Invokavit
Text: Joh 16,33
Thema: Seid getrost!
Ev. Emmausgemeinde Eppstein
Pfarrer Moritz Mittag

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

Die Welt hat sich verändert. Völkerrechtlich bindende Verträge wurden gebrochen. Gesprächspartner wurden belogen. Die eigene Gesellschaft wurde im Unklaren gelassen bzw. getäuscht. Am frühen Morgen des Donnerstags vor einer Woche haben Angriffe auf die Ukraine eingesetzt. Putins Krieg hat begonnen. Es ist sein Krieg. Er will ihn, er hat ihn lange vorbereitet, er hat ihn begonnen und er lässt ihn in aller Rücksichtslosigkeit führen.

Wer es erlebt, wer davon hört und sieht, ist entsetzt. Die Morgennachrichten am 24. Februar trafen uns selbst, die Repräsentanten der Politik, ja, die westlichen Gesellschaften wie der berühmte Schlag in den Magen. Seitdem werden Überzeugungen, politische Maximen und Agenden revidiert. Von einer „Zeitenwende“ ist allenthalben die Rede.

Die Welt ist nicht mehr dieselbe. Über Nacht, buchstäblich, wurde die Welt, die wir kannten, die uns ausreichend vertraut war, aus den Angeln gehoben.

Den Alten unter uns, die den Krieg erlebt, gehört, gerochen und geschmeckt haben, steigen Bilder und Erinnerungen hoch. Lange waren sie untergetaucht, jetzt sind sie wieder da am Tag und oft auch nachts. Sie sprechen vom Krieg, vom Sterben, von Verlusten, von Ängsten und Nöten. Tränen rinnen angesichts der armen Menschen, die erleben müssen, was sie überlebt haben.

Und die Jungen spüren das Unbedingte in diesem Geschehen, sie ahnen, dass man dem nicht recht entkommen kann, dass es uns alle angeht. Sie ahnen, dass diese Gewalt auch ihr Leben beeinflussen, dass sie Wege versperren wird und dass sie die Zukunft verdunkelt. Angst geht um. Was kommt als nächstes? Wann und wie wird das Wüten aufhören?

Wir wissen es nicht. Wir hoffen und beten. Und wir hören Jesus bei Johannes, dem Evangelisten, sagen:

„In der Welt habt ihr Angst; aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden.“ [Joh 16,33]

Ja, Jesus, wir haben Angst. Und noch mehr Angst haben all die, die nächtelang in den U-Bahnhöfen und Kellern von Kiew oder Charkiv kauern, die täglich aufhorchen müssen, ob und von wo neues Unheil droht. Die laufen wie die Hasen, wenn alles, was sich bewegt, beschossen wird. Die mit Kind oder Kindern sich irgendwie gen Westen auf den Weg machen und den Mann bzw. Vater zurücklassen müssen. Und wir alle miteinander müssen Angst haben, dass es noch schlimmer kommt. Dass aus der sogenannten „militärischen Spezialoperation“ der nächste große Krieg wird – in ganz Europa.

Ja, in der Welt haben wir Angst. Was sonst schon gilt, weil uns Krankheiten, Unglücke, Katastrophen oder der Tod herausfordern, das gilt jetzt noch mehr. „In der Welt habt ihr Angst“, sagt Jesus, und er sagt es den Mutigen, die täglich mit ihm gehen und manche Anfeindung aushalten müssen.

„In der Welt habt ihr Angst“, weil das so ist in dieser Welt. Da gibt es nichts zu beschönigen. Auch die Menschen, die glauben, glauben können, leben jetzt nicht auf einer Insel der Seligen. So betet der Psalmist: „Herr, sei mir gnädig, denn mir ist angst!“ [Ps 31,10]

Jetzt ist die Zeit des Betens. Denn die Angst, die mit uns geht, sucht unsere Gesellschaft erst recht, seit wir bemerken müssen „mit unserer Macht ist nichts getan“. Oder haben wir die Mittel die Wut des anderen zu besänftigen, ohne uns und das, was uns wert ist, aufzugeben? Oder können wir den Wüterich in seine Schranken weisen ohne das Risiko einzugehen, dass aus dem kalten Techniker der Macht noch ein Amokläufer wird?

Die Fraglichkeit ist Teil des Befunds. Wir wissen es nicht wirklich. Auch darum gilt: „In der Welt habt ihr Angst“. „Aber seid getrost!“ Wie? Gibt es doch etwas, was die Angst einhegen, was ihr entgegnet werden kann? Das „Aber“ signalisiert es. So wahr das eine ist, so gewiss ist das andere, das, was jetzt kommt. Die Angst erfährt Widerspruch. „Aber“ – mein Neffe fing als kleiner Bub Sätze des Widerspruchs gerne so an: „Aber!“

Darum: „Seid getrost!“ In allen Sorgen und Ängsten „seid getrost!“ Was das bedeuten kann, das zeigt uns in den letzten Tagen der junge Präsident der Ukraine. Immer wieder sendet er Botschaften der Zuversicht. Seinen Landsleuten sagt er „Kopf hoch!“ „Es wird schon werden!“ „Nur Mut!“

Offenbar vertraut er darauf, dass das, wofür er und alle, die mit ihm sind, eintreten, mehr Macht, mehr Bedeutung und vor allem mehr Zukunft hat als das Regime der Angst und des Schreckens. Es ist die Freiheit einer offenen demokratischen Gesellschaft. Es ist diese Freiheit, die die Selbstbestimmung für sein Volk, für jeden einzelnen und auch für uns erlaubt.

