13. Sonntag nach Trinitatis

Text:       Apg 6,1–7

Thema: Damit es gerecht zugeht

Ev. Emmausgemeinde Eppstein

Pfarrer Moritz Mittag

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

Es ist voll. Kein Platz mehr. Der Versammlungsraum platzt aus allen Nähten. Davon träumen wir in diesen Zeiten. Seit einiger Zeit wächst die Gemeinde von Woche zu Woche. Manchmal wissen sie nicht mehr, wo sie die Stühle hernehmen sollen, um den vielen Platz zu bieten, „in diesen Tagen [aber], als die Zahl der Jünger zunahm“ [Apg 6,1]. Und jetzt auch das noch: Da „erhob sich ein Murren unter den griechischen Juden“ [ebd.]. Wir verstehen, es gibt „griechische Juden“ und die anderen, sie werden im Folgenden „hebräische“ genannt. Zwei Gruppen. Die eine, sie ist nach der eigenen Wahrnehmung schon immer da, und die andere, sind neu hinzugekommen. Was gibt’s da zu murren? Sie murren, die Neuhinzugekommenen, „weil ihre Witwen übersehen wurden bei der täglichen Versorgung“ [ebd.]. Im Vergleich zu den Alteingesessenen fühlen sie sich benachteiligt. Wir lernen, die damalige Gemeinde hat für die Wohlfahrt ihrer Mitglieder zu sorgen. Man lebt nicht im Wohlfahrtsstaat. So findet die gesammelte Kollekte eine ganz konkrete Verwendung in der Versorgung der mittellosen Gemeindeglieder. Die Witwen stehen stellvertretend dafür, denn so etwas wie eine Witwenrente gab es nicht.

Konflikte, die sich an der Verteilung von Mitteln der Wohlfahrt entzünden, sind uns heute auch nicht fremd. Immer wieder stehen die Schwächsten der Gesellschaft im Fokus der Aufmerksamkeit. Ein Beispiel: Warum sollen die Flüchtlinge vom Gemeinwesen so stark unterstützt werden, obwohl sie doch hierzulande noch nichts oder nur wenig in die Sozialkasse eingezahlt haben? Mit dieser Fragestellung lässt sich politisch in manchen Kreisen gut Kasse machen.

Meist kommen zu den sozialen Unterschieden noch weitere Faktoren hinzu. Auch dafür ist der im Predigttext angesprochene Konflikt ein gutes Beispiel. Die „griechischen Juden“ sprechen nämlich nicht nur eine andere Sprache als die „hebräischen“, sie blicken auch auf einen gänzlichen anderen Weg zur Taufe und zum christlichen Glauben zurück. Haben die einen die Texte, Vorstellungen, Bilder und Weisungen der hebräischen Bibel intus, sie sind nämlich als Juden aufgewachsen, sind die anderen, die „griechischen Juden“ davon meilenweit entfernt. Wer weiß, welchen im römischen Weltreich vertretenen religiösen Vorstellungen und Gemeinschaften sie zuvor angehört haben. Alles, was einen echten Juden von den anderen unterscheidet, geht ihnen ab. Treffen nun beide Gruppen aneinander, entsteht Reibung. Ob’s beim Essen und den Speiseregeln ist oder wie hier bei der Versorgung der Bedürftigen.

Wenn wir über den Tellerrand sehen, erkennen wir bei den hiesigen jüdischen Gemeinden eine verwandte Problematik. Diese haben nämlich in den vergangenen Jahren eine Vervielfachung ihrer Mitgliederzahlen erfahren, indem bei ihnen Menschen aus der ehemaligen Sowjetunion zugewandert sind. In Sprache, Lebenserfahrung, Bedürfnissen und vielem mehr unterscheiden sie sich.

In der jungen Gemeinde von Jerusalem kommt hinzu, dass offenbar etliche griechisch sprechende Juden nach Jerusalem übersiedelten, um hier ihren Lebensabend zu verbringen. Wenn nun der Mann starb, blieb seine Frau ohne das in der antiken Welt übliche familiäre Versorgungsnetz zurück.

Sollen nun die Apostel neben ihrer Verkündigung auch noch das soziale Problem managen? „Da riefen die Zwölf die Menge der Jünger zusammen und sprachen: Es ist nicht recht, dass wir das Wort Gottes vernachlässigen und zu Tische dienen“ [Apg 6,2]. Und wer sagt denn, dass diejenigen, die predigen, sich auch auf’s Diakonische verstehen. „Darum, liebe Brüder, seht euch um nach sieben Männern in eurer Mitte, die einen guten Ruf haben und voll Geistes und Weisheit sind, die wollen wir bestellen zu diesem Dienst“ [Apg 6,3]. Hier lässt uns der Text aus der Apostelgeschichte an der Entstehung der kirchlichen Ämter teilhaben. Hier ist es das Amt des Diakons, des Dieners, der dafür zu sorgen hat, dass alle in der Gemeinde ihr Auskommen haben. Später wird Paulus dafür sorgen, dass die Auslandsgemeinden ordentliche Kollekten zusammenbringen, um damit die Gemeinde in Jerusalem mit ihrer besonderen Aufgabe zu unterstützen.

„Und die Rede gefiel der ganzen Menge gut; und sie wählten Stephanus, einen Mann voll Glaubens und Heiligen Geistes, und Philippus und Prochorus und Nikanor und Timon und Parmenas und Nikolaus, den Proselyten aus Antiochia“ [Apg 6,5]. Da staunen wir. Alle neu Beauftragten gehören der Gruppe der Neuankömmlinge an. In ihre Hände, in die Hände der „griechischen Juden“, legt die Gemeinschaft die Aufgabe, für eine gerechte Verteilung der Mittel zu sorgen. Macht man da nicht den Bock zum Gärtner und muss am Ende befürchten, dass jetzt die Ungerechtigkeit nur neue Wege geht? Was dagegen hilft, ist eine Übereinstimmung aller was die Intention anbelangt: Die Unversorgten sollen durch die Gemeinschaft der Gemeinde Versorgung erhalten. Und noch etwas: Dass die Predigt, will sagen die Verkündigung, der Glaube und die gute Tat zusammengehören, wird durch die Einführung der Sieben unterstrichen: „Diese stellten sie vor die Apostel; die beteten und legten ihnen die Hände auf“ [Apg 6,6]. Was sich hier andeutet, spielt im konziliaren Prozess bei unseren katholischen Geschwistern eine Rolle: Die Rangfolge der Ämter. Ob sie der Sache angemessen ist? Und – wes Geschlecht diejenigen sind, die das eine oder das andere Amt ausüben. Ich meine, da haben wir’s gut, wenn wir in diesen Wochen auf Männer und Frauen aus unserer Gemeinde zugehen, um sie für die Arbeit im künftigen Kirchenvorstand zu gewinnen.

Damals in Jerusalem hatte die Gemeinde sieben Menschen ausgewählt, die griechische Namen trugen. Und die Apostel, allesamt „Hebräer“, hatten die „Hellenisten“ eingesegnet. Das ist ein Zeichen. Der Dienst – die Diakonie – macht nicht Halt an den Grenzen der eigenen Sprache oder Gruppenzugehörigkeit. Sie gilt jedem. Und sie ist universal. Jesus Christus spricht: „Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan.“ [Mt 25,40]

Die Maßnahme wirkt und überzeugt: „Und das Wort Gottes breitete sich aus, und die Zahl der Jünger wurde sehr groß in Jerusalem. Es wurden auch viele Priester dem Glauben gehorsam“ [Apg 6,7].

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.