Pfingstsonntag
Thema: Komm, Heiliger Geist
Ev. Emmausgemeinde Eppstein
Pfarrer Moritz Mittag

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

„Komm, Gott, Schöpfer, Heiliger Geist“ – so haben wir eingangs gesungen. Der alte Hymnus geht auf Hrabanus Maurus zurück, den Fuldaer Abt und späteren Mainzer Erzbischof im 9. Jahrhundert nach Christus, den man den Lehrer Germaniens nannte. Von „Gaben siebenfalt‘“ ist da die Rede. Tatsächlich gibt es Listen, die solche Gaben des Geistes aufzählen.

In jedem Fall geht es um die Frage, wie kommen Gott und Mensch zusammen? Was ermöglicht es dem einzelnen, aber auch der Gemeinschaft der Gläubigen, zu glauben, zu hoffen und zu lieben? Die Pfingstgeschichte, aber auch das Evangelium, das wir heute gehört haben, beantworten auf je eigene Weise diese Frage.

Auf eine am Boden liegende Gemeinschaft, die einigermaßen ratlos in die Zukunft blickt und dabei mehr Dunkelheit als Licht wahrnimmt, auf diese Gemeinschaft trifft Gottes Geist. Er spricht sie an, erfüllt sie und beruft sie in die Gemeinschaft mit Gott. Das erfahren die Verlassenen, die ihrem Jesus nachtrauern, und das erfährt jeder Mensch, der getauft wird. Gott ruft ihn bei seinem Namen. „Dich meine ich!“ – Antoine, Clement, Jonathan! „Um Dich geht es mir.“ „Ich komme zur Dir, kommst Du mit mir?“

Der Geist Gottes beruft uns in die Gemeinschaft mit Gott. [1. Band]

Was wird aus diesem Ruf, was wird aus dieser Berufung? Wird sie erhört oder verhallt sie? Wie wird das Zusammenspiel zwischen dem, der beruft und dem, der berufen wird? Kein Mensch weiß das im Moment der Taufe. Es wird sich zeigen, wes Geistes Kind der Mensch ist.

Der Geist Gottes macht uns bereit für die Gemeinschaft mit Gott. [2. Band]

In unendlich vielen Entscheidungen, die wir zu treffen haben, täglich, stündlich, immer wieder, bewegt uns der Geist Gottes, den Spuren Jesu zu folgen. Dann verstehen wir uns als Menschen, die nach Gottes Willen fragen und sich ihm gegenüber für verantwortlich halten. „Nicht wie ich will, sondern wie du willst“ [Mt 26,39], sagt Jesus im Garten Gethsemane. Dabei hat er einen eigenen Willen, der ihm sagt: „Ich will leben und entkommen.“ Trotzdem gibt er sich dran. Nicht weil er schwach ist und fremdbestimmt, sondern weil er sich dafür entscheidet.

Der Geist Gottes bewegt uns, den Spuren Jesu zu folgen. [3. Band]

Dabei bemerken wir an uns selbst – gerne aber auch an anderen, dass uns das nicht durchgehend gelingt, ja, dass wir eben diese Spuren oft genug aus den Augen verlieren. Dann machen wir unser Ding. Dann machen wir uns von Gott los. Vielleicht kommen wir auch zu der Auffassung, wir könnten gut auf ihn verzichten. Und mit ihm auch auf die Verpflichtung der Gemeinschaft gegenüber. „Wenn jeder an sich denkt, ist an alle gedacht“, von wegen! Die furchtbaren Szenen beim Abzug der Alliierten aus Afghanistan haben uns eines Besseren belehrt. Wir werden schuldig. Das werden wir so oder so. „Sie

sind Sünder allzumal“, schreibt Paulus an die Römer [3,23]

Der Geist Gottes macht uns gerecht, so dass Gott uns ganz und gar bejahen kann. [4. Band]

Daran denken wir, wenn wir jetzt Antoine, Clement und Jonathan taufen. So wie sie sind, sind sie von Gott geliebte Kinder. Auch dann noch, wenn sie die Eltern zeitweilig zur Verzweiflung oder in tiefe Erschöpfung treiben. Von Gott berufen, sind sie auch seine Kinder, die er mit Liebe und Geduld begleitet. Daran zu denken, das mag helfen, dass uns Liebe und Geduld nicht ausgehen.

