4. Sonntag vor der Passionszeit

Text: Mt 14,22–33

Thema: Ich bins

Ev. Emmausgemeinde Eppstein

Pfarrer Moritz Mittag

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

Mt 14

22 Und alsbald drängte Jesus die Jünger, in das Boot zu steigen und vor ihm ans andere Ufer zu fahren, bis er das Volk gehen ließe. 23 Und als er das Volk hatte gehen lassen, stieg er auf einen Berg, um für sich zu sein und zu beten. Und am Abend war er dort allein. 24 Das Boot aber war schon weit vom Land entfernt und kam in Not durch die Wellen; denn der Wind stand ihm entgegen. 25 Aber in der vierten Nachtwache kam Jesus zu ihnen und ging auf dem Meer. 26 Und da ihn die Jünger sahen auf dem Meer gehen, erschraken sie und riefen: Es ist ein Gespenst!, und schrien vor Furcht. 27 Aber sogleich redete Jesus mit ihnen und sprach: Seid getrost, ich bin’s; fürchtet euch nicht!

28 Petrus aber antwortete ihm und sprach: Herr, bist du es, so befiehl mir, zu dir zu kommen auf dem Wasser. 29 Und er sprach: Komm her! Und Petrus stieg aus dem Boot und ging auf dem Wasser und kam auf Jesus zu. 30 Als er aber den starken Wind sah, erschrak er und begann zu sinken und schrie: Herr, rette mich! 31 Jesus aber streckte sogleich die Hand aus und ergriff ihn und sprach zu ihm: Du Kleingläubiger, warum hast du gezweifelt? 32 Und sie stiegen in das Boot und der Wind legte sich. 33 Die aber im Boot waren, fielen vor ihm nieder und sprachen: Du bist wahrhaftig Gottes Sohn!

Die Tage hatten wir heftigen Wind. Kalt kam er vom Norden, zauste die Bäume und rüttelte an den Rollladen. Heute ist es auch in den Evangelien stürmisch. Erst Markus‘ Schilderung der Sturmstillung in der Schriftlesung und jetzt Matthäus. Auch bei ihm stürmt’s auf dem See. Das überrascht Matthäus‘ Zeitgenossen nicht. Sie wissen, dass das leicht der Fall sein kann. So ist er, der See Genezareth. Mit gemischten Gefühlen werden die Jünger das Boot bestiegen haben. Wasser hat keine Balken. Jesus hatte sie weggeschickt oder besser vorausgeschickt. Er wollte allein in die Stille und Einsamkeit eines Berges, um zu beten. Jeder braucht seine Auszeiten. Soll er sie auch haben. Also waren sie an Bord gegangen, um auf die andere Seite hinüberzufahren. Statt lange durch Staub und Hitze zu wandern, hatten sie sich für die kürzere Überfahrt entschieden. Rein pragmatisch und ohne Überschwang – von wegen „eine Seefahrt, die ist lustig, eine Seefahrt, die ist schön“!

Und dann kam das Wetter. Von jetzt auf gleich. Eigentlich typisch Unglück. Nicht nur auf dem Wasser. Plötzlich ist es da. Der Wind legt zu, kommt von vorn, türmt Wellen auf, in die das Boot eintaucht, immer tiefer und immer heftiger und in Not gerät. Die Jünger werden hin und her geworfen, verlieren den Halt, schlagen hin, rappeln sich auf und kommen erneut zu Fall.

Jeder in der Gemeinde des Matthäus kann sich das vorstellen. Selbst jene, die es noch niemals gewagt haben, ein Boot zu besteigen. Ist es nicht so ähnlich, wenn mal wieder die eigenen Pläne der Macht einer nächsten Corona-Welle gegenüberstehen? Und ist es nicht so, wenn einer stirbt aus der Familie der Vater oder die Mutter – oder gar das eigene Kind? Da fallen ihnen noch viele Beispiele ein, wo‘s einem den Boden unter den Füßen wegzieht. Das ist ein furchtbares Gefühl, dem man dann ausgeliefert ist am Ende der menschlichen Möglichkeiten.

