. Alles bleibt beim Alten. Sieht so, die Überwindung der „Welt“ aus?

Welt, das heißt: Andere für sich sterben lassen. Jesus über-windet die Welt, in dem er sich dem Sterben nicht entzieht. Nicht am Sterben vorbei, sondern durch das Sterben hindurch – so besiegt er die Welt in ihrem grausamsten Höhe-punkt, dem Tod.

Da kommt vom tiefsten Punkt her die Wende. Das feiern wir an Ostern. Von diesem Geschehen her verstehen wir die Taufe. Gott beruft uns in ein Leben, das nicht dem Tod unterworfen ist und seiner besten Agentin, der Angst. Wir werden ihr immer wieder begegnen, aber wir sind ihr mit Jesus Christus an der Seite nicht unterworfen. Im Gegenteil, mit Paulus sagen wir: „Ich bin gewiss,  dass weder Tod noch Leben, weder Engel noch Mächte noch Gewalten, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges, weder Hohes noch Tiefes noch irgendeine andere Kreatur uns scheiden kann von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, unserm Herrn“ [Rm 8,38f.].

Und der Friede Gottes, der höher ist, als alle unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

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