Andacht zum Wochenspruch am 20. Sonntag nach Trinitatis

„Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist und was der HERR von dir fordert, nämlich Gottes Wort halten und Liebe üben und demütig sein vor deinem Gott.“ (Micha 6,8)

Wenn das so einfach wäre….
Der Wochenspruch für heute stammt von dem Propheten Micha. Es ist kurz und klar: „Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist und was der Herr von dir fordert, nämlich Gottes Wort halten und Liebe üben und demütig sein vor deinem Gott.

Was kann es da noch für Fragen geben, wenn man den Wochenspruch liest?
Was mir gesagt wird, ist doch klar. Ich muss doch nur die Bibel lesen und schon weiss ich, was mir gesagt wurde. Und ebenso klar: Was der Herr von mir fordert. – Ich muss mir nur die 10 Gebote in Erinnerung rufen – klar.

Wenn das so einfach wäre….
Seien wir ehrlich: Wer liest schon regelmäßig in der heiligen Schrift und könnte die Frage, was „gut ist“ bibelfest und sattelfest, vor allem aber auch vollumfänglich,  beantworten. Ich nehme mir einen Moment Zeit, lasse meine Gedanken umherschweifen und denke an die vielen Dinge, die der Mensch als Ungemach verbreitet hat oder gerade verbreitet – und stelle fest: Ich bin wohl nicht der Einzige, der eben nicht weiss, was gut ist. Vielleicht wissen es wohl andere sogar eher noch weniger.
Und jetzt die 10 Gebote. Oh je… Ich denke, so vier bis fünf werde ich noch spontan zusammenbekommen. Doch bei der Reihenfolge setzt es bei mir schon aus. Und da bin ich noch gar nicht bei der Überlegung, was ich davon täglich überhaupt umsetze – oder besser nicht umsetze. Ich gehe ins Internet, die 10 Gebote sind schnell gefunden. Dass ich keine anderen Götter neben meinem Herr haben soll (es ist übrigens direkt das erste Gebot), war eines der mir bekannten Gebote und deren Einhaltung ist ja eigentlich leicht. Beim Nachdenken überlege ich: Da war doch mal so eine Geschichte mit dem goldenen Kalb? Da fährt es mir wie ein Blitz durch den Körper: Habe ich nicht auch ein paar goldene Kälber im virtuellen Stall stehen, die ich irgendwie anbete, weil sie materielle Dinge darstellen?

Wenn das so einfach wäre….
Ich bleibe beim zweiten Gebot hängen, denn wie oft habe ich den Namen des Herrn schon in irgendeiner anderen Form gebraucht. Missbraucht, möchte ich nicht sagen, aber wenn ich zu einer grandiosen Fehlleistung oder Missgeschick „Ach du lieber Gott“ ausrufe.. oh je… Das ist bestimmt nicht nach der Lehre diese Gebotes.

Es geht weiter: Beim dritten Gebot soll ich den Feiertag heiligen. Ich denke an die vielen Sonntage, wo ich nicht in der Kirche war. Schlimmer noch: Handwerklich etwas repariert, im Garten bei schönem Wetter gearbeitet oder auch schon gefeiert. Man muss ja die Feste feiern, wie sie fallen. Dachte ich immer.

Es geht weiter: Dass ich nicht töten soll, wusste ich. Und ich bin auch ziemlich sicher, dass ich das durchhalte. Aber gibt es eine Garantie? Ich denke nach…. Ich bin ja Autofahrer, fahre auch mal schneller im Rahmen des Erlaubten. Kann ich wirklich garantieren, also heilig versprechen, dass ich keinen Fehler mache, nicht mal falsch reagiere, das Lenkrad verreiße und dadurch unglücklicherweise ein Mensch zu Tode kommt? So langsam fange ich an zu schaudern…. Wo ich auch hin überlege und hinein interpretiere – ich schaffe das mit den Geboten nicht.
Auch stehlen tue ich nicht…bin ich mir sicher… und denke dann daran, dass meine Entfernungspauschale zur Arbeitsstelle bei der Steuererklärung eher großzügig von mir bemessen wurde…
Na klar, falsch Zeugnis reden mache ich doch auch nicht… Bis auf die vielen Lästerrunden im Büro über die ganzen unfähigen Kollegen…

Wenn das so einfach wäre…
Ich stellte fest: Das mit den Geboten ist, zumindest für mich, nicht durchzuhalten. Ich schaue noch mal auf den Wochenspruch und lese genau „Gottes Wort halten und Liebe üben und demütig sein vor deinem Gott“.