Matthäus erzählt weiter. In der vierten Nachtwache, das ist die Zeit zwischen drei und sechs Uhr morgens, „kam Jesus zu ihnen und ging auf dem See“ [14,25].

Alle verstehen, was er ihnen sagen will. Kein Mensch kann über’s Wasser gehen. Das weiß doch jedes Kind. Einzig Gott kann das oder jemand, der durch Zauberei dazu befähigt wäre. 

„Ein Gespenst!“ schreien die Jünger voller Furcht. Was soll’s auch sonst sein in dieser Gottverlassenheit? Das ist es ja, dass sie so in der Not gefangen sind, so tief drin in der angstvollen Verzweiflung, dass sie gar nichts Gutes mehr denken oder erwarten können. Also was kann ihnen in dieser Schreckenszeit schon entgegenkommen? Wie werden sie die Gestalt deuten, die vor ihnen auftaucht? „Es ist ein Gespenst!“ [14,16] schreien sie und zittern am ganzen Leib vor Furcht. „Aber sogleich redete Jesus mit ihnen“ [14,27]. Das wurde auch Zeit. „Seid getrost, ich bin’s; fürchtet euch nicht!“ [14,27]

Welche Aussagekraft in diesem „Ich bin’s“ steckt. Vertraulichkeit, die beruhigt. Kennen Sie das auch? Wie im nächtlichen Haus zu hören ist, dass der Schlüssel das Türschloss und so die Tür geöffnet hat, und die kurz drauf wieder ins Schloss fällt. „Ich bin’s“ – „habt keine Angst, ich tu euch nichts, ihr kennt mich doch!“ Das schafft ein Gefühl der Geborgenheit. Nach ihr sehnen wir uns besonders an unseren Grenzen. Auch jetzt in einer Zeit des Umbruchs, in die wir am Anfang des 21. Jahrhunderts geraten sind. Eine Zeit, in der wir zu spüren meinen, dass sich die ganze Welt verändert. Und wie! Was bleibt dann, wie wir’s gekannt haben? Was bleibt uns vertraut? Und wer wird mit uns in alter Vertrautheit unterwegs sein? Paul Gerhardt dichtet: „Wenn ich einmal soll scheiden, so scheide nicht von mir. Wenn ich den Tod soll leiden, so tritt du dann herfür.“ [EG 85,9]

Etwas davon erfahren die Jünger. Die Vorstellung von dem, der ihnen da entgegenkommt, bekommt eine beruhigende Note.

Matthäus erzählt das wunderbar. Es ist ja auch die Erzählung von der Begegnung zwischen Gott und Mensch. Da ist Furcht im Spiel. Kein Wunder! Bewegen wir uns doch bei solcher Begegnung auf unwägbarem Terrain – und das muss kein See sein! Die Situation hat existentielle Bedeutung: Untergang oder Rettung, wer will da cool bleiben? Aber Gott, Mensch geworden, im Stall geboren und unterwegs auf den Wegen der Menschen, kommt uns entgegen und gibt sich zu erkennen: „Ich bin’s!“ Er ist da und dass er da ist, ist die Rettung. Nicht dass es keine Stürme mehr gäbe, nein, das ist nicht die Rettung, sondern dass man sie in den Stürmen erfährt. Da ist der Moment, der das aufleuchten lässt, in dem sich auffassen lässt dieses „Ich bin’s, Gott!“

Das beleuchtet die Erzählung genauer. Dabei spielt Petrus eine Rolle. Einerseits hebt sie ihn hervor. Er ist der erste, wenn nicht der Einzige, der den Zuruf sofort erfasst und ihn erwidert. Andererseits spielt er eine Stellvertreter-Rolle, finde ich. Er steht an unserer Stelle und natürlich an Stelle derer, für die Matthäus das Evangelium aufgeschrieben hat. Warum? Weil schon hinter seiner Erwiderung der Zweifel lauert. „Herr, bist du es, so befiehl mir, zu dir zu kommen auf dem Wasser.“ [14,28]

Darf ich den Satz ein wenig pointierter formulieren? „Herr, wenn du es bist, dann beweise es und befiehl mir, zu dir zu kommen auf dem Wasser.“

