2. Sonntag nach dem Christfest – 5.1.2020

Text: Jes 61,1–3(4.9)10.11

Thema: Bitte umziehen!

Ev. Emmausgemeinde Eppstein

Pfarrer Moritz Mittag

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

Ein Moment am Mainzer Schillerplatz. 1969. Die Straßenbahn kommt gleich. Eine Frau zur andern: „Da hawwe se awer e sche Kladsche on!“ Die andere: „Ach, das habe ich schon lange, mindestens zehn Jahre:“ „Was? Un so’n alde Fetze dun Sie noch en[1]?“

Öfter mal was Neues. Nach der Devise handelt ein Großteil der heutigen Käuferinnen und Käufer: „Billig und viel kaufen, kurz oder nie tragen, schnell wegwerfen – so gehen die

Deutschen im Fast-Fashion-Zeitalter mit Mode um. Angekurbelt wird dieses Verhalten von Textilgiganten wie H&M oder Zara, Aldi oder Lidl, die im Wochen-Rhythmus neue Billigkollektionen in die Läden bringen. Kleidung wird dabei immer mehr zur Wegwerfware, T-Shirts kaum länger getragen als Plastiktüten.“[2]

Kein Wunder, dass deutsche Verbraucher im Schnitt 60 Kleidungsstücke pro Jahr kaufen, diese allerdings nur noch halb so lang tragen wie vor 15 Jahren.[3]

2014 wurden mehr als 100 Milliarden Kleidungsstücke neu produziert. Deutsche Verbraucher kaufen im Schnitt 60 Kleidungsstücke pro Jahr – tragen diese allerdings nur noch halb so lang wie vor 15 Jahren. Der globale Handel mit Altkleidern umfasst 4,3 Millionen Tonnen, vieles davon wird nicht mehr getragen. Ist das das Ende der Fahnenstange? Die Fachleute sagen: Der Absatz von Kleidung hat sich zwischen 2002 und 2015 fast verdoppelt: von einer Billion

US-Dollar auf 1,8 Billionen US Dollar. Bis 2025 wird mit einem weiteren Anstieg auf 2,1 Billionen US-Dollar gerechnet.[4]

Das Geschäft verzehrt Unmengen Ressourcen. Nur ein Beispiel: Rund 7000 Liter Wasser verbraucht die Produktion einer einzigen Jeans.

Nach einer Umfrage[5], die Greenpeace in Auftrag gegeben hat, besitzt jede erwachsene Person (18–69 Jahre) in Deutschland im Durchschnitt 95 Kleidungsstücke (ohne Unterwäsche und Socken). Das sind etwa 5,2 Milliarden Kleidungsstücke in Deutschland. Der Großteil der Kleidung besteht aus kurz- sowie langärmligen Oberteilen. Man schätzt, dass sich im Fundus 2 Milliarden praktisch nie getragener Kleidungsstücke befinden.

Und jetzt kommt der Prophet Jesaja und fordert seine Leute auf: Zieht euch um! Macht euch schön! Feiert das Leben! Es gibt gute Nachrichten zu feiern, darum die Festtagskleidung – wir wissen ja, „Kleider machen Leute“[6]. Aus niedergeschlagenen, traurigen, elenden Menschen sollen Freie und Frohe werden. So ähnlich sagt er das im 61. Kapitel. Aber hören Sie selbst:

61,1 Der Geist Gottes des HERRN ist auf mir, weil der HERR mich gesalbt hat. Er hat mich gesandt, den Elenden gute Botschaft zu bringen, die zerbrochenen Herzen zu verbinden, zu verkündigen den Gefangenen die Freiheit, den Gebundenen, dass sie frei und ledig sein sollen; 2 zu verkündigen ein gnädiges Jahr des HERRN und einen Tag der Rache unsres Gottes, zu trösten alle Trauernden, 3 zu schaffen den Trauernden zu Zion, dass ihnen Schmuck statt Asche, Freudenöl statt Trauer, schöne Kleider statt eines betrübten Geistes gegeben werden, dass sie genannt werden »Bäume der Gerechtigkeit«, »Pflanzung des HERRN«, ihm zum Preise.

