14. Sonntag nach Trinitatis
Text: 1. Thess 5,14–24
Thema: Macht’s gut
Ev. Emmausgemeinde Eppstein
Pfarrer Moritz Mittag

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

„Und denk‘ dran, dass Du Dich warm anziehst!“ „Hast Du auch genug Geld eingesteckt?“ „Und den Ausweis?“ „Vergiss nicht, Oma anzurufen!“ „Und bitte, iss ordentlich! Du weißt ja, das süße Zeug bekommt Dir nicht.“ „Mach’s gut!“

Endlich kommt der Moment, in dem das „Ja, ja“-Sagen, „Keine Sorge, mach‘ ich!“, „mhm“ ein Ende hat. Der Moment, in dem man auseinandergeht – ein Kuss noch, und der Zug fährt ab, oder unsere Wege trennen sich.

Wer kennt sie nicht, die guten Tipps zum Abschied und all die Ermahnungen? Sie erinnern an Kindertage, in denen man sie ohne Widerspruch aufnahm, und Jugendzeiten, in denen sie einem auch lästig sein konnten. Längst sagen wir diese Sätze selbst. Sie sind Ausdruck unserer Sorge und Fürsorge – letztlich Zeichen liebevoller Anteilnahme.

Was Paulus den Thessalonikern im 5. Kapitel des 1. Briefes, Vers 14-24 schreibt, erinnert mich an derlei Aussagen.

1Thess 5,14 Wir ermahnen euch aber, liebe Brüder: Weist die Unordentlichen zurecht, tröstet die Kleinmütigen, tragt die Schwachen, seid geduldig gegen jedermann. 15 Seht zu, dass keiner dem andern Böses mit Bösem vergelte, sondern jagt allezeit dem Guten nach untereinander und gegen jedermann. 16 Seid allezeit fröhlich, 17 betet ohne Unterlass, 18 seid dankbar in allen Dingen; denn das ist der Wille Gottes in Christus Jesus an euch. 19 Den Geist dämpft nicht. 20 Prophetische Rede verachtet nicht. 21 Prüft aber alles und das Gute behaltet. 22 Meidet das Böse in jeder Gestalt. 23 Er aber, der Gott des Friedens, heilige euch durch und durch und bewahre euren Geist samt Seele und Leib unversehrt, untadelig für die Ankunft unseres Herrn Jesus Christus. 24 Treu ist er, der euch ruft; er wird’s auch tun.

Eine ganze Kaskade von Ermahnungen ergießt sich hier über die Gemeinde in Thessaloniki. Ich sehe sie, wie sie zuhören als der Brief verlesen wird. Einige treten dabei ungeduldig von einem Fuß auf den andern. Wann ist er endlich fertig? Aber in der Fülle entdecke ich doch eine ganze Menge, was wir uns gesagt sein lassen können, auch wenn wir es selber vielleicht gar nicht gerne hören. Ist es so verkehrt, in unsere Gesellschaft die Mahnung hineinzusprechen: „Weist die Haltlosen zurecht und redet den Mutlosen Mut zu. Kümmert euch um die Schwachen!“ Oft sind gerade die ein Dorn in unseren Augen. Sie konfrontieren uns mit einer Möglichkeit – der Schwäche, die auch unsere Möglichkeit ist. Dabei tun wir doch alles, um nur ja nicht schwach zu sein oder zu wirken. Sollten diesem Bemühen doch Grenzen gesetzt sein? Oft wollen wir gerade das gar nicht wahrhaben.

Oder fühle ich mich etwa nicht angesprochen, wenn es heißt: „Begegnet allen mit Geduld“? Weil genau die mir gelegentlich abgeht und ich mit einigen durchaus ungeduldiger bin als mit andern. Warum? Was ist da los?

Und heute hallt das „Seid dankbar in allen Dingen“ ganz besonders in mir nach. Oh ja! Wir können dankbar sein! Wir können dankbar sein für all die Menschen, die sich, ihre Begabungen und Möglichkeiten für uns eingesetzt haben. Das leise und zugewandte Wirken, das Haltgeben im Hintergrund, die Freude am gemeinsamen Gestalten und dann auch am Erreichten, das handfeste Anpacken, das Aushalten und Ertragen, das Tragen und Dienen. Jahrelang oder gar jahrzehntelang. Wir sind dankbar! Auch für die, die jetzt weitermachen und neu dazukommen, sind wir dankbar.