Jesus macht mit. „Komm her!“ Und Petrus verlässt das Boot und, Matthäus erzählt’s, „und ging auf dem Wasser und kam auf Jesus zu.“ [14,29] „Als er aber den starken Wind sah, erschrak er und begann zu sinken und schrie: Herr, hilf mir!“ [14,30]

Ja, da sehe ich den Apostel in der Stellvertreter-Rolle für uns alle. Auch wenn wir nicht auf stürmischen Seen unterwegs sind. Nein, wir bewegen uns im Haifischbecken unserer Konkurrentinnen und Konkurrenten oder im Pool unserer Freundschaften oder auch im Strom des Lebens. Aber auch da sind wir unberechenbaren Erfahrungen, manchmal auch Wogen ausgesetzt. Und sobald wir uns voller Vertrauen oder Liebe auf einen andern einlassen, gehen wir das Risiko ein enttäuscht zu werden. Und manchmal geschieht das. Und es verletzt uns tief. Damit haben wir unsere Erfahrungen. Schon Kinder machen sie, aber auch jugendlich Verliebte, erfahrene Eheleute, Kollegen, Menschen, die auf uns angewiesen sind, oder wir mit Menschen, auf die wir angewiesen sind. Es sind Vertrauenseinbrüche. Sie reichen bis in unser Innerstes und machen auch vor unserem Selbstvertrauen nicht halt.

In Petrus spielen sich zwei gegensätzliche Bewegungen ab. Die eine lässt ihn den Mut verlieren, dem Ruf Jesu folgen zu können. Das zieht ihn hinunter. Er sinkt.  Die andere lässt ihn im Sinken, im Untergang am Vertrauen festhalten, dass Jesus retten kann: „Herr, hilf mir!“ Petrus steht dazwischen – nicht zum letzten Mal. Deshalb sehe ich ihn eine Stellvertreter-Rolle spielen – für uns.

Und Jesus, Matthäus, erzählt es so weiter, streckt Petrus die Hand hin. Nichts sonst ist zwischen den beiden. Genauso freundlich-freundschaftlich spricht er Petrus an: „Du Kleingläubiger, warum hast du gezweifelt?“ [14,31] Ist der Zweifel der Gegner der Rettung? Wohl nicht! Dafür ist der Retterwille zu stark. Die ausgestreckte Hand Gottes, Gestalt geworden in Jesus, überwindet letztlich die Gegnerschaft des Zweifels. Petrus findet Halt, lässt sich bergen und die beiden „traten in das Boot, und der Wind legte sich.“ [14,32]

Petrus, Stellvertreter des glaubenden und zweifelnden, des starken und schwachen Menschen, hat seine Hand in die ausgestreckte Hand des „Ich bin’s“ legen können. Der Widerstreit der Bewegungen und Gedanken in Petrus hat ein Ende gefunden, ebenso der Sturm, der Schiff und Wind gegeneinander kämpfen ließ. Jetzt ist alles klar: „Die aber im Boot waren, fielen vor ihm nieder und sprachen: Du bist wahrhaftig Gottes Sohn!“ [14,33]

Wie werden die Menschen aus der Gemeinde des Matthäus nach Hause gegangen sein? Werden sie verstanden haben, dass das nicht die Schilderung einer Episode gewesen war, die sie gehört hatten, sondern eine Glaubens- und Vertrauensgeschichte? Werden sie angeregt gewesen sein, nun selber auf das „Ich-bin’s“ zu hören, ganz gleich, ob das ein Kind, ein Greis, die seltsame Nachbarin oder der kühle Chef sagen würde? Werden sie erkannt haben, dass aus diesem Jesus, der sich mit „Ich bin‘s“ zu erkennen gibt, auch der spricht, der sich einst dem Mose vorstellte und sagte: „Ich werde sein, der ich sein werde“? Dass dieser Gott der Zukunft in ihrer Gegenwart angekommen ist? Die Leute, denen Matthäus das Evangelium vermittelt hat werden verstanden haben, dass Gott in Jesus seine Hand ausgestreckt hat, denen entgegen, die sich nach ihm sehnen, Ja, sie werden das verstanden haben. Und wir auch.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.