Mit Schönheit, mit der ihr euch umgebt, feiert das gnädige Jahr des Herrn. Der ruft euch sozusagen auf den Laufsteg, damit ihr zeigt, was die frohe Botschaft mit euch macht. Alle sollen das sehen, merken und spüren. „Schmuck statt Asche, Freudenöl statt Trauer, schöne Kleider statt eines betrübten Geistes“ [Jes 61,3]. Ja, vieles können wir über die Kleidung ausdrücken und auch uns selbst sagen. Wie wir uns fühlen, wie wir uns verstehen, wer wir sein wollen. Und wir wissen auch, Person und Kleidung müssen sich verstehen, müssen zueinander passen, sonst wird’s komisch.

Kein Mensch kann der Trauer Abbruch tun, indem er sich in frohen bunten Farben kleidet. Kein Mensch holt sich aus der Depression, indem er Schmuck und Parfum anlegt. Erst die innere Veränderung, dann die äußere.

Anlass zur inneren Veränderung, das richtet Jesaja seinen Leuten aus, gibt Gott selbst, der sein Volk im Exil nicht im Stich lässt. Er eröffnet ihm eine blühende Zukunft, in der sich das Blatt wenden wird. Die wie Sklaven in der Fremde geschuftet haben, werden erleben, dass „Fremde … hintreten und eure Herden weiden, Ausländer werden eure Ackerleute und Weingärtner sein“ [Jes 61,5]

Die Passage hören wir mit Nachsicht. Die Vorstellung eines

Rollentausches, bei dem aus den Sklaven von einst die Herren von heute werden, kann man immerhin verstehen. Als Konzept für eine friedliche Zukunft taugt sie nicht. Das lehren uns die politischen Erfahrungen.

Aber, das macht jedes Wort hier deutlich, Freude ist angesagt, denn der Prophet ist gesandt, „den Elenden gute Botschaft zu bringen, die zerbrochenen Herzen zu verbinden, zu verkündigen den Gefangenen die Freiheit…“ [Jes 61,1].

Was wir ohne große Überlegung so dahinsagen, ist hier vollumfänglich gemeint und angesagt: „Alles wird gut!“

Darum, ich lese die Verse 10 und 11: „10 Ich freue mich im HERRN, und meine Seele ist fröhlich in meinem Gott; denn er hat mir die Kleider des Heils angezogen und mich mit dem Mantel der Gerechtigkeit gekleidet, wie einen Bräutigam mit priesterlichem Kopfschmuck geziert und wie eine Braut, die in ihrem Geschmeide prangt. 11 Denn gleichwie Gewächs aus der Erde wächst und Same im Garten aufgeht, so lässt Gott der HERR Gerechtigkeit aufgehen und Ruhm vor allen Völkern.“

Gilt diese frohe Botschaft nur den aus dem Exil heimkehrenden Israeliten oder gilt sie auch nachfolgenden Generationen? Es ist der Gott Israels, der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs, der Vater unseres Herrn Jesus Christus, dessen Gerechtigkeit aufgeht, wie der Same im Garten. Es ist der Gott der Bibel, der sich an die Seite derer stellt, die im Elend sind und unter Unrecht leiden. Nichts anderes zeigt uns Jesus selbst.

Und wenn wir wieder einmal eines unserer durchschnittlich 95 Ober-Bekleidungsstücke kaufen, dann sollten wir wenigstens stutzig werden, wenn das T-Shirt bei „Kuk“ oder so ähnlich gerade mal € 4,99, das Damenkleid für den einmaligen Anlass € 12,95 kostet. Wir sollten dann im Kopf haben, dass nur etwa zwei Prozent des Ladenpreises für Arbeitskosten aufgewendet werden. Will sagen, der Mensch, der in einem der Billiglohnländer das T-Shirt fertigt, bekommt dafür kaum 10 Cent.[7]

Wenn die Saat der Gerechtigkeit aufgeht, kann das so nicht bleiben. Bitte umziehen, wir sind dran mit Gießen, Harken, und Pflegen im Garten des Herrn! Gerechtigkeit fängt mit Fairness an.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.


[1] „en“ in franz. Aussprache

[2] https