Andacht zum Wochenspruch am 21. Sonntag nach Trinitatis

Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem. (Röm 12,21)

Das Böse mit Gutem überwinden – diese Aufgabe, die uns hier gestellt wird, ist eigentlich nicht schwer zu verstehen.
Eigentlich…  Bei der Frage, ob ich ein guter Mensch bin, habe ich nach kurzer Überlegung innerlich mit dem Kopf genickt. 
Ich zahle Steuern, kümmere mich um andere, spende regelmäßig mit meiner Familie für Notleidende, halte anderen die Tür auf, mache meinen Platz frei, damit Ältere sich setzen können, trage einen Mund-Nasenschutz wo es nötig ist
Und ich befolge die 10 Gebote so gut ich kann. Wer in der vergangenen Woche den Worten der Andacht gelauscht hat, erinnert sich, dass das gar nicht so leicht ist und wohl nur selten uneingeschränkt mit einem „Ja“ beantwortet werden kann. 
Bei näherer Betrachtung des Wochenspruchs dachte ich dann allerdings, dass das, was ich als gutes Verhalten empfinde, vielleicht nicht reicht… sondern: Wie gehe ich mit dem Bösen, das mir begegnet, um?

Was aber ist denn „das Böse“? 
Zu Zeiten Paulus war es wohl Vertreibung, Sklaverei, Hunger, die Gefahr, dass die christliche Lehre in der noch jungen Religionsgemeinschaft von äußeren und inneren Strömungen gestört würde.           
Die damaligen Christen mussten zusammenfinden, an verschiedenen Orten erstmal ankommen, sie waren in der Fremde und umgeben von römischer Kultur und heidnischem Glauben 

Und heute?
Das Böse” – da denken wir an Gewalt, Mord, Krieg oder auch Mobbing und Hetze – und neuerdings auch an Pandemien
In der Welt von Harry Potter erschrecken sie, wenn der Name des Bösen genannt wird. Lieber sagen sie: „Du weißt schon wer“ oder: „Er, dessen Name nicht genannt werden darf.“ Sie meinen Lord Voldemort, den bösesten aller Zauberer. 
Voldemort verliert erst seinen Schrecken, als die Guten seinen Namen sagen. Da fangen sie an sich zu wehren. Es macht den Gegner kleiner, wenn er einen Namen hat. So soll das Böse nicht länger ein namenloses Grauen sein.
Es gibt etwas entgegenzusetzen. Da ist noch ein Stärkerer. Ein Auserwählter. Einer ist da, um den Bösen zu besiegen. Klingt fast wie in der Bibel.
„Der Sohn Gottes ist gekommen, um die Werke des Teufels zu zerstören“, heißt es im ersten Brief des Johannes. Es gibt einen Stärkeren auf unserer Seite. Die Macht des Bösen ist begrenzt. Trauen wir uns ruhig, beim Namen zu nennen, welche Dinge uns belasten.
Ich glaube, der Wochenspruch zielt auf jeden einzelnen von uns und auf unseren Alltag. 
Wut, Aggression, aus schlechter Laune heraus geäußerte Unfreundlichkeiten oder Beschimpfungen, das erlebt doch jeder und keiner von uns ist frei davon.
Wer kennt das nicht?
Da werde ich unfreundlich abgekanzelt, weil ich mich an einem falschen Schalter angestellt habe, angehupt, wenn ich an einer Ampel erst den Gang einlege bevor ich losfahren kann und es dem Hintermann zu lange dauert; oder beim Ein- oder Aussteigen aus der S-Bahn werde ich angerempelt  und statt einer Entschuldigung bekomme ich zu hören, ich solle doch selbst aufpassen. 
Da kann es mir passieren, dass mich eine Welle der Aggression förmlich überflutet. Je nach Tagesform geht da schon mal mein Temperament mit mir durch. Meine Tochter kann davon berichten, wie unterschiedlich ich reagiere, abhängig davon, ob ich Hunger habe oder satt bin.
Eine entsprechende wütende Antwort liegt mir auf der Zunge und ich würde die erlebte Unfreundlichkeit gerne mindestens auf gleiche Weise zurückgeben. 
Gewonnen ist dabei nichts. Ich habe meinem Ärger zwar nachgegeben, aber unter Umständen schaukelt sich jetzt erst recht eine handfester Streit hoch.

Das Wort aus dem Römerbrief lädt ein, es anders zu versuchen. “Seid allen Menschen gegenüber auf Gutes bedacht. Soweit es euch möglich ist, haltet mit allen Menschen Frieden.” So heißt es zwei Verse weiter vorne.
Wenn mir spontan keine gute freundliche Antwort einfällt, ist es besser, gar nichts zu sagen. Dann ist das Böse zwar noch nicht mit Gutem überwunden, aber ich habe wenigstens mir die schlechte Laune des anderen nicht zu eigen gemacht. 
Um meinen Ärger über die aus meiner Sicht unangemessene Behandlung möglichst schnell wieder los zu werden, kann ich versuchen, bewusst an etwas anderes, Positives zu denken.
Aber ist das Aushalten und Nichtstun das Richtige? – ist es das Gute? 

Manchmal lese ich die Kommentare in sozialen Medien und, egal ob auf den Seiten wissenschaftlicher Redakteure oder z.B. der Seite des Main- Taunus-Kreises, liest man in diesen Kommentaren immer mehr schwer auszuhaltende Meinungen. Es wird gepöbelt, beleidigt und beschimpft und Fake News oder krude Weltanschauungen verbreitet. Äußert man selbst eine freundlich gehaltene Anmerkung, erntet man Anfeindungen und Pöbeleien. Also besser nichts mehr sagen? Schweigen und Aushalten? 
Ich habe mich dafür entschieden, nicht der schweigenden Masse anzugehören. Was Wegschauen und Ignorieren für Folgen haben können, hat die deutsche Geschichte gezeigt.
Ich will den Corona Leugnern oder ausländerfeindlichen Elementen nicht das Feld überlassen.
Doch dabei ist es mir wichtig, mich auf christliche Werte zu besinnen
Also mit Friedfertigkeit und Liebe im Herzen. Ich will ein guter Mensch sein und daran arbeite ich. 

Der Glaube ist mein innerer Kompass. Er gemahnt mich, in Gottes Sinne zu handeln.
Wenn ich friedlich und liebevoll handle, lebe ich Gottes Wort.
Das Wissen darum, macht es leichter nicht die Faust zu ballen sondern dem andern eine Kusshand zuzuwerfen. Und beharrlich mit Vernunft, Geduld und Toleranz dem Bösen gegenüberzutreten- auch wenn mir das nicht immer gelingt

Zum Schluss möchte ich Franz von Assisi zitieren:
Dieses Gebet fasst zusammen, was mich bewegt.

Herr, mach mich zu einem Werkzeug deines Friedens, 
dass ich Liebe übe, wo man hasst; dass ich verzeihe, wo man beleidigt; 
dass ich verbinde, wo Streit ist; dass ich die Wahrheit sage, wo der Irrtum herrscht; 
dass ich den Glauben bringe, wo der Zweifel drückt; 
dass ich die Hoffnung wecke, wo Verzweiflung quält; 
dass ich Licht entzünde, wo die Finsternis regiert;
dass ich Freude bringe, wo der Kummer wohnt.

Melanie Voigt