Erntedank – 6.10.19

Text: Jes 58,7-12

Thema: Danken, teilen, empfangen

Ev. Emmausgemeinde Eppstein

Pfarrer Moritz Mittag

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

Der dralle Arm der Fleischerei-Fachverkäuferin kommt dem Knirps vor der Theke weit entgegen. Der sieht nicht die Frau, übrigens hätte er gesagt, „die Frau vom Metzger“, sondern das Stück Wurst in ihrer Hand. Das hat sie eben abgeschnitten, ohne die Antwort auf ihre Frage: „Magst Du ein Stück Wurst?“ abzuwarten. Es hat noch nicht den Besitzer gewechselt, da ertönt schon von dritter Seite die Frage: „Und wie sagt man da?“ „Danke“, antwortet der Knirps pflichtschuldigst und steckt die Wurst in den Mund.

„Danke“ soll man sagen. Nicht nur, um der elterlichen Weisung zu entsprechen und die gute Erziehung zum Ausdruck zu bringen, weit mehr ist im Schwange. Neuerdings sagen uns psychologische Studien, dass dankbare Menschen sich wohler fühlen, weniger depressiv und dafür um so stressresistenter sind. Dankbarkeit macht also glücklich und gesund. – Meine Güte, habe ich oft genug „danke“ gesagt?

Jetzt wäre ich beinahe in eine Falle getappt. In welche? Na, dass ich jetzt schon die Dankbarkeit instrumentalisiere, um mich selbst zu optimieren. So wird aus einer tiefempfundenen Antwort auf Empfangenes und gut Erlebtes ein absichtsvoll eingesetztes Instrument. Ein Werk und der Versuch der Werkgerechtigkeit, um es in der traditionellen Sprache der Theologie zu sagen. Ich danke, damit es mir (noch) besser gehen soll.

Das ist, als würde ich den Apfel – hier vorne liegen ja genug – nur essen, weil er soviel hat und kann – für mich.

Über 30 Vitamine und Spurenelemente, 100 bis 180 Milligramm Kalium und viele andere wertvolle Mineralstoffe wie Phosphor, Kalzium, Magnesium oder Eisen birgt ein durchschnittlich großer Apfel in und unter seiner Schale. Dabei besteht er zu 85 Prozent aus Wasser und hat nur rund 60 Kilokalorien (kcal). Er ist gut zu Zähnen und Darm, Trauben- und Fruchtzucker liefern schnell Energie.

Als würde ich in den Apfel beißen und würde gar nicht das Knacken beim Zubeißen, den süßen Saft, die Kühle und Festigkeit des Fruchtfleisches, den Apfel halt, genießen.

Denken wir an das zurückliegende Jahr, vom vergangenen Herbst bis heute, dann erinnern wir auch manch bittere Frucht, Saures, das uns zu verschließen drohte, sogar brennende Schärfe aus Kummer und Schmerzen. Es war nicht alles süß und wohlschmeckend. Aber wir müssten über Vieles hinwegsehen, erinnerten wir nicht auch die vielen guten Erfahrungen, aufmunternde Worte, treue Wegbegleiter und Wegbegleiterinnen, Zeichen der Verbundenheit, heitere und unbeschwerte Stunden, lustvolle Momente voller Leichtigkeit und Freude. Auch die gab es, sicher ganz unterschiedlich verteilt.

Und was uns zur Selbstverständlichkeit geworden ist: Wir sind satt geworden und konnten unseren Durst löschen. Derweil hatten wir allen Grund die Augen bang zum Himmel zu heben, ob denn nicht doch mal Regen der langewährenden Trockenheit ein Ende und den Pflanzen ein Auskommen bereiten würde. Und wir fingen an, uns zu erinnern, dass das Wasser aus der Leitung, dass der vollgedeckte Tisch, dass das wohltuende Grün um uns herum keine Selbstverständlichkeiten sind. Als dann die ersten Tropfen fielen und daraus ein Regen wurde, da haben wir dankbar innegehalten. Gott sei Dank, es regnet!

Wenn wieder alles gut ist – für uns, dann können wir doch zur Tagesordnung übergehen und weitermachen, wie bisher. Ein bisschen nörgeln, immer diese Blätter vom Baum des Nachbarn! ein paar Ansprüche erheben, es könnte ja mal jemand…, und endlich mal an uns selbst denken, wir kämen sonst bestimmt zu kurz.

Halt! ruft der Prophet in Jesaja 58. „Heißt es nicht: Brich dem Hungrigen dein Brot, und die im Elend ohne Obdach sind, führe ins Haus! Wenn du einen nackt siehst, so kleide ihn, und entzieh dich nicht deinem Fleisch und Blut!“ [58,7]

Hier bekommt der Dank eine Richtung. Der Dank wofür?

Die Israeliten sind aus dem Exil zurückgekehrt. Sie haben den Boden ihrer heiligen Stadt betreten. In weiten Teilen liegt sie zerstört vor ihnen. Man wohnt in den Trümmern und folgt den überlieferten Geboten. Auch das Fasten gehört dazu. Sieh her, Gott, wie ich mich bescheide um Deinetwillen! Wie ich in Sack und Asche gehe, ja, mich in meinen Gedanken martere! Ich bin richtig, siehst Du’s nicht?

Nein, sagt der Prophet, Du siehst nicht, worauf es hier ankommt. Doch nicht, dass Du Dich selbst vor Gott erniedrigst, sondern dass Du offen und aufmerksam wirst für die Not und das Elend der andern. Dass Du „den Hungrigen dein Herz finden lässt“ [Jes 58,10]. Dann wird Gott mit Dir sein, „wenn Du schreist“ und er wird sagen: „Siehe, hier bin ich. Wenn du in deiner Mitte niemand unterjochst und nicht mit Fingern zeigst und nicht übel redest, sondern den Hungrigen dein Herz finden lässt und den Elenden sättigst, dann wird dein Licht in der Finsternis aufgehen, und dein Dunkel wird sein wie der Mittag.“ [Jes 58,9f.]

Und auch die einst, noch im Exil gemachten Verheißungen, deren Erfüllung noch aussteht, werden wahr werden. Wie sie erlebt haben, woran der Prophet erinnert: „Und der HERR wird dich immerdar führen und dich sättigen in der Dürre und dein Gebein stärken. Und du wirst sein wie ein bewässerter Garten und wie eine Wasserquelle, der es nie an Wasser fehlt.“ [Jes 58,11]

Ja, auch die darniederliegende Stadt und der zerstörte Tempel werden wieder erstehen: „Und es soll durch dich wieder aufgebaut werden, was lange wüst gelegen hat, und du wirst wieder aufrichten, was vorzeiten gegründet ward; und du sollst heißen: »Der die Lücken zumauert und die Wege ausbessert, dass man da wohnen könne.“ [Jes 58,12]

Und wir, die wir Anfang der vergangenen Woche durch die Gassen der Altstadt in Jerusalem gegangen sind, wir „hören“ die Verheißung mit anderen Augen. Die Wasserquelle, der es nie an Wasser fehlt und das Wiedererstehen der Stadt.

„Brich dem Hungrigen dein Brot“, ruft der Prophet seine Leute auf. So, als ein Mensch, der teilt, erfährst Du Dich neu in der Welt. Du erkennst Dich im Geben als Empfangender. Was Du tust, wenn Du gibst, hat ein anderer Dir längst getan. Sei froh und dankbar dafür! „Dann wird dein Licht in der Finsternis aufgehen, und dein Dunkel wird sein wie der Mittag.“ [Jes 58,10]

Und der Friede Gottes, der höher ist, als alle unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

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