3. Sonntag nach Trinitatis

Text: 1. Tim 1,12–17

Thema: Gott und mein Leben

Ev. Emmausgemeinde Eppstein

Pfarrer Moritz Mittag

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

„Erzählen Sie uns doch einmal, wer Sie sind.“ So oder so ähnlich sind wir im Laufe eines Lebens unzählige Male aufgefordert worden. „Vorstellungsrunde“ heißt das. In jungen Jahren fiel es uns oft nicht leicht mehr zu sagen, als unseren Namen, den Wohnort, die Schule, Klasse und Alter. Nach und nach haben wir Routine entwickelt und ein Gespür dafür, was, wann bzw. bei wem gesagt werden sollte. Wir alle haben früh gelernt, was man von uns hören will.

Erst ist es der Ausbildungsweg, dann der berufliche Werdegang, wohl dem, der von einer „Karriere“ sprechen kann, und die familiäre Situation. Immer gut ist die regional passende Zugehörigkeit zum Fanclub eines Bundesligisten.

Da hat Paulus nichts zu sagen. Aber immerhin, dass er Zeltmacher gelernt hat, in den jüdischen Gemeinden etwas zu sagen hat und nicht verheiratet ist.

Dass er eine ganz besondere und tiefe Bindung eingegangen ist, das klingt an verschiedenen Stellen durch. Er ist sich sicher, nichts kann ihn scheiden „von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist“ [Röm 8,39]. Er bezeichnet sich als „Gottes Mitarbeiter“ [1. Kor 3,9], „Diener Christ und Haushalter über Gottes Geheimnisse“ [1. Kor 4,1] und betrachtet sich angesichts seiner Erlebnisse in diesem Dienst als „Narren um Christi willen“ [1. Kor 4,10], ja als „Abschaum der Menschheit, jedermanns Kehricht, bis heute“ [1. Kor 4,13].

Spräche jemand in unseren Vorstellungsrunde so, wir blickten betreten zu Boden.

Noch einmal anders fühlt sich das an, wenn wir jemandem begegnen, der auf sein Leben zurückblickend erzählt. Da haben auch Niederlagen und schmerzliche Erfahrungen ihren Platz. Die Erinnerung fügt die Dinge zu einem Ganzen. In immer neuen Angängen geschieht das. Feste, immer wieder verwendete Stücke der Erinnerung bilden sich heraus und formen nach und nach ein Bild des Erzählers von sich selbst. Treffender als der große Frankfurter kann man es kaum zusammenfassen: Dichtung und Wahrheit.

Daraus wird meine Geschichte, ganz persönlich, wie sie getragen, geformt oder auch belastet von den Zeitumständen wurde. Einige Personen von bleibender, vielleicht auch prägender Bedeutung gehören dazu: Vater und Mutter. Geschwister, Freundinnen und Freunde, Lehrer und andere mehr. Wer ich bin und was aus mir wurde, verdanke ich nicht zuletzt auch ihnen im Guten wie im Schlechten.

Der Lauf der Geschichte spielt in vielen Biographien unserer Zeit eine hervorragende Rolle. Der Krieg, die Erfahrungen der Bombennächte, der Front, der Diskriminierung, der Flucht, der Toten, von Hunger und Mangel. Das Aufatmen der Überlebenden, die teilweise ihr Glück nicht fassen konnten. „Nun danket alle Gott mit Herzen Mund und Händen“, spielt die Kapelle, wenn in den 50er Jahren noch Männer, endlich aus russischer Gefangenschaft entlassen, im Zug ihre Heimat, oder was von ihr geblieben ist, erreichen.

In den existentiellen Situationen dieser Jahre von Krieg und Gefangenschaft wurde die Frage nach Gott immer wieder gestellt. Laut und leise, flehentlich und verzweifelt, aber auch enttäuscht und resigniert.

Einmal, als ich durch Hamburg ging, kam ich an dem Platz – gleich neben der Universität – vorbei, auf dem Anfang der 40er Jahre die Juden der Stadt versammelt wurden, um in die Lager geschickt zu werden. 8000 von ihnen kamen darin um. Elie Wiesel (kein Hamburger), der überlebt hat, lässt die Fragen der Menschen in ihrer Verzweiflung laut werden: „Wo ist Gott? Wie kann ich, wie kann man an diesen Gott der Barmherzigkeit glauben?“ [Wiesel, Die Nacht zu begraben, S. 107]

Und umgekehrt weiß er aber auch, wie jeder Mensch, der der Vernichtung entkommen ist, „dass jeder Moment Gnade bedeutet“ [Elie Wiesel: the-first-survivor-a-retelling-of-the-noah-story].

Ob so etwas in unseren Lebensgeschichten, in den Geschichten der Nachgeborenen eine Rolle spielen wird. Welche Rolle wird Gott in den Betrachtungen des eigenen Lebens spielen?

Wer hat uns eigentlich durch unser Leben geleitet? Wer hat uns bewahrt? Auf wen oder auf was konnten wir uns verlassen? Auch wenn wir nicht der Kriegsgeneration angehören, wenn wir stattdessen den Speck der Wohlstandsgesellschaft angesetzt und die Möglichkeiten freier Entscheidungen als selbstverständlich angesehen haben, sind das Fragen bei der Bilanzierung unseres Lebens.

Eine junge Frau sagte neulich zu mir: Mit Gott habe ich’s nicht so. Ich bin für mich selbst verantwortlich. Ich muss selbst für mich sorgen. Wenig später hörte ich in den Nachrichten von einem schweren Autounfall. Drei Wagen waren darin verwickelt. Ein Stauende war übersehen worden. Die Autos hatten sofort Feuer gefangen. Ein Mensch ist verbrannt. Ein furchtbares Unglück.

In der Logik der jungen Frau müsste ich fragen: Hat er schlecht für sich gesorgt? Oder zugespitzter: Ist er selbst schuld?

In den erzählten Lebensgeschichten spielt Schuld immer wieder eine große Rolle. Oft soll sie erklären, warum das Leben diesen Lauf genommen hat. Umstände, Menschen, Vorkommnisse stehen am Rande des Lebensweges, und manchmal auch mittendrin und im Weg. Wer wollte entscheiden, was ausschlaggebend gewesen ist: Die eigenen Entscheidungen oder all das, was von anderer Seite Einfluss nahm. Verfügbares und Unverfügbares sind keine fein säuberlich getrennten Bestandteile unserer Biografien, auch wenn unsere Erzählungen mitunter einen ganz anderen Eindruck vermitteln. Dann stehen wir da, als Herr des eigenen Lebens. Aber sind wir das?

Wer kann aber auch die verschlungenen Fäden einer Lebensgeschichte, in der Fügungen, Entscheidungen und Wendungen einander durchdringen, auseinanderhalten? Wer hat all das zusammengeführt? Wie war es möglich, dass dieses Leben gelebt werden und womöglich gelingen konnte?

Der Gläubige kommt zu dem Schluss: „Aber Gott, dem ewigen König, dem Unvergänglichen und Unsichtbaren, der allein Gott ist, sei Ehre und Preis in Ewigkeit! Amen.“ [1. Tim 1,17]

Und der Friede Gottes, der höher ist, als alle unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

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