Ich denke nach, was mir gelingt, aus dieser unendlichen Weite der Religion und Kirchenlehre umzusetzen. Es ist sicher nicht viel, aber es ist auf der anderen Seite doch mehr als Nichts.
Die heilige Schrift ist 2000 Jahre alt. Vieles von ihr, das ist unbestreitbar, ist noch heute aktuell. Das ist für mich immer wieder beeindruckend. Aber es ist ebenso unbestreitbar, dass die Welt sich in dieser Zeit dramatisch geändert hat – ob immer zum Vorteil, mag jetzt mal dahingestellt sein. Keiner meiner Nachbarn oder Nächsten würde seine Frau als „Weib“ bezeichnen, die ich nicht begeehren soll, ebenso fehlen hier bei meinen Nächsten durchgängig Knecht, Magd oder Vieh, die ich begeehren könnte. Zugegebenermaßen ist aber auch noch von „allem, was Dein Nächster hat“ die Rede – soviel dann wieder zur heutigen Anwendbarkeit.

Doch zurück zur Akualtität, zum wirklichen Leben im Jahre 2020. Was ist machbar, was ist umsetzbar? Nehmen wir: „Liebe üben“. Nicht nach dem Motto leben: „Wie du mir, so ich dir“. Muss man sich denn alles gefallen lassen? Nein, keineswegs! Aber man muss nicht mit gleicher Münze heimzahlen. Darauf lässt sich doch aufbauen.
Wie kann ich demütig sein vor meinem Gott? Zunächst einmal sollte ich mir vergegenwärtigen, dass „Gott alle Menschen liebt“. Das steht so konkret nicht in der Bibel, aber ist ja sozusagen die Grundidee des Christentums. . Gott liebt die Menschen so sehr, dass er selbst in Jesus Christus Mensch wurde, um ihnen so nah zu kommen, wie es eben nur geht. Johannes schreibt hierzu:  „Also hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, damit jeder, der an ihn glaubt, nicht verloren gehe, sondern ewiges Leben habe.“
Also da wurde schon was gegeben, wofür wir wirklich auch demütig sein können.
Matthäus schreibt: Wo zwei oder drei versammelt sind in meinem Namen, da bin ich mitten unter ihnen. Und genau das sind wir hier heute Abend. Und wir sind demütig, dass wir uns hier einander begegnen können, der Raum gerichtet ist, für alles Notwendige gesorgt ist. Und dass ER da ist.

Wenn das so einfach wäre…. Nein, einfach ist es nicht – Aber etwas ist auf jeden Fall machbar – Und das ist gut.

Fürbitten: Wir wollen gemeinsam und füreinander beten:

  • Guter Gott,
    auch heute wollen wir wieder zu Dir beten mit dem Thema, was uns seit Monaten bewegt und uns ab nächster Woche noch einmal stärker treffen wird.
    Wir reden wieder über Ausgangsbeschränkungen, Grenzschliessungen, Kontaktverbote,  – das Wort des „Lockdown“ macht wieder die Runde. Wir beten zu Dir, dass das richtige Maß gefunden werden kann und wir rückblickend sagen können, dass die Maßnahmen richtig waren.
  • Wir beten für die Menschen, die durch die kommende Verschärfung wieder besonders betroffen werden; die finanzielle Auswirkungen spüren werden, die verstärkt unter Kontaktbeschränkungen leiden werden, ja – die vielleicht sogar einsam sterben müssen.
    Wir bitten Dich: Gib Ihnen allen Trost, Hoffnung, Zuversicht oder innerlichen Frieden, wenn Sie danach suchen.
  • Wir selbst wollen wachsam sein, nicht unvorsichtig werden und uns immer bewusst sein, wie schnell sich die Gegebenheiten für jeden Einzelnen ändern können. Daher wollen wir auch demütig sein für das, was wir trotz aller Widrigkeiten immer noch haben.
  • Wir blicken in diesen Tagen auch auf eine ganz entscheidende Wahl auf der anderen Seite der Welt. Eine Wahl, von der abhängt, ob die USA den selbst gewählten Weg der Spaltung weiter vorantreiben wollen oder aber eine Chance auf Einigung ergreifen möchten. Eine Wahl, die auch für uns hier und den Rest der Welt eine Signalwirkung haben wird. Und deren Ausgang, und aber auch: Deren Umgang mit der Auswirkung, noch lange nicht entschieden sind. Wir bitten Dich um Vernunft und Weitsicht für das amerikanische Volk und beten für eine demokratisch einwandfreie und friedlich ablaufende Wahl.
    Wir wollen in der Stille zu Dir beten, mit dem, was uns persönlich bewegt.

Andreas Kernbach