2. Advent

Text: Jak 5,7–8
Thema: Geduld
Ev. Emmausgemeinde Eppstein
Pfarrer Moritz Mittag

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

„Abwarten und Tee trinken.“ Bei dem Schietwetter zurzeit ist das zumindest eine Option. Wenn der Kandiszucker im heißen Tee knackt und sich zumindest in der friesischen Tradition die Sahne in langen Schlieren mit dem dunkelbraunen Getränk vereint, eine, und heute zwei Kerzen brennen, dann ist das so ein Moment zum Zurücklehnen und die Füße Stillhalten. Gelassenheit kehrt ein.

Ganz anders die schwarzweiß gezeichnete Katze, die ich auf dem Feld beobachte. Die Ohren hochgestellt sitzt sie unbeweglich im grünen Gras. Dabei scheinen ihre Augen eine ganz bestimmte Stelle zu fixieren. Von Zeit zu Zeit verraten kleinste Regungen, dass sie die Muskeln anspannt, eine Weile später, lässt sie wieder nach. Aber sie sitzt und sitzt, kaum dass ich die Geduld aufbringe, so lange mit ihr auszuharren. Sie scheint alle Zeit der Welt zu haben. Und offenbar weiß sie ganz genau, worauf sie wartet. Es scheint sich zu lohnen.

Ein Blick zum Physiotherapeuten. Der Junge da hat sich das Bein gebrochen. Dumme Sache. Sechs Wochen ist das schon her. Seitdem warten seine Fußballkollegen, dass er wieder auflaufen kann. Und er arbeitet sich von Fortschritt zu Fortschritt. Erst raus aus der Klinik, dann den Gips ab, die Krücken los – es zieht sich, aber es hilft nichts, da muss er durch und es dauert so lange wie es nötig ist.

Dreimal Geduld. Und noch eine ganz andere Geschichte wird aus der Zeit des frühen 4. Jahrhunderts erzählt.

Ganz im Süden Kleinasiens hat die sengende Sonne die Saat auf den Feldern verdorren lassen. Die Bauern werden kaum Ernte einfahren. Bald sind die Speicher leer und Korn und Mehl nicht mehr zu kriegen. In den Bäckereien herrscht gähnende Leere. Die Leute hungern. Man hat alles Mögliche unternommen, um an Korn zu kommen. Gesandte sind losgezogen, ein Schiff wurde in das kornreiche Ägypten geschickt. Nichts. In den Kirchen und nicht nur dort beten sie „unser täglich Brot gib uns heute“. Aber kommt da noch was?

Und tatsächlich. Eines Tages läuft im Hafen ein großes Schiff ein. Schnell spricht sich herum, dass es Getreide geladen hat. Jetzt hat die Not ein Ende, denken viele. Aber nichts da, der Kommandant hat Ordre, die Ladung nach Rom zu bringen. Bitten, doch wenigstens etwas hier zu lassen, weist er zurück. Einer der Bittsteller, ein besonders beharrlicher, ist der Bischof der Stadt. Und tatsächlich, man kann es kaum fassen, der Kommandant lässt etliche Säcke mit Getreide füllen und schickt sie an Land. Die Bäcker heizen die Öfen ein und bald duftet es in Myra, so heißt der Ort, nach frischgebackenem Brot.

Übrigens, der Bischof, der sich auch durch diese Geschichte, es gibt noch etliche andere, einen legendären Ruf erworben hat, heißt Nikolaus. Heute, am 6. Dezember, gedenkt man seines Todestages.

Nikolaus wird den Text kennen, der uns heute als Predigttext aufgegeben ist. Er steht im Jakobusbrief. Der gehört seit dem 4. Jh zum biblischen Kanon fast aller christlichen Kirchen, einschließlich der syrisch-orthodoxen Kirchen.

Im 5. Kapitel lesen wir die Verse 7 und 8

7 So seid nun geduldig, Brüder und Schwestern, bis zum Kommen des Herrn. Siehe, der Bauer wartet auf die kostbare Frucht der Erde und ist dabei geduldig, bis sie empfange den Frühregen und Spätregen. 8 Seid auch ihr geduldig und stärkt eure Herzen; denn das Kommen des Herrn ist nahe.

