Andacht zum Wochenspruch am zweiten Sonntag nach Weihnachten

„Und wir sahen seine Herrlichkeit, eine Herrlichkeit als des eingeborenen Sohnes vom Vater, voller Gnade und Wahrheit.“
(Joh 1,14b)

Gibt es Gott?
Kann man ihn in der Schönheit der Natur erkennen? In der gewaltigen Schöpfung der Welt? Zum Beispiel auf dem Gipfel eines Berges und dem Blick in das grandiose Panorama der Alpen. Ich bin davon ergriffen und rufe aus: „Was für ein herrlicher Anblick“.

Oder zeigt uns das Leid in der Welt gerade, dass es keinen Gott gibt, wenigstens keinen, den diese Welt kümmert? Zum Beispiel am Abend in den Nachrichten; die Bilder von Kindern im Flüchtlingslager auf Lesbos. Ich bin entsetzt und berührt und rufe aus: „So kann man Menschen nicht behandeln, was sollen wir tun?“

Ich bin Christ und ich glaube: Es gibt Gott.

Gott hat sich in einem Menschen gezeigt. In Jesus Christus ist er zur Welt gekommen in einem Provinznest in Palästina. Er war ganz und gar Mensch. Die Evangelien erzählen von Tränen, Trauer und Zorn. Sie erzählen von festlicher Ausgelassenheit, von Freude und grenzenloser Liebe. Seine Liebe hatte Hand und Fuß, Herz und Verstand. Er hat denen geholfen, die Hilfe brauchten: den Kranken, den Geschundenen, denen, die Fehler gemacht haben. Denen hat er gezeigt: Ihr seid nicht von Gott verlassen. Selbst als es enger wurde, liebte er weiter. Er hat gelitten und gezweifelt. Keine menschliche Erfahrung ist ihm fremd.

Dadurch darf ich wissen: Gott ist nicht nur da, wo es schön, gut und heil ist. Zum Beispiel auf dem Gipfel eines Berges mit großartiger Aussicht.

Gott ist auch da, wo Menschen ganz unten sind, wo nicht Lachen, sondern Schmerzen das Leben bestimmen. Zum Beispiel in den Elendslagern und Slums dieser Welt. Aber auch hinter den dunklen Fenstern mancher meiner Nachbarn, bei den Trauernden und Einsamen.

Jesus zeigt mir: Auch wenn wir uns manchmal ganz schön allein fühlen – von Gott verlassen sind wir nicht. Er wurde umgebracht wie ein Terrorist. Andere Biografien enden hier. Andere Schicksale wurden im Lauf der Welt vergessen. Aber er wurde auferweckt. Gott kann das Leben neu machen. Das sehe ich an ihm. Und ich sehe seine Herrlichkeit, eine Herrlichkeit als des eingeborenen Sohnes vom Vater, voller Gnade und Wahrheit.

Und was sollen wir tun?
Auch heute ist Christus da. Er ist erfahrbar in seiner Gemeinde. Hier wird das Evangelium weiter verkündigt, wird das Wort wieder Fleisch. Hier bekommt seine Liebe Hand und Fuß, wird Glaube mit Herz und Verstand gelebt. Es sind unsere guten Taten, unsere liebevollen Blicke im Alltag, die Geborgenheit vermitteln. Wir müssen nicht die Welt aus den Angeln heben, um vor Gott zu bestehen, dazu fehlt dem einzelnen Menschen die Kraft. Jesus Christus hat gezeigt, dass Gott keine unmenschlichen Erwartungen an uns hat, sondern dass wir Menschen in der Lage sind, unser Leben an seinem Wort auszurichten: „Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist. Und richtet nicht, so werdet ihr auch nicht gerichtet. Verdammt nicht, so werdet ihr nicht verdammt. Vergebt, so wird euch vergeben. Gebt, so wird euch gegeben.“ Jesus hat uns das vorgelebt, als lebendiges Zeichen seiner Liebe. Wir können ihm folgen und mutig unsere eigenen Schritte tun.

Wir wollen miteinander und füreinander beten:

Guter Gott, zu Beginn des neuen Jahres bringen wir unsere Hoffnungen und unsere Sorgen vor Dich. Denn Du spricht zu uns: „Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist!“

So bitten wir Dich, für das neue Jahr, um Trost und Frieden. Wir bitten um das Wunder der Versöhnung für die Menschen, die Macht haben. Lenke ihre Herzen. Bestärke alle, die Brücken bauen. Wir bitten um das Wunder des Friedens für die Menschen, die gewalttätig sind. Nimm ihnen die Waffen. Beschütze alle, die vor Krieg und Hass fliehen. Hilf ihnen deine Barmherzigkeit zu erfahren.

Wir bitten Dich, für das neue Jahr, um Liebe und Geborgenheit, um Genesung für die Kranken, um Ausdauer für alle, die Kranke pflegen und Schwachen helfen. Wir bitten um Hoffnung für die Sterbenden, Trost für die Trauernden und dein helles Licht. Hilf ihnen deine Barmherzigkeit zu erfahren.

Wir bitten Dich, für das neue Jahr, um deinen Geist. Wir bitten um das Wunder des Glaubens für deine Kirche. Wir erinnern uns an die Taufe deines Sohnes und bitten für alle, die in diesen Wochen getauft wurden. Lass sie wachsen im Glauben. Wir bitten für die Konfessionen, um das Wunder einander zu verstehen, um Einheit und um geschwisterliche Freundschaft. Lass uns alle in deiner Barmherzigkeit leben.
Amen

Stefan Rottmann