2. Advent

Text: Jes 63,15–64,3
Thema: Auch so kann man beten
Ev. Emmausgemeinde Eppstein
Pfarrer Moritz Mittag

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

Draußen glitzern die Lichterketten in der Dunkelheit. Mitunter leuchtet auch schon ein Weihnachtsbaum im Wohnzimmer. Vorweihnachtszeit. Auch Advent genannt. Zeit der Weihnachtsmärkte, der Feiern und der Vorfreude. Einst in kleinen Häppchen genossen, am Sonntag, der das Fasten vor dem großen Fest unterbricht, kann man heute nicht genug kriegen von Klängen, Lichtern, süßen und salzigen Verführungen. Wir konstatieren: Hunger, oder nennen wir es Bedürfnisse, sind da. Ihre Befriedigung kann man sich leisten, kann man kaufen und bei Bedarf inszenieren. Mehr außen als innen, mehr Konsum als innere Bewegung oder gar Veränderung. Man gönnt sich ja sonst nichts. Und das Leben meint es derweil auch nicht so gut mit uns. Schon wieder Corona an Weihnachten. Schon wieder gern überhörte Appelle an uns alle, unsere Kontakte zu reduzieren. Es ist zwar erst die vierte Welle, die sich jetzt vor Weihnachten auftürmt, für uns fühlt es sich an, als wären wir auf hoher See und kein Land in Sicht. Die Skala unserer Gefühle reicht von Resignation und Müdigkeit bis zu Empörung und Zorn. „Es reicht!“ möchte man schreien, aber wer bestimmt das, was reicht? An Politik und Gesundheitswesen adressierte Wutausbrüche oder mahnende Worte ändern nichts an der Lage.

Auf einmal sehen wir uns neben dem Propheten, der nicht die Hände über dem Kopf zusammenschlägt, sondern sie zum Gebet gen Himmel reckt. Wir hören ihn beten, wie wir es uns vielleicht nicht trauten. Zugleich ist er so voller Zutrauen und tiefer Überzeugung, dass dieses Gebet erhört wird und das die ersehnte Veränderung nach sich ziehen wird. Ich lese aus dem Buch des Propheten Jesaja in den Kapiteln 63 und 64:

Jes 63 (15) So schau nun vom Himmel und sieh herab von deiner heiligen, herrlichen Wohnung! Wo ist nun dein Eifer und deine Macht? Deine große, herzliche Barmherzigkeit hält sich hart gegen mich. (16) Bist du doch unser Vater; denn Abraham weiß von uns nichts, und Israel kennt uns nicht. Du, HERR, bist unser Vater; »Unser Erlöser«, das ist von alters her dein Name. Ach dass du den Himmel zerrissest und führest herab, dass die Berge vor dir zerflössen, 64 (1) wie Feuer Reisig entzündet und wie Feuer Wasser sieden macht, dass dein Name kund würde unter deinen Feinden und die Völker vor dir zittern müssten, (2) wenn du Furchtbares tust, das wir nicht erwarten – und führest herab, dass die Berge vor dir zerflössen! (3) und das man von alters her nicht vernommen hat. Kein Ohr hat gehört, kein Auge hat gesehen einen Gott außer dir, der so wohltut denen, die auf ihn harren.

Es ist eine ungeheure Spannung in diesem Text. Sie entsteht zwischen den beiden Polen „Anklage“ und „Appell“, Enttäuschung und Zutrauen, Zweifel und Hoffnung.

Nicht nur zu den landläufigen adventlichen Stimmungen steht dieser Text quer, auch zu den meisten von uns sicherlich. Wer von uns kann sich das Recht herausnehmen, Gott so auf die Anklagebank zu setzen? Und wie kann ein Text, der seinen Ursprungsort im Körper eines Verhungernden hat, durch Satte zur Sprache gebracht werden? Wie kann ein Text, im Folterkeller formuliert, in gemütlicher Wohn-zimmer-Atmosphäre verstanden werden?

Andererseits können wir uns in diesem Jahr 2021 gut neben den Propheten stellen und rufen: „So schau nun vom Himmel und sieh herab von deiner heiligen, herrlichen Wohnung! Wo ist nun dein Eifer und deine Macht? Deine große, herzliche Barmherzigkeit hält sich hart gegen mich.“ [Jes 63,15]

Schau Dir das Elend an, das sich in unserer Mitte eingenistet hat! Schau hin zu den Menschen, die um ihr Leben ringen, und auch zu denen, die alles tun, damit dieser Kampf gewonnen wird! Sieh ihre Erschöpfung, ihre Verzweiflung, dass immer neue Kranke kommen, und dass Kräfte und Mittel nicht mehr ausreichen allen zu helfen! Höre ihre unbeantworteten Fragen: „Warum habt ihr es so weit kommen lassen?“ „Warum habt ihr nicht getan, was zu tun war, um dieses Elend zu verhindern?“ Denk, Herr, an all die Appelle, die immer mehr beschwörenden Charakter annahmen, die doch unerhört verklangen!