Nun begegnen wir einer weiteren Spielart der Geduld. Sie gilt einem Geschehen, das in jedem Fall vor sich geht, ganz gleich ob wir es hindern oder beschleunigen wollen. Unmittelbaren Einfluss haben wir darauf nicht. So wie die Flut das Wasser steigen lässt, und die Ebbe es wieder zurückzieht, ohne dass wir irgend Einfluss darauf hätten, so „wartet der Bauer auf die kostbare Frucht der Erde und ist dabei geduldig, bis sie empfange den Frühregen und Spätregen“ [Vers 7].

Das leuchtet uns ein. Sonne, Wind und Regen – darauf warten wir noch – ganz besonders auf den Schnee im Winter. Wachsen, knospen und reifen lassen – alldem bringen wir Geduld entgegen. Tun wir’s nicht, zahlen wir mit unabsehbaren Umweltschäden, hohen Preisen oder fehlendem Geschmack. Ich denke nur an das sommerliche Obst, das in der Ganzjahresverfügbarkeit außer der äußeren Erscheinung so ziemlich alles verloren hat, was es begehrenswert macht: Vor allem Duft und Geschmack.

Der Bauer im Jakobusbrief macht alles richtig. Er tut, was von seiner Seite aus zu tun ist. Er hat den Acker vorbereitet. Er bringt die Saat aus. Alles andere ist nicht in seiner Hand. Auf den Regen muss er warten und sich in Geduld üben, während das Getreide wächst.

In diesen Tagen sind wir stark gefordert, uns in Geduld zu üben. Seit Monaten lähmt die Pandemie weite Bereiche unseres Lebens. Wir sind dankbar, dass wir bei alledem unser Auskommen haben, aber wir spüren auch, welch großen Problemen viele ausgesetzt sind. Die reichen von unserer persönlichen Lebensführung mit ihrem Verzicht auf Kontakte und insbesondere spürbare Nähe, gesellschaftlichen Verwerfungen zwischen denen, die denken und denen, die meinen es quer tun zu müssen, bis hin zu existenzbedrohenden wirtschaftlichen Auswirkungen. Von den Belastungen, denen die Kräfte im Gesundheitswesen ausgesetzt sind, einmal ganz zu schweigen. Nun, da am zeitlichen Horizont die Möglichkeit der Impfungen auftaucht, kommt uns das Warten auf den erlösenden Moment noch anstrengender vor. Aber wir brauchen noch Geduld – vermutlich viel – und die Einsicht, dass uns in dieser Phase der Erwartung nur Klugheit und Disziplin vor Schlimmerem bewahren können.

Seit Jesus den Kreis der Jünger verlassen hat, sehnen sie und ihre Nachfahren das erneute Kommen des Herrn herbei. Wenn er kommt, haben die Notwendigkeiten dieser Zeit ausgedient. Dann ist diese Zeit – in der auch wir leben – an ihr Ende gelangt. Dann wird alles neu.

Weil dieses Warten eine solche Beschwer ist, hat es immer wieder Versuche gegeben, dieser Zeit eigenmächtig ein Ende zu machen und ein vollkommen neues Kapitel aufzuschlagen. Wer sich in der Geschichte ein wenig auskennt, weiß, welch fürchterliche Konsequenzen derlei menschliche „Neuschöpfungs-Allüren“ nach sich gezogen haben. Seien es die Wiedertäufer von Münster, seien es die Anhänger des Dritten Reiches oder die Verfechter des Marxismus-Leninismus. Während letztere sich immerhin mit Fünf-Jahres-Plänen begnügten, träumten Wiedertäufer und Nationalsozialisten von einem „tausendjährigen“ Reich. Es hat im einen Fall kaum zwei Jahre, im anderen Fall lange 12 Jahre gedauert.

Hände weg von solcher Selbstermächtigung! Nein, was das Heil der Welt anlangt, hat der Appell aus dem 1. Jahrhundert nach Christus an Aktualität nichts verloren: „So seid nun geduldig, Brüder und Schwestern, bis zum Kommen des Herrn“ [Vers 7]

So wie wir sind, halten wir das aber dann doch nicht lange aus. Schnell erlahmt die Geduld. Darum lautet die Empfehlung: „Stärkt eure Herzen“ [Vers 8]. Dafür brauchen wir einander. Dafür suchen wir die Gemeinschaft. Wird der eine schwach, ist eine andere zur Stelle. Fehlt hier der Mut, kommt von dort die Ermutigung. Ohne das kommen wir auch nicht gut durch die Erschwernisse unserer Tage. Aber gemeinsam tragen wir einander und ertragen Warten und Ausschau halten. „Denn das Kommen des Herrn ist nahe.“ [Vers 8] Und der Friede Gottes, der höher ist als alle unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.