Heute stellen wir sie Gott vor, indem wir nachher beim Taufen ihre Namen laut sagen. Zunächst aber bekennen wir uns zu dem, der in der Taufe seinen heiligen Geist sendet. Zum Glaubensbekenntnis bitte ich Sie sich zu erheben.

Taufen

Predigt II

Noch haben erst vier Strahlen zu Ihnen in die Gemeinde gefunden. Vier von den „Gaben siebenfalt‘“.

Uns allen ist längst klar, dass der Heilige Geist die Kraft der Verbindung ist, die Mensch und Gott aber auch Mensch untereinander zu verbinden sucht.

Als wache Zeitgenossen wissen wir, dass das Verbindende in unseren modernen Gesellschaften in eine Krise geraten ist. Organisiert und eingerichtet in Segmenten, Schichten und Sektionen der Gesellschaft bewegen sich Menschen und Gruppen auseinander. Oft sprechen wir mehr übereinander als miteinander. Und oft geschieht das in ausgrenzender, ja ausschließender Form. In den Blasen der sozialen Medien erntet man die ersehnte Bestätigung und verliert Gegenargumente und andere Zugänge aus dem Blick. Unbedingt wird die eigene Position vertreten. Im Blick zurück bewahrheitet sich ein um’s andere Mal das Spahnsche Diktum „Wir werden in ein paar Monaten wahrscheinlich viel einander verzeihen müssen“ [Jens Spahn, 2020]. Im Vaterunser beten wir: „Und vergib uns unserer Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern“ [Mt 6,12] Damit das gelingt, bedarf es unserer Einsicht und Veränderung.

Der Geist Gottes gibt uns die Kraft zur Umkehr. [5. Band]

Der junge Augustinus hat diese Erfahrung gemacht. Von einem ausgesprochen eigenwilligen Leben hatte er sich im Lichte seiner Taufe verändert und mit größter Eindringlichkeit und Ernsthaftigkeit nach Gottes Willen gefragt. Geschult und geübt in der Selbstwahrnehmung war ihm aber vollkommen klar, dass seine Hinwendung zu Gott immer noch eine Suchbewegung war, ja, sein musste. Die Erfahrung machen auf ihre Weise alle, die sich auf den Weg zu Gott gemacht haben. Später schreibt er als Bischof von Hippo angesichts einer untergehenden Welt, der Welt des Römischen Reiches: „Unruhig ist mein Herz, bis es Ruhe findet in dir.“ [Aurelius Augustinus, Confessiones]

Der Geist Gottes führt Mensch und Gott zusammen. [6. Band]

„Woher nehmen Sie nur die Kraft?“ wird gefragt, wo ein Mensch geradezu Übermenschliches leistet. Die Pflegekraft, auf deren Station der Tod ein guter Bekannter ist. Der Arzt, und sei sein Name Trabert, der unermüdlich im Einsatz für Obdachlose ist. Die alte Frau, die sich Jahr für Jahr der Qual unterzieht, als Zeitzeugin von den Gräueln der Menschenverachtung zu erzählen, um dem Bösen Einhalt zu gebieten. Woher kommen die guten Ideen, die man nicht einfach hat, die einem zufliegen. Wie kommt es, dass sich Ungefügiges fügt ohne Zwang und Druck? Manchmal ist mehr im Spiel als unser Vermögen. Dann sind wir dankbar für das Wunderbare und können annehmen:

Der Geist Gottes bringt Kraft und Gaben hervor, wie sie Gott eigen sind. [7. Band]

In der Taufe spricht Gott uns an. Dazu sendet er seinen Heiligen Geist, eine Kraft zum Leben, wie es das Wasser ist, das fließt und erfrischt. Es versiegt nicht. Es begleitet uns und wartet geduldig darauf, dass wir uns ihm öffnen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.