Sexagesimae
Text: Lk 8,4-8
Thema: Dass die Saat aufgeht
Ev. Emmausgemeinde Eppstein
Pfarrer Moritz Mittag

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

Lk 8,4 Als nun eine große Menge beieinander war und sie aus jeder Stadt zu ihm eilten, sprach er durch ein Gleichnis: 5 Es ging ein Sämann aus zu säen seinen Samen. Und indem er säte, fiel einiges an den Weg und wurde zertreten, und die Vögel unter dem Himmel fraßen’s auf. 6 Und anderes fiel auf den Fels; und als es aufging, verdorrte es, weil es keine Feuchtigkeit hatte. 7 Und anderes fiel mitten unter die Dornen; und die Dornen gingen mit auf und erstickten’s. 8 Und anderes fiel auf das gute Land; und es ging auf und trug hundertfach Frucht. Da er das sagte, rief er: Wer Ohren hat zu hören, der höre!

Wir haben das Gleichnis vom Sämann gehört. Er ist einer, der, wie Sämänner das tun, mit großem weitem Schwung das Saatgut ausbringt. Die Körner verteilen sich im weiten Halbrund, während er voranschreitet, um wieder und wieder die Saat durch seine Hand und über die Finger gleiten zu lassen.

Dass heutzutage kein Landwirt das mehr so macht, geschenkt. Riesige Maschinen haben seine Arbeit übernommen. Kaum noch freigebig, eher schon berechnet und berechnend, bringen sie die Saat aus. Ganz bestimmt wird der GPS-gesteuerte Fuhrpark es zu verhindern wissen, dass Saatgut auf den Weg fällt. Kein Unkraut, geschweige denn Dornen werden der aufkeimenden Saat Konkurrenz machen, da seien die Mittel der modernen Agrarindustrie vor. Und in der Folge dürften auch Vögel, die die Saat aufpicken, ein eher zu vernachlässigendes Problem sein. Eher schon spielt die Frage eine Rolle, wie die teuren Maschinen, die ressourcenfressende Bürokratie, die sich in Nachweisen, Zertifizierungserfordernissen, Buchhaltung und Steuerrecht ergeht, zu bezahlen sein sollen. Denn mit dem, was der Landwirt am Ende für seine Produkte bekommt, wird er die Kosten kaum decken können. Denn große Handelsketten diktieren die Preise und überbieten sich in maßlosem Wettbewerb darin, ihren Kunden das günstigste Angebot zu machen. Kein Wunder, dass der Landwirt immer effizienter wirtschaften muss, dass er aus dem Boden herausholen muss, was herauszuholen ist, düngen, spritzen, das Land intensiv bewirtschaften muss.

Das alles sei am Rande erwähnt, denn neben dem Sämann und seiner Saat, die offenbar hinsichtlich ihrer Eigenart und Qualität immer dieselbe ist, ganz gleich auf welchen Boden sie fällt, spielt genau dieser Boden eine, ja, die Schlüsselrolle. Hier entscheidet sich, was aus der Saat wird. Wird sie zertreten, von Vögeln aufgefressen, verdorrt sie im Wassermangel oder wird sie von Dornen erstickt?

In all diesen Fällen wird nichts aus der guten Tat, bzw. Saat. Den Leuten, die Jesus zuhören, steht das anschaulich vor Augen. Es leuchtet ihnen ein. Ja, sie können das auf andere Erfahrungen, die sie selbst gemacht haben, beziehen.

Hatten sie morgens, wenn die Sonne schon oben am Himmel stand, dem Filius nicht schon hundertmal gesagt: „Wie lange liegst du, Fauler! Wann willst du aufstehen von deinem Schlaf?“ [Spr 6,9] Der aber hatte sich nur knurrend umgedreht. Und war Rizpa nicht eindringlich gewarnt worden, mit dem Feuer zu spielen? Und doch hatte das unbeaufsichtigte Feuer das Haus in Brand gesetzt. Und hatte nicht der Rabbi eindringlich und streng den Nachwuchs die Befehle des Herrn gelehrt? Da rein, da raus, waren seine Worte gegangen. Aber so weit mussten sie gar nicht gehen, sie wussten von sich selbst, dass manch guter Rat sie nicht erreicht hatte. „Weiß ich selbst“, hatten sie dann geantwortet, und die Worte an sich abperlen lassen. Jetzt im Rückblick, kam ihnen das eine oder andere Beispiel in den Sinn. „Hätte ich doch damals gehört!“ Ja, wir selbst sind der Boden, auf den die Saat des Sämanns fällt.

„Wer Ohren hat zu hören, der höre!“ Mit dieser Erfahrung versucht Jesus, seine Zuhörer zu packen und aufzuschließen. Es wäre ja auch töricht, denselben Fehler nochmal zu machen. Erst recht, wo es sich bei der Saat, von der Jesus hier spricht, nicht einfach um Körner handelt. Die stehen gleichsam für die Worte der guten Botschaft. Selbst sagt ER: „Der Same ist das Wort Gottes.“ [Lk 8,11] Der Sämann ist einer, der diese Botschaft in die Welt trägt. Und dabei geht’s ihm so, wie seinem Kollegen auf dem Acker.

