Miserikordias Domini

Text Joh 10,11–16(27–30)

Thema: Gottes nachgetragene Liebe

Ev. Emmausgemeinde Eppstein

Pfarrer Moritz Mittag

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

Es klingelt. Unverhofft. Wer soll das sein? Die Erinnerung weiß von keinem Termin und von keiner Verabredung. Auf dem Weg zur Tür kommt die Frage noch mehrmals: Wer soll das sein? Und dann steht sie da, gegenüber, und sagt: „Ich wollte mal nach dir sehen.“ Dabei lacht sie etwas verlegen. „Wie schön, dass du da bist! Komm doch rein!“ sage ich.

Oft kommt das nicht vor. Aber meistens ist das eine willkommene Überraschung, wenn so jemand, ein Bruder, eine Freundin, ein Nachbar das sagt: „Ich wollte mal nach dir sehen.“ Das hat bestimmt für viele hier eine lange Vorgeschichte. Die beginnt schon in Säuglingszeiten. Oder haben wir nicht zufrieden, wenn nicht sogar glücklich reagiert, wenn ein freundliches und damals am liebsten das wohlvertraute Gesicht unserer Mutter oder unseres Vaters uns ansah, sei es zuhause im Bettchen oder unterwegs im Kinderwagen. Dann haben wir angefangen zu lächeln oder gar zu lachen und haben vergnügt die Ärmchen gehoben. Und später, wenn jemand uns zurief: „Kuckuck, wo bist du?“, um uns im nächsten Moment zu entdecken. Das war schön und so beruhigend, wenn jemand nach uns sah. Oder die endlosen Versteckspiele, in denen sich der Reiz im Verborgenen des Verstecks zu sein und die Freude dann doch entdeckt und eben gesehen zu werden die Waage hielten. Wenn wir so mit Kindern spielen wird das Spiel von hellem Jauchzen begleitet. Es ist so schön, gesehen zu werden!

Ehrlich gesagt, so ganz anders geht es uns als Erwachsenen auch nicht. Auch da tut es gut, wahrgenommen, ja, gesehen zu werden. Vielleicht ist das auch ein Grund, Nachrichten und Bilder zu posten bei Facebook seitens der älteren Semester und bei Instagram beim Nachwuchs. Und es ist sogar ein Geschäftsmodell, Menschen behilflich zu sein, ehemalige Klassenkameradinnen und -kameraden zu finden, um Ende vielleicht wieder in Kontakt zu kommen: „Ich wollte mal nach dir sehen.“

Suchen und Finden oder Gefunden-Werden das ist ein Lebensthema. Nach dem Zweiten Weltkrieg führte das Rote-Kreuz eine Vermissten-Datei. Darin befanden sich ab 1957 1,4 Mio. vermisste Soldaten. Von den 295 000 Suchanträgen von Eltern und Kindern seit 1946 konnten 281 000 erfolgreich abgeschlossen werden. Das ist eine lange nachwirkende Geschichte.

Peter Härtling, der Schriftsteller, der lange in Mörfelden-Walldorf lebte und im Sommer vor zwei Jahren verstorben ist, hat ein wundervolles Buch vom Suchen und Finden geschrieben. Im Roman „Nachgetragene Liebe“ geht er sozusagen auf eine innere Spurensuche, dem Vater wieder zu begegnen, der 1945 in sowjetischer Gefangenschaft ums Leben gekommen war. „Immer bin ich dir fortgelaufen, Vater, nun laufe ich dir nach.“ Lange hatte sein Schmerz über den Verlust des Vaters, dem die Mutter leider auch bald folgte, sich in Ablehnung und Distanzierung ausgedrückt. War er nicht feige gewesen und deshalb in Gefangenschaft geraten? „Du warst weit weg, Vater, jetzt nähern wir uns einander… Ich empfinde, je weniger Zeit uns bleibt, umso stärker deine Nähe. Ich fange an, dich zu verstehen, zu lieben… Ich bin soweit, dass ich dich von nun an mit jedem Satz zu mir heranholen möchte.“

Das Suchen und das Finden haben ihn verändert. Beides hat die kargen Erinnerungen hervorgeholt, ja, es hat den Vater vergegenwärtigt und einen neuen Zugang zu ihm ermöglicht.