Der politischen Freiheit geht hier die persönliche Freiheit voraus. Die hat, wer nicht erst seine Schäfchen ins Trockene bringen muss. Wer nicht noch seine geheimen oder offenbaren Widersacher aus dem Weg räumen muss. Wer nicht mehr an seinem Leben hängt als an dem, woran sein Leben hängt. Die persönliche Freiheit hat, wer sich drangeben kann. So einer kann auch dem Tod ins Auge sehen und wird standhalten.

So einer ist Jesus. Er begründet seinen Trost, der freimacht von der Angst, und sagt: „seid getrost, ich habe die Welt überwunden.“ Nichts was in dieser Welt ist oder aus ihr kommt, kann stärker sein.

Gut, dass Jesus von sich spricht. Es ist nicht jedermanns Sache, die Welt zu überwinden. Aber er hat’s gemacht – und wie! Für uns! An Ostern werden wir das feiern. Wir werden feiern, dass er in die Welt gekommen ist, sich in diesen Wahnsinn der Wahnsinnigen, der mächtigen Schwächlinge und bis an die Zähne bewaffneten Angsthasen zu begeben. Wir werden feiern, dass er, als alles nach Niederlage und Untergang aussah, den Tod besiegt hat und auferstanden ist.

Damit ist in die Schranken gewiesen, was hier für „Welt“ steht: Das Gegenrechnen des „Wie du mir, so ich dir“. Das unersättliche „Zuerst-ich“. Das hinterhältige Ränkeschmieden und hinter’s Licht führen. Das Ansprüche-Stellen und die Schuldzuweisungen. Die Gewalt, die Macht ohne Moral. „Welt“, das ist der Mann am langen Tisch, der anderen seine Bedingungen diktieren will.

Dem dürfen wir nicht auf das Schlachtfeld folgen, das er uns bereiten will, genauso wenig wie wir seinen Sirenengesängen folgen oder seinen Drohgebärden nachgeben dürfen.

Was aber dann? Machen wir uns klar: Wovon der eine träumt, das hat der andere vollbracht – aber eben ganz anders, als es sich der eine vorstellen kann. Jesus hat die Welt überwunden. Wörtlich übersetzt: Er hat sie „besiegt“. Er hat nicht eine Schlacht gewonnen oder einen Krieg. Nein, er hat die Welt und ihr Gesetz des „Du oder ich“ besiegt. In allem, was er tat, hat er Gott die Ehre gegeben – vgl. Mt 4. Wenn er Menschen geheilt hat, wenn er sie zum Leben und zum Glauben gebracht hat oder sie in die Schranken wies, auch als er sehenden Auges den Tod auf sich nahm. Es ging ihm nicht um sich selbst.

Es ist diese Haltung, die überzeugt. Aus ihr spricht eine Kraft, die mehr ist als das Ergebnis eigener Anstrengung. Wir sind eingeladen, uns von Gott tragen zu lassen und, wo wir selbst zu tragen und zu ertragen haben, uns aus seiner Kraft stärken zu lassen. So vermögen wir mehr, als wir uns selbst zutrauen würden.

Etwas davon lässt jener ehemalige Schauspieler und jetzige „Diener des Volkes“, Wolodymyr Selenskyj, erkennen, der jeden Tag aufs Neue den einsamen Mann am langen Tisch alt aussehen lässt.

Jesus, der die Welt überwunden hat, stirbt, weil die Welt es so will. Dann aber, „hinabgestiegen in das Reich des Todes“, befreit er, die dort gefangen sind. Paul Gerhardt lässt die Gemeinde im Dreißigjährigen Krieg singen:

„Er ward ins Grab gesenket, / der Feind trieb groß Geschrei; / eh er’s vermeint und denket, / ist Christus wieder frei / und ruft Viktoria, / schwingt fröhlich hier und da / sein Fähnlein als ein Held, / der Feld und Mut behält“ [EG 112,2].

Und dann? Wie verbindet sich diese Geschichte Jesu mit meiner? Paul Gerhardt beschreibt es:

„Ich hang und bleib auch hangen / an Christus als ein Glied; / wo mein Haupt [Christus] durch ist gangen, / da nimmt er mich auch mit. / Er reißet durch den Tod, / durch Welt, durch Sünd, durch Not, / er reißet durch die Höll, / ich bin stets sein Gesell.“ [EG 112,6]

Nun also, seid getrost!

„In der Welt habt ihr Angst; aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden.“ [Joh 16,33]

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.