Was also wird aus der Saat? Wird aus ihr das, was der Sämann im Sinn hatte? Geht die Saat auf, damit sie Frucht bringen kann? Die Frucht dieser Saat ist der Glaube. Den hat der Sämann nicht in der Hand, wohl aber die Saat dazu.

Ob aber geschieht, was der Sämann im Sinn hat, bleibt für ihn unverfügbar. Es ist von großer Bedeutung, auf welche Bedingungen der Samen – das Wort trifft. Auch der Glaube eines Menschen an Gott entwickelt sich auf einer Lebensgrundlage. Dazu gehören die Grundbedingungen, die Erfahrungen und die sich verändernden Lebensumstände.

Auf welchen Boden fällt die Saat des Glaubens? Was auf dem Weg liegen bleibt, wird zertreten und von den Vögeln gefressen, sagt das Gleichnis. Kann die Saat des Glaubens aufgehen und Wurzeln schlagen, während wir auf den ausgetretenen Trampelpfaden glaubensloser Gewohnheiten einhergehen, während wir unterwegs sind auf Wegen, die gepflastert sind mit Ängsten und Vorbehalten, mit Prinzipien und Vorurteilen? Was auf den Fels fällt, dahin, wo wir hart geworden sind, gegen alles, was weh tut, wo wir so abgehärtet sind, dass uns niemand mehr weh tun kann, da kann uns auch niemand mehr lieben, da gedeiht die Saat nicht, denn sie kann keine Wurzeln schlagen. Was von Disteln überwuchert wird, von den leidigen Sachzwängen und unserer Anpassung an das scheinbar Unvermeidliche, das hat keine Wachstumschancen. Aus dem Samen wird nicht viel mehr als ein kümmerliches Pflänzchen im Schatten des Gestrüpps. – Manchmal denke ich, das ist ein Problem auch unserer Kirche. Viel Vorschriften, viel Verwaltung, viel Ver-brauch von Ressourcen für die Beschäftigung mit sich selbst. – Geht die Botschaft auf den Lebenswegen verloren, kann der Glaube nicht Wurzeln schlagen.

Wenn wir unseren Kindern keine biblischen Geschichten mehr erzählen, wenn wir uns alle zusammen nicht um die Weitergabe der biblischen Botschaft kümmern, wird keine Saat aufgehen. Wenn Gottes Wort in unserem Leben keine Rolle mehr spielt, wir selbst nicht in der Bibel lesen, dem Gottesdienst am liebsten fernbleiben, und wir uns nicht behelligen lassen wollen von den Dreinreden des Allerhöchsten in unser Planen, Wollen und Vollbringen, wird keine Saat aufgehen.

Vielleicht aber tragen wir, und das wäre ja schon etwas, die Samenkörner des Glaubens doch mit uns. Vielleicht sind ein paar in die Jackentasche gerutscht, da wo wir mit unseren Fingern nur selten hinkommen, dann aber sofort wissen, was uns berührt. Vielleicht ist uns diese Saat noch gar aufgegangen. Weil keine Lebenserfahrung sie uns erschlossen, keine Erklärung sie uns zugänglich gemacht hat. Oder weil wir fixiert auf unsere eigenen Interessen es den drei Affen gleichgetan haben.

Was aber geschieht, wenn der Same aufspringt, wurzelt und treibt, wächst und gedeiht? Dann bringt er, sagt Jesus, hundertfache Frucht.

Geht das auch konkreter? Was bringt es denn, wenn das Wort Gottes einen Menschen erreicht? Was kommt dabei heraus, wenn es seine Wirkung in diesem Menschen entfaltet? „Meine Mutter hat ihr ganzes Leben lang geglaubt“, erzählt ihr Sohn, „und dann musste sie doch so lange mit ihrem Gott ringen, bis sie gehen konnte.“ Nicht nur, dass sie sterben musste, nein, sie musste auch noch ringen darum, dass sie’s konnte. Der Mann schwankt zwischen Verwunderung und Bewunderung. Zwischen: Wie kann man nur? und Toll wenn man das kann! Mit Gott ringen kann nur, wer Gott zum Gegenüber hat. Mit Gott ringen kann einer, der auch mit Gott singen kann, der lachen kann mit Gott und weinen, leben und sterben. Aber eben mit Gott, mit dem Vertrauen auf IHN, mit einem Gegenüber auch dann, wenn alle andern zurückbleiben müssen. Der rechnet damit, dass auch hinter allem, was wir sehen können, nach diesem Leben ER da ist und Leben neu schafft. Dass die Saat aufgeht, die Botschaft von Jesus Christus, der den Tod überwunden hat und uns den Weg zum Leben gebahnt hat.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.