Ostermontag
Text: Offb 5,6–14
Thema: Christus ist der Herr
Ev. Emmausgemeinde Eppstein
Pfarrer Moritz Mittag

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

Die alten Bilder von Karfreitag und Ostern sind eher schlichter Natur. Das Kreuz auf Golgatha und das Felsengrab – am Ende leer. Und immer wieder Wege. Erst zum Kreuz, dann zum Grab. Wir sehen Josef von Arimathäa mit dem Leichnam Jesu, später am Ostermorgen die Frauen auf dem Weg, den Toten zu salben, und dann, wir haben’s im Evangelium gehört, die Jünger auf dem Weg nach Emmaus. Sieht man einmal von den dramatischen Ereignissen und den sie begleitenden Emotionen ab, sind das alles vergleichsweise alltägliche Szenerien. In ihnen atmen wir den Staub, das Blut und den Schweiß der Beteiligten. So kommen sie uns nah.

Ganz anders wirkt die Vision des Johannes. Wie eine Übersetzung des Wortes „Erhöhung“. Im 4. Kapitel der Offenbarung entführt sie uns in himmlische Gefilde – „und siehe, eine Tür war aufgetan im Himmel“ [Offb. 4,1]. Dem Seher sei Dank, müssen wir nicht durch’s Schlüsselloch schauen. Stattdessen nimmt er uns mit, wenn er uns wissen lässt, „alsbald wurde ich vom Geist ergriffen. Und siehe, ein Thron stand im Himmel und auf dem Thron saß einer“ [Offb. 4,2]. Was folgt ist ein Feuerwerk der Bilder, der Einstellungen, wie man beim Film sagen würde, und der Schnitte. Kaum können die Sinne fassen, was vor ihnen liegt. Statisch wirkende Bilder – „um den Thron waren vierundzwanzig Throne und auf den Thronen saßen vierundzwanzig Älteste, mit weißen Kleidern angetan“ [Offb. 4,4], wechseln mit bewegten Szenen „Blitze gingen aus“, „Fackeln mit Feuer brannten“ [Offb. 4,5] und „die vierundzwanzig Ältesten fallen nieder vor dem, der auf dem Thron sitzt“ [Offb. 4 8]. Großes Kino. Große Bilder. Schnitt. Jetzt sind wir Zeuge einer eigenartigen Szene. „Und ich sah mitten zwischen dem Thron und den vier Wesen und mitten unter den Ältesten ein Lamm stehen, wie geschlachtet [Offb. 5,6]. Ein Kontrast zur eben noch vorherrschenden Herrlichkeit und ein Bezug einerseits zu den Passa-Lämmern, deren Blut die Israeliten am Vorabend ihres Auszugs aus Ägypten an den Türbalken gestrichen hatten, andererseits auf Vers 29 im 1. Kapitel des Johannes-Evangeliums, wo der Täufer mit Blick auf Jesus bemerkt: „Siehe, das ist Gottes Lamm, das der Welt Sünde trägt!“

Allerdings gleicht es hier nicht mehr dem Lämmlein, das „geht dahin, wird matt und krank, ergibt sich auf die Würgebank“, wie Paul Gerhardt es beschrieben hatte. Jetzt wirkt es wie neu belebt und mit Bedeutung aufgeladen: „es hatte sieben Hörner und sieben Augen, das sind die sieben Geister Gottes, gesandt in alle Lande“ [Offb. 5,6].

Diesem Lamm geht auch die süße Harmlosigkeit unserer selbstgebackenen Osterlämmer ab – und nicht nur, weil der Puderzucker fehlt. Nein, dieses seltsame Bild vom siebenfach gehörnten Lamm mit seinen sieben Augen – eine höchst irritierende Vorstellung – ist anders als jedes Lamm sonst. Es hat eine grundlegende Verwandlung erfahren, ist als Lamm noch zu erkennen und doch deutlich zu unterscheiden von allen anderen Lämmern. In diesem Lamm sehen wir den Auferstandenen.

„Und es kam und nahm das Buch aus der rechten Hand dessen, der auf dem Thron saß. Und als es das Buch nahm, da fielen die vier Wesen und die vierundzwanzig Ältesten nieder vor dem Lamm, und ein jeder hatte eine Harfe und goldene Schalen voll Räucherwerk, das sind die Gebete der Heiligen, 9 und sie sangen ein neues Lied: Du bist würdig, zu nehmen das Buch und aufzutun seine Siegel;

denn du bist geschlachtet und hast mit deinem Blut Menschen für Gott erkauft aus allen Stämmen und Sprachen und Völkern und Nationen 10 und hast sie unserm Gott zu einem Königreich und zu Priestern gemacht, und sie werden herrschen auf Erden.“ [Offb. 5,10].  

