4. Sonntag nach Trinitatis

Text: Röm 12,17–21

Thema: Die Taufe justiert unseren Kompass neu

Ev. Emmausgemeinde Eppstein

Pfarrer Moritz Mittag

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

Was bedeutet es getauft zu sein? Eh, ja, hmm „dass ich Kirchensteuer zahlen muss“. Falsch. „Dass ich zur Gemeinschaft der Gläubigen gehöre.“ Richtig, wenn du meinst, was du sagst. Paulus würde noch ergänzen: Dass du mit Christus gestorben bist, um mit ihm zu leben, auferweckt von den Toten. Damit formuliert er, was die Gemeinschaft der Gläubigen ausmacht. Sie lebt von der Taufe her. Mit ihr durchkreuzt sie das Gesetz dieser Welt, das im Tod endet. Getauft zu sein bedeutet, mit Christus leben. Was das heißt, führt Paulus auch im Brief an die Römer aus, hier im 12. Kapitel heißt es in den Versen 17-21

17 Vergeltet niemandem Böses mit Bösem. Seid auf Gutes bedacht gegenüber jedermann. 18 Ist’s möglich, soviel an euch liegt, so habt mit allen Menschen Frieden. 19 Rächt euch nicht selbst, meine Lieben, sondern gebt Raum dem Zorn Gottes; denn es steht geschrieben (5.Mose 32,35): »Die Rache ist mein; ich will vergelten, spricht der Herr.« 20 Vielmehr, »wenn deinen Feind hungert, so gib ihm zu essen; dürstet ihn, so gib ihm zu trinken. Wenn du das tust, so wirst du feurige Kohlen auf sein Haupt sammeln« (Sprüche 25,21-22). 21 Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem.

Fragt jemand: Ist das überhaupt möglich so zu leben? Und konkreter und persönlicher: Kann ich das oder muss ich an diesem Anspruch zerschellen? Immerhin zeigt der Blick in unsere Lebenswirklichkeit aber auch zu den eigenen Verhaltensmustern, dass und wie oft wir scheitern. Statt Vergeltung zu üben, der Gesinnung des Guten folgen. Den Drang nach Rache unterbinden durch das Wissen um Gottes Gerechtigkeit. Diakonische Zuwendung zum Feind, wenn den Hunger und Durst plagen… Man muss nicht bis zum Weißen Haus schauen, um eine ins Gegenteil verkehrte Agenda wahrzunehmen. Da hilft’s auch nichts, die Bibel zum Himmel zu recken.

Wir sehen auch, wie viel uns das kostet. Lebenskraft, Lebenszeit, Lebensfreude. Ich denke an zwei Brüder. Sie haben in Eintracht gelebt, gerne viel Zeit miteinander verbracht und einander geholfen. Mittlerweile haben sie den einst gemeinsamen Hof aufgeteilt und jeder achtet darauf, dass der andere nur ja nicht die unsichtbare Trenn-Linie überschreitet. Ob sie einander noch grüßen? Dass ihre Miene versteinert, wenn sie sich begegnen, kann man beobachten.

Und die Nachbarn – es gibt solche und solche. Schon Wilhelm Tell weiß: „Es kann der Frömmste nicht in Frieden bleiben, wenn es dem bösen Nachbar nicht gefällt.“ [Friedrich Schiller: Wilhelm Tell, Teil IV, 3] Über eine halbe Million Gerichtsverfahren mit zerstrittenen Nachbarn finden jährlich in Deutschland statt.

Die Versuchung, es dem andern heimzuzahlen, ist mächtig.

Und wir? Und ich? Ich bin nicht der, der ich sein könnte. Das stimmt. Leider. Aber wir haben eine gute Chance. Wodurch? Durch die Taufe. Da zieht Gott bei uns ein. Dadurch bekommt unser Leben eine Wendung. Wir dürfen’s nur nicht vergessen oder außer Acht lassen. Denn – nach Karl Barth: Diese Wendung macht uns frei zu werden, was wir zuvor nicht waren noch sein konnten, und so zu tun, was wir zuvor nicht taten und zu tun unvermögend waren. [vgl. Karl Barth, KD, IV/4, Zürich 1967]

Die Taufe ermöglicht uns einen Lebensentwurf, der weit über das hinausgeht, was wir von uns aus vermögen und was der Welt sonst entspräche. Ja, selbst den Tod, lässt dieser Lebensentwurf hinter sich. Das befreit und lässt uns eine Kraft zukommen, die ebenfalls das übersteigt, was uns sonst möglich wäre. Von da aus lässt sich auch sagen: „Wir schaffen das!“

Das wäre auszuprobieren. Gelegenheiten gibt’s genug.

Vergeltet niemandem Böses mit Bösem. – Habt mit allen Menschen Frieden. – Lass dich nicht vom Bösen überwinden. Ob aus diesen Anweisungen auch eine Anwendung, ja eine Haltung werden kann?

Davon ist Paulus offenbar überzeugt. Die Taufe justiert unseren Kompass neu. Auch wenn wir, was ja leider an der Tagesordnung ist, vom Kurs abweichen, wissen wir doch, wohin es gehen soll. Fortan sind wir mit Kurskorrekturen beschäftigt, wenn wir ins alte Muster des Prinzips „Auge um Auge, Zahn um Zahn“ [2. Mos 21,23] zurückfallen.

Das wahrzunehmen und dem nachzugehen, der uns in der Taufe zu seinem Bruder oder zu seiner Schwester gemacht hat, ermöglicht es uns, das Böse mit Gutem zu überwinden.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.