Wenn wir uns Sonntag für Sonntag hier zum Gottesdienst treffen, dann sind wir auch Suchende und hoffentlich genauso Findende. Unsere Suchbewegungen folgen den Spuren Jesu. Wer bist du? Wer bist du für mich, der vor so langer Zeit unter uns war? Hast du mir etwas zu sagen? Oder zu geben?

Und, ich stelle mir das vor: Wieder klingelt es – es müssen nicht die Glocken am Sonntag sein – und ich gehe zur Tür, mich selbst befragend, wer das sein könnte. Und ich öffne sie, und dann steht er da und sagt: „Ich bin der gute Hirte“ [Joh 10,11]. „Ich wollte mal nach dir sehen.“

Wer weiß, vielleicht würde mir in diesem Moment all das einfallen, was mich von IHM weggeführt, vielleicht sogar zu Ablehnung oder Verächtlichkeit gebracht hatte. Und mir würde klar, seine Liebe ist auch nachgetragene und nachgehende Liebe. Warum käme er sonst und sagte mir: „Ich bin der gute Hirte. Der gute Hirte verliert sein Leben für die Schafe“ [Joh 10,11]. Wer weiß, wie lange er nach mir suchen musste? Wer weiß, welche Distanzen er zurücklegen musste, um mich zu finden? Oft habe ich es ihm nicht leicht gemacht.

So wie der Zachäus, der Zöllner. Oder der Hauptmann von Kapernaum, der darum wusste und deshalb sagte: „Ich bin nicht wert, dass du unter mein Dach gehst“ [Lk 7,6]. Oder die Ehebrecherin, die kurz davor stand, gesteinigt zu werden. Immer wieder sucht Jesus die Menschen und er findet sie, wo sie ihn brauchen. Und er ist für sie da. Große und Kleine, als bedeutend Geltende und auch die anderen. Er ist der gute Hirte, das erleben sie alle und können mit dem Psalm beten: „Er weidet mich auf einer grünen Aue und führet mich zum frischen Wasser. Er erquicket meine Seele.“ [Ps 23,2-3a]

Mit dem Kreuz und mit dem Tod Jesu musste das doch eigentlich vorbei sein. Aber dann ruft Gottes nachgetragene Liebe ihn aus dem Tod ins neue Leben. Sie sprengt die Grenzen, die als unüberwindlich galten. „Die Liebe hört nimmer auf“, schreibt Paulus an die Korinther [1. Kor 13,8]. Und sie bestätigt den Guten Hirten als den, der seine Herde nicht im Stich lässt. Er kennt die Seinen und fühlt sich für sie verantwortlich. Er muss sie wohl grenzenlos lieben, denn er folgt ihnen und gibt sie nicht auf. Er sucht sie in den entlegenen Ecken. Er bringt sie in Sicherheit. Er wünscht, dass sie ihm freiwillig folgen.

Was ist das auch für eine Gesellschaft, in der man sich Liebe verdienen muss? Was blüht uns, wenn die immer weniger werden, die aus Überzeugung mit Hingabe anderen ihre Liebe nachtragen? Was ist, wenn der Kain-Satz Köpfe und Herzen erobert hat: „Soll ich meines Bruders Hüter sein?“ [1. Mose 4,9]

Im Abendmahl suchen wir die Gemeinschaft derer, die dem guten Hirten folgen wollen und nicht zuletzt IHN selbst. Und das Kreuz, das wir in unserem Leben zu tragen haben, selbst der Tod scheint erträglicher werden, weil wir um den guten Hirten wissen. „Und ob ich schon wanderte im finstern Tal, fürchte ich kein Unglück, denn du bist bei mir“ [Ps 23,4].

Hinter dem Bild vom guten Hirten schaut bereits befreites, gesuchtes und gefundenes Leben hervor. Wir können uns selbst und andere darin erkennen. Jesu Liebe sagt uns deutlich: Ich bin für euch da. Für euch soll es Mitmenschen geben, die euch suchen und finden.

Und der Friede Gottes, der höher ist, als alle unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

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