Was ist das für ein Buch? Waren doch eben bei Anleihen aus dem Film, können wir vielleicht von einem Drehbuch sprechen, nicht irgendeinem, sondern dieses eine, darin Gottes Wille zum Ausdruck kommt. Hier, um es in die übliche trinitarische Terminologie zu übersetzen, hier sind wir Zeuge der Inthronisation des Sohnes durch den Vater. Der, so sagt es unser Glaubensbekenntnis: „Er sitzt zur Rechten Gottes, des allmächtigen Vaters.“

Der Welt ist das noch verborgen. „Die Gemeinde aber, die sich im Glauben zu diesem Herrn aller Herren bekennt, wartet darauf, dass er als der König aller Könige offenbar werden wird“ [Eduard Lohse: Die Offenbarung des Johannes, in: NTD Bd. 4, Göttingen 1979, S. 43].

Johannes lässt uns in den Himmel sehen und lauschen: „Und ich sah, und ich hörte eine Stimme vieler Engel um den Thron und um die Wesen und um die Ältesten her, und ihre Zahl war zehntausendmal zehntausend und vieltausendmal tausend;“ [Offb. 5,11]

Wie muss das klingen? Erst recht, wenn sich unser Gesang, der Gesang in allen Gottesdiensten dieser Welt mit jenen himmlischen Klängen verbindet. Aber wie weit wir davon entfernt sind und wie sehr wir Welt sind und eben nicht Himmel, das erfahren wir leidvoll in diesen Zeiten, da die Gemeinde nicht singen darf. Nun, dann lassen wir sie singen und lauschen, was ihnen dort, fern von uns und nah nur durch des Johannes Sichten, über die Lippen kommt:

„die sprachen mit großer Stimme: Das Lamm, das geschlachtet ist, ist würdig, zu nehmen Kraft und Reichtum und Weisheit und Stärke und Ehre und Preis und Lob“ [Offb. 5,12].

Was singen sie da? „Das Lamm ist würdig“, ja, der Christus, sein Ehrenname sagt es, ist König, nicht weil er sich alle Welt durch Schwert und Gewalt unterworfen hätte, sondern weil er alle Welt befreit hat. Nicht mehr Leid, Sterben und Tod haben das letzte Wort, sondern er, dessen Wort befreit und uns zu neuem Leben ruft. Der Chor der Engel trägt dem Erhabenen die Attribute seiner Herrschaft an. Es sind sieben an der Zahl – wir erinnern dieselbe Zahl in der Beschreibung des Lammes mit den sieben Hörnern und den sieben Augen. Welches sind nun die Attribute seiner Herrschaft? Die ersten vier bringen seine Macht und Herrschaft zum Ausdruck: „Kraft und Reichtum und Weisheit und Stärke“. Die drei anderen gehören zur Anbetung des Höchsten: „Ehre und Preis und Lob“. In diesen Chor der Himmlischen Heerscharen wird alle Welt einstimmen, so sieht es Johannes kommen: „Und jedes Geschöpf, das im Himmel ist und auf Erden und unter der Erde und auf dem Meer und alles, was darin ist, hörte ich sagen: Dem, der auf dem Thron sitzt, und dem Lamm sei Lob und Ehre und Preis und Gewalt von Ewigkeit zu Ewigkeit! [Offb. 5,13]

Der Lobpreis gilt dem Schöpfer des Himmels und der Erde und dem Erlöser. „Und die vier Wesen sprachen: Amen! Und die Ältesten fielen nieder und beteten an“ [Offb. 5,14].

Wer sind die vier Wesen, von denen es heißt, sie seien „voller Augen vorn und hinten“ [Offb. 4,6]? Das eine gleicht einem Löwen, das nächste einem Stier, das dritte trägt „ein Antlitz wie ein Mensch“ [Offb. 4,7] und das vierte gleicht einem fliegenden Adler. Einst in noch älteren mythischen Vorstellungen trugen vier mächtige Wesen das Himmelsgewölbe, den Thron Gottes. Für Johannes sind es besondere Engelsgestalten, Seraphen, die für Gott brennen. In unserer Bilderwelt tauchen sie wieder auf als Symbole der Evangelisten Matthäus, Markus, Lukas und Johannes.

Am Ende sehen wir die vierundzwanzig Ältesten, wir erinnern uns, sie sitzen auf den Thronen um den Höchsten herum, erneut niederfallen und anbeten. Der Verachtetste und Verhöhnte, Geschlagene und Gekreuzigte, Jesus, der Christus, ist der Herr und niemand sonst – kein Caesar in Rom, kein Führer in Berlin, kein Herrscher irgendwo auf der Welt. Nein, Christus ist der Herr.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.