1. Sonntag nach Trinitatis

Text: Jona 1,1–2,2(3–10)11
Thema: Himmelfahrtskommando
Ev. Emmausgemeinde Eppstein
Pfarrer Moritz Mittag

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

Ist das Zufall? Wir erinnern uns, wie Noah mit seiner Arche auf schier unendlichen Wassern kein Land sah. Wie er, gleichsam ausgesetzt in einer Wüste von Wasser, sich danach sehnte, seinen Fuß wieder auf festen Boden zu setzen. Und wie dann eines Tages die Taube kam, die ihm wortlos ein Zeichen der Hoffnung brachte. Ist es Zufall, dass die zentrale Figur des Predigttextes heute „Taube“ heißt? Ja, Jona bedeutet übersetzt so viel wie Taube.

Aber was ist das für ein Vogel, dieser Jona? Der erste Satz im gleichnamigen Buch Jona stellt ihn uns vor. Freilich kommt die Vorstellung ohne die Datenfülle eines Personalausweises aus, auch keine Berufsangabe entnehmen wir den Worten – obwohl – der erste Halbsatz ist so etwas. „Es geschah das Wort des Herrn zu Jona“ [Jona 1,1],und wer der ist, das verrät uns seine Herkunft „Jona, dem Sohn Amittais“ [ebd.]. Wirklich? Eigentlich wissen wir fast nichts von Amittai, insofern verrät uns die Angabe dieser Herkunft auch nicht viel. Jedenfalls stellt die Berufung Jonas, und das ist seine Berufung – „es geschah des Herrn Wort zu Jona“ – die Angabe seiner Herkunft weit in den Schatten. Sagt uns das etwas? Ja, dass Gott in ein Leben tritt, es in Anspruch nimmt, zählt mehr als alles, was man erben, übernehmen oder mit eigenen Kräften fortsetzen kann. Nun also „geschieht das Wort“ – und wie! Es widerfährt ihm, wobei das Wider, das Gegen in dieser Widerfahrnis unbedingt zu hören ist! Mache dich auf und geh in die große Stadt Ninive und predige wider sie; denn ihre Bosheit ist vor mich gekommen. [Jona 1,2] Die große Stadt Ninive ist eine Metropole. Sie liegt am östlichen Ufer des Flusses Tigris und war die Hauptstadt des assyrischen Reiches. Dorthin soll er. Was soll er da? Wider sie predigen. Darauf wird man dort gewartet haben. Das ist, als solle er das Meer leerschöpfen. Jedenfalls scheint Jona den Auftrag so oder so ähnlich einzuschätzen. Hat er keine Lust? Das ist wohl ein zu gegenwärtiges Motiv. Spürt er die Spannung, die entsteht, wenn er, der Prophet des Herrn, denen von Ninive gegenübersteht, von deren Bosheit Gott zum Eingreifen veranlasst hat? Was es damit auf sich haben könnte, verraten Dokumente der Zeit. Sie wissen von ausgeprägtem Götzendienst und von besonderer Grausamkeit ihren Feinden gegenüber. Das vor allem. Ich erspare uns die überlieferten Einzelheiten. Und da soll ich hin? wird sich Jona gefragt haben. Die erklärten Feinde, das waren die Assyrer ja, vor Gottes Strafe bewahren, wozu? Sollen sie doch die gerechte Strafe bekommen. Wer hat schon Mitleid mit einem derartig verrohten Volk? Was macht Jona? Klassische rhetorische Frage, jeder hier weiß das: „Aber Jona machte sich auf und wollte vor dem Herrn nach Tarsis fliehen und kam hinab nach Jafo“ [Jona 1,3]. Statt Ninive Tarsis. Tarsis? Das liegt am damals denkbar weitest entfernten Ort von Ninive. In Spanien. Am anderen Ende der Welt – damals. Um dahin zu kommen, muss er auf’s Schiff. Das ankert noch in Jaffa. Wir können’s uns vorstellen. Geschäftiges Treiben im Hafen. Kommen und gehen. Jona will gehen. Kreuzfahrt statt Kreuzweg. Das kostet. Auch vordergründig. „Und als er ein Schiff fand, das nach Tarsis fahren wollte, gab er Fährgeld und trat hinein, um mit ihnen nach Tarsis zu fahren, weit weg vom Herrn [Jona 1,3]. Jona will Land gewinnen und muss darum zur See fahren. Er begibt sich, so kann man das deuten, aus Gottes Hand in die Hand der Seeleute. Das sind mutige, welterfahrene Männer. Wenn man überlegt, dass heutzutage 90 % aller Waren mit dem Schiff transportiert werden. Wenn wir uns erinnern, wie die „Ever given“ den Suezkanal blockierte und damit den Welt-Warenfluss kräftig aufhielt. Abhängigkeiten, wohin man schaut.