„Ach dass du den Himmel zerrissest und führest herab, dass die Berge vor dir zerflössen!“ [Jes 63,16]

Hier erkennen wir ein Motiv des Advents. Gott möge kommen – ankommen – und die Menschheit zum Guten bewegen. Sie hat es nötig – nicht nur im sechsten Jahrhundert vor Christus. Da ist das Volk aus dem Exil in Babylon zurückgekehrt. Große Hoffnungen und Erwartungen waren damit verknüpft gewesen. Jetzt würde sich alles zum Guten wenden. Jetzt stünde der Wohlfahrt nichts mehr im Wege. Jetzt hätte das Volk verstanden, worauf es ankommt und worauf es sich verlassen kann.

Aber die Realität hat diese Hoffnungen und Erwartungen nicht eingeholt. Die Krise, auf deren Überwindung man gehofft hatte, ist zum Dauermodus geworden. Und das, obwohl es Rechtschaffene gibt, die sich an die Weisungen des Herrn gehalten haben.

Aus ihrer Mitte meint man, dieses Gebet zu vernehmen.  Es geht robust auf den Herrn zu: „So schau nun vom Himmel und sieh herab von deiner heiligen, herrlichen Wohnung!“ [Jes 63,15], fordert ihn geradezu heraus: „Wo ist nun dein Eifer und deine Macht?“ [Jes 63,15] und hält ihm seine Zurückhaltung vor: „Deine große, herzliche Barmherzigkeit hält sich hart gegen mich.“ [Jes 63,15]

Müssen wir dich, Herr, daran erinnern, dass wir uns Dir so verbunden fühlen, wie einem Vater? „Bist du doch unser Vater; denn Abraham weiß von uns nichts, und Israel kennt uns nicht. Du, HERR, bist unser Vater; »Unser Erlöser«, das ist von alters her dein Name.“ [Jes 63,16]

Können wir so beten? Eine solche Haltung einnehmen? So voller Vertrauen auf das Wirken und die Wirkung Gottes? Oder ist Gott für uns dran, wenn wir selbst nicht mehr weiterwissen? Ein Lückenbüßer vielleicht sogar? Verbinden wir etwa mit Gott die Erwartung, dass alles glatt läuft, so wie wir es uns vorgestellt hatten, auf keinen Fall gegen uns? Fast haben wir Gott mit seiner ganzen Kraft domestiziert und auf Kuschelniveau herabgebrochen. Denn, wenn das geschähe, was der Beter hier erbittet, „Ach dass du den Himmel zerrissest und führest herab, dass die Berge vor dir zerflössen“ [Jes 63,16], aus wäre es mit unserer Gottesliebe oder etwa nicht? Und „wenn du Furchtbares tust, das wir nicht erwarten“, was würde aus unserem „lieben Gott“?

Unbegreiflich ist ER gleichwohl zwischen Allmacht und Ohnmacht. Für uns wird das am Kreuz noch einmal unabweislich deutlich. Hier ist der Bezug zu Gott unmittelbar: „Wie kannst Du, Gott, das zulassen?“ Unheil nämlich, das durch deine Zurückhaltung ermöglicht wird. Wie anders, wie abstrakt, klingt demgegenüber die Frage in der dritten Person: „Wie kann Gott das zulassen?“ In der Klage dieses Gebets gibt es diese Distanz nicht. „Komm in deine Welt, gib deine Zurückhaltung auf, tu, wonach es dich im Innersten drängt: Hilf deinen Geschöpfen!“ Vertrauen ermöglicht solche Vertrautheit.

Eine adventliche Aufgabe ist die Vorbereitung auf das Kommen des Herrn. Das heißt auch sich mit ihm vertraut machen, man muss doch wissen, wer zu einem kommt und wie man ihm gerecht wird! Mit ihm sprechen, auf ihn hören, beten. Dann können auch wir unsere Klage äußern und ihr Worte verleihen.

Wer in solche Klagelieder einstimmt, verrät weder die leidende Welt an einen „lieben Gott“, noch die Verheißungen Gottes an eine „böse Welt“, sondern bleibt beider Anwalt. Möglich wird das durch die tragende Gewissheit, dass da einer ist, „der wohl tut denen, die auf ihn harren“ [Jes 64,3].

Diese Gewissheit rechnet mit dem Offenbar-werden Gottes, dass es Ohren hören und Augen sehen. Sie rechnet mit dem mächtigen Selbsterweis Gottes, der alle Fragen, die ängstlichen, die spekulativen und die blasphemischen, verstummen lässt. Gott kommt mit seiner verändernden Wirklichkeit in die Wirklichkeit dieser Welt. Er macht Geschichte. Damit ist zu rechnen und darauf ist zu hoffen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.