Man mag in dieser Fülle der Ermahnungen das eine deutlicher hören, das andere überhören, manches verstehen, anderes berätseln. Wie auch immer, ich meine, man spürte, dass all diese Überlegungen nicht vom hohen Ross gesprochen kommen. Da spricht einer, der sich selbst erkannt hat und um die eigenen Fußfesseln weiß. Der gleichwohl mit Liebe darauf und auf die andern sieht, denen es auch nicht anders geht.

Wie ich darauf komme? Durch den Segen am Schluss: „Er aber, der Gott des Friedens, heilige euch durch und durch und bewahre euch ganz an Geist, Seele und Leib, dass ihr ohne Tadel seid, wenn unser Herr Jesus Christus kommt“ [1. Thess 5,23].

Dieser Segen ist wie der Kuss zum Abschied. Ein Kuss Gottes. Hier gilt er den Menschen in Thessaloniki. Segen und Kuss bilden den Schluss des Abschieds. Was am Ende steht, ist immer besonders wichtig. Der Segen und der Kuss, beide sind etwas sehr Persönliches, erst einmal nur für mich, zwischen mir und dem andern. Und, das ist auch noch wichtig, der Segen fordert nicht, er schenkt, was er zusagt!

Und was für ein Geschenk! Gott heilige euch! O weh, ist das womöglich eines dieser Geschenke, mit denen wir nichts anzufangen wissen, weil wir sie nicht verstehen? Heiligen – Gott heilige euch! Von Heiligen haben wir schon gehört. Sie werden verehrt, sind möglicherweise Vorbilder, stehen auf Konsolen, dass man zu ihnen aufsehen muss. Ich sehe mich da nicht. Ihr Euch vermutlich auch nicht! Diese Heiligen sind weit weg von meinen Niederungen – sie spielen sozusagen in der Premiere Ligue der Christen. Können wir denn damit gemeint sein? Gott heilige Euch!

Was heißt das? Wenn von Heiligung die Rede ist, steht dahinter Gott. Denn seine Heiligkeit ist die Grundvoraussetzung und die Quelle aller Heiligung. Heiligkeit ist das Kennzeichen Gottes und heilig ist, was Gott zugehört. Und genau darum geht es: Um die Zugehörigkeit der Christen zu Gott. Die wird gestört, wo die Haltlosen allein und sich selbst überlassen bleiben, wo den Mutlosen die Ermunterung versagt bleibt. Das geschieht, wo die Schwachen ohne Hilfe und Unterstützung bleiben, wo sie die Ellenbogen der anderen zu spüren bekommen, statt deren helfende Zuwendung zu erfahren. Heiligung hat eine ganz praktische Anwenderseite. Heiligung reflektiert – im wahrsten Sinne des Wortes – die Barmherzigkeit Gottes, die mir gilt und durch mich für andere Geltung erlangt.

Heiligung meint einen Prozess und keinen Zustand. In diesem Prozess kann das Üble zur Besserung kommen, das Böse aufgehoben, der Unfriede befriedet, der Schwache in mir und die Schwache vor mir gestärkt werden.

Gott heilige euch! Wir könnten auch sagen: Er befreie uns, damit wir zu uns selbst kommen und unserer Bestimmung gerecht werden können als Menschen, die von Gott gewollt und geliebt sind. Wir könnten sagen: Er bewahre uns vor der Verfehlung unserer Möglichkeiten, während wir im Widerspruch mit uns selbst leben und uns dabei verlieren.

Dieser Einspruch von außen, den Paulus mit seinen Ermahnungen ausspricht, dieser Einspruch von außen formuliert nicht zuletzt das, was wir in uns hören und wissen, das ist wahr und recht. Gott heilige euch!

Was Paulus den Thessalonichern und uns ausrichtet, dieser Kuss Gottes, hat nichts Bedrängendes an sich. Der Segen wie der Kuss wirkt nur, wo es die Freiheit gibt, ihn anzunehmen oder eben nicht. Ich entscheide, ob ich mich berühren lassen will. Aber wenn ich mich berühren lasse, kann ich dankbar spüren, dass es mich gibt mit all der Freiheit und all den Möglichkeiten, aber auch getrost mit all den Begrenzungen und Schwächen, die einfach zu meinem Leben und zu mir dazugehören. So wird viel möglich. Für jeden von uns und für die Gemeinschaft. Denn wer sich gesegnet weiß, wird frei, das Gute zu leben und das Böse zum Guten zu wenden.

„Er aber, der Gott des Friedens, heilige euch durch und durch und bewahre euch ganz an Geist, Seele und Leib“ [1. Thess 5,23].

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.