8. Sonntag nach Trinitatis
Text: Mk 12,41–44
Thema: Loslassen können
Ev. Emmausgemeinde Eppstein
Pfarrer Moritz Mittag

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

Den Predigttext zum heutigen Sonntag lesen wir bei Markus im 12. Kapitel, in den Versen 41-44:

Mk 12,41 Und Jesus setzte sich dem Gotteskasten gegenüber und sah zu, wie das Volk Geld einlegte in den Gotteskasten. Und viele Reiche legten viel ein. 42 Und es kam eine arme Witwe und legte zwei Scherflein ein; das ist ein Heller. 43 Und er rief seine Jünger zu sich und sprach zu ihnen: Wahrlich, ich sage euch: Diese arme Witwe hat mehr in den Gotteskasten gelegt als alle, die etwas eingelegt haben. 44 Denn sie haben alle von ihrem Überfluss eingelegt; diese aber hat von ihrer Armut ihre ganze Habe eingelegt, alles, was sie zum Leben hatte.

Leute gucken. Das ist unterhaltsam und interessant. Sich an den Rand setzen und denen zuschauen, die vorbeikommen. Man kann dabei staunen, bewundern, erschrecken, sich angezogen oder abgestoßen fühlen. „Was es nicht alles gibt!“

Aber, das was Jesus macht, den Leuten beim Geben zusehen, das unterläuft das Gebot der Diskretion. Wer hat es schon gerne, wenn ihm auf die Finger schaut, die den Schein oder die Münze, erst die kleine Münze hervorkramen? Geübte Kollekten-Sammlerinnen sehen darum den Vorübergehenden in die Augen. Ein Lächeln und ein freundlicher Gruß.

Aber der, der die Haare auf meinem Kopf gezählt hat [vgl. Lk 12,7], der sieht auch, was ich am Opferstock einlege. Markus hat den Ort im Tempel, wo das Geld gesammelt wird, im Griechischen mit „gazophylákion“ bezeichnet. Man kann das auch mit „Schatzkammer“ übersetzen. Luther sagt „Gotteskasten“. Da hinein gibt der Gläubige seinen Beitrag für die Armen. Die zedaka ist das. Zedaka heißt eigentlich „Gerechtigkeit“. Vielleicht kann man so sagen: Was jemand in den Gotteskasten legt, dient der ausgleichenden Gerechtigkeit.

Aus Norddeutschland, beispielsweise in den Vierlanden erinnere ich wuchtige aus Holz geschaffene und mit massiven Eisenbeschlägen bewehrte Opferstöcke. Sie stehen am Ausgang oft mitten im Gang. Einer der wichtigsten Mitarbeiter Luthers, Johannes Bugenhagen, hatte sie einst in Hamburg eingeführt. Dort gilt der Opferstock als Bestandteil der ersten Sozialbehörde. 

Was sieht Jesus? Er wird die sehen, die nach jedem Gottesdienst einen oder zwei Euro geben. Auch die, die vorübergehen und nichts übrighaben. Oder die den dicken Geldbeuel, in dem sich die Woche über viele kleine Münzen angesammelt haben, schlankmachen. Aber die dicken Fische kriegt er mit. „Und viele Reiche legten viel ein.“ [Mk 12,41]

Beim Zählen der Kollekte bemerken sie das später auch. Ganz selten ist auch mal ein Knopf dabei oder der Chip vom Einkaufswagen.

Vielleicht sinnieren sie, von wem der große Schein stammt. Vielleicht einer, der sonst auch etwas gibt, und heute überlegt hatte, wie gut es ihm geht, wie viel er hat, ja übrighat. Und dann hat er nochmal in die Tasche gegriffen. Am Zähltisch freuen sie sich. Wie soll sonst auch alles bezahlt werden, was zu schultern ist. Die Heizkosten im kalten Halbjahr. Das mag was geben. Wie gut, denken sie mit Dankbarkeit, dass sich auch hier bewahrheitet: „Und viele Reiche legten viel ein.“ [Mk 12,41]

Und Jesus schaut weiter und sieht eine Frau kommen, der man Kummer und Gram ansieht. Sie gibt keine glänzende Erscheinung ab. Der Glanz der Augen ist in Sorgen und Kummer stumpf geworden. Sie muss rechnen, damit sie über die Runden kommt. Jetzt kommt sie, schmal geworden, und spürbar allein. Markus erzählt: „Und es kam eine arme Witwe und legte zwei Scherflein ein; das ist ein Heller.“ [Mk 12,42]

Der Scherf hatte zu Luthers Zeiten den Wert eines halben Pfennigs. Der ursprüngliche Text spricht von zwei Lepta. Das reicht gerade mal, um über einen Tag zu kommen. Sie hat das Geld von der Familie ihres Mannes oder von der Fürsorge – Zedaka. Die gab’s schon in Jerusalem zur Zeit Jesu. Von ihr erhielt die Witwe ein Wochengeld. Und damit konnte sie zwei einfache Mahlzeiten am Tag bestreiten.

Was sie hat, gibt sie. Womit sie ihr Leben bestreitet, das gibt sie hin. Sie gibt in gewisser Weise ihr Leben. Sie gibt es für Gott. So ernst nimmt sie ihn. So viel Ehre erweist sie dem Schöpfer und Erhalter des Lebens. Kein Gefühl von Stolz begleitet ihr Geben, es ist eher Demut und Ausdruck einer leisen Dankbarkeit. Wie die Vögel unter dem Himmel und die Lilien auf dem Felde, wagt sie es, sich ganz auf den zu verlassen, der sie ins Leben gerufen hat.

Jesus zeigt sich beeindruckt. Er ruft die Jünger zusammen. Er stellt ihnen das Beispiel der armen Witwe vor Augen. Aber er tut es nicht, um ihnen zu sagen: „So macht man das!“ Von niemandem wird das verlangt. Und würde das nützen? So viel Hingabe kann man nicht verlangen, geschweige denn befehlen. Etwas geben, was ich auch behalten könnte, bedeutet immer: ich muss es loslassen, ich gebe es aus der Hand, ich überlasse es anderen, ich kann es nicht für mich behalten. Gilt das womöglich ganz und gar und sogar für mein Leben?

In kleiner Münze – buchstäblich – gleicht die Gabe der Witwe – sie gibt das Letzte, was sie hat – der Hingabe, die Jesus lebt. In dieser Hinsicht ist die arme Witwe IHM ähnlich geworden. Und statt sie zu bemitleiden, werden alle, die das verstehen, sie bewundern. IHM so ähnlich werden, wenn ich das nur könnte! Stattdessen setze ich, ja, setzen wir als Gemeinschaft und auch als Gemeinde auf Sicherheiten, die uns wenigstens den Eindruck vermitteln, wir hätten etwas in der Hand. Aber so bedingungslos geben, wie es diese Frau tut, das kann ich nicht. Das geht weit über Freigiebigkeit hinaus, wie wir sie am anderen genießen und die uns selbst adelt.

Meist kommen wir der Witwe nahe, wenn wir keine Optionen mehr haben. Dann werden wir erst zu Bedürftigen und dann – hoffentlich – zu Empfangenden. Deren Hände sind frei und offen, weil sie nichts festzuhalten haben. Dann gleichen wir den Betern, die uns Johannes Schreiter aufs Fenster gemalt hat. Voll Vertrauen, was anderes haben wir dann nicht, strecken wir uns dem entgegen, der unsere Hilfe ist.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.