Nun also geht Jona an Bord. „Mein Wandel auf der Welt / ist einer Schifffahrt gleich,“ [BWV 56]. „Betrübnis, Kreuz und   Not / sind wellen, welche mich bedecken / und auf den Tod / mich täglich schrecken.“ Noch schaut Jonah mit leiser Genugtuung auf das Land, das sich langsam zu entfernen scheint. „Nochmal davongekommen“, denkt er. Denkste! So entkommt man Gott nicht. Was Dir von ihm aufgegeben wird, das ist und bleibt deine Aufgabe. Mit Rosinenpicken hat das nichts zu tun. Es dauert nicht lange und das unbedacht dahin geträllerte Liedchen „Eine Seefahrt, die ist lustig, / eine Seefahrt, die ist schön“ verliert jede Harmlosigkeit. „Da ließ der Herr einen großen Wind aufs Meer kommen, und es erhob sich ein großes Ungewitter auf dem Meer, dass man meinte, das Schiff würde zerbrechen“ [Jona 1,4]. Sagt man nicht „auf See und bei Gericht ist man in Gottes Hand“? Was aber, wenn beides zugleich zutrifft? Gericht und See!

Soweit wir je im Kindergottesdienst gewesen sind, können wir die Geschichte leicht wiedergeben. Als Erwachsener höre ich sie neu. Manches fällt mir auf. Während Jona sich vor Gott verkriecht und unter Deck in einen vielleicht auch erschöpften Schlaf fällt, beten die Seeleute „ein jeder zu seinem Gott“, denn „die Schiffsleute fürchteten sich und schrien“ [Jona 1,5]. Die Heiden zeigen sich frommer, gottesfürchtiger als der berufene Prophet des Herrn. Noch deutlicher wird das, als der erste Mann an Bord, der Käptn, den Schläfer weckt. Jetzt, da sein Schiff in Gefahr ist, gilt, „alle Mann antreten zum Gebet!“ „Da trat zu ihm der Schiffsherr und sprach zu ihm: Was schläfst du? Steh auf, rufe deinen Gott an! Vielleicht wird dieser Gott an uns gedenken, dass wir nicht verderben“ [Jona 1,6]. Eine wahrhaft multi-religiöse Veranstaltung steht uns vor Augen. Die existentielle Not betrifft alle. Aber was ist der Grund dafür? Wer ist die Ursach‘ aller Plag‘? Kein Untersuchungsausschuss bringt hier Licht ins Dunkel. Sondern? „Und einer sprach zum andern: Kommt, wir wollen losen, dass wir erfahren, um wessentwillen es uns so übel geht“ [Jona 1,7]. Jona selbst dürfte die Antwort längst kennen, wie alle, ich auch, die es auf den Rangierbahnhöfen der Schuld versuchen und verstehen von sich abzulenken und „Haltet den Dieb!“ zu rufen. „Ich, ich und meine Sünden, die sich wie Körnlein finden, des Sandes an dem Meer“ [EG 84,3 – BWV 245] – so hat es Paul Gerhardt weise und ehrlich auf den Punkt gebracht. Wer trägt die Schuld, und wenn es auch nur die Mitschuld wäre, am Klimawandel, am Flüchtlingselend, an den Krankheiten des Bildungs- und Gesundheitswesens, der Verrohung der Gesellschaft, dem Auseinanderbrechen der Familien (soll ich weiter aufzählen?)? „Ich, ich und meine Sünden.“

„Und als sie losten, traf’s Jona“ [Jona 1,7]. Das Los fällt, wie es fällt. Es verfolgt kein Eigeninteresse. Es ist hier eine neutrale Instanz. Jetzt, da klar ist, wer sie alle in den Schlamassel gebracht hat, wollen die anderen wissen wieso? „Da sprachen sie zu ihm: Sage uns, um wessentwillen es uns so übel geht?“ [Jona 1,8] Es ist eine Art Verhör, bei der sie nach der Selbstauskunft des unglücklichen Passagiers fragen: „Was ist dein Gewerbe, und wo kommst du her? Aus welchem Lande bist du, und von welchem Volk bist du?“ [Jona 1,8] Fragen sind das. Erinnern ein wenig an das Formular zur Einreise in die Vereinigten Staaten. Hier in Sturm und Not, in einer fremden Welt, unter fremden Menschen wird Jona konfrontiert mit der Frage nach Gott. „An wen glaubst Du? Ich erinnere eine Fahrt mit einem der Asylbewerber im Frühjahr 2016, der mich unvermittelt fragte, „An wen glauben die Menschen hier?“ „Warum?“ „Ich sehe sie nie beten.“ Und was bist du für einer, fragen sie ihn? Was ist deine Herkunft, was deine Aufgabe, deine Rolle? „Er sprach zu ihnen: Ich bin ein Hebräer und fürchte den Herrn, den Gott des Himmels, der das Meer und das Trockene gemacht hat“ [Jon 1,9].

Jetzt bekennt er sich zu seinem Gott und seiner Macht und damit auch zu seiner eigenen Unzulänglichkeit. „Da fürchteten sich die Leute sehr und sprachen zu ihm: Was hast du da getan? Denn sie wussten, dass er vor dem Herrn floh; denn er hatte es ihnen gesagt“ [Jona 1,10].

„Problem erkannt, Gefahr gebannt“, sagt man. Dann müssten die Seeleute ihren eigenartigen Passagier nur loswerden und schon wären ihre Probleme gelöst. Aber das tun sie nicht. Sondern? „Da sprachen sie zu ihm: Was sollen wir denn mit dir tun, dass das Meer stille werde und von uns ablasse? Denn das Meer ging immer ungestümer“ [Jona 1,11].

Wir wissen alle, wie die Geschichte weitergeht. Am Ende kommt der Prophet doch noch nach Ninive. Dort predigt er und macht eine Erfahrung, die jeden Prediger überraschen würde. Die Leute hören auf ihn und glauben, „und sie riefen ein Fasten aus und zogen alle, Groß und Klein, den Sack zur Buße an“ [Jona, 3,5]. Man sollte meinen, Jonah wär’s recht. Von wegen! Gott freut’s, Jona nicht. Irgendwie kommt er aus dem Widerspruch nicht raus. Die Gnade Gottes kollidiert mit seinem Gerechtigkeitssinn. „Deshalb wollte ich ja nach Tarsis fliehen; denn ich wusste, dass du gnädig, barmherzig und von großer Güte bist und lässt dich des Übels nicht gereuen“ [Jona 4,2]. Dass ist eine wundervolle Erkenntnis. Und sie lässt einen nicht zornig zurück, sondern dankbar und ermutigt. Nicht nur Jona bekommt wieder eine Chance, nicht nur die Leute von Ninive, sondern auch wir. Der Herr ist gnädig. Gelobt sei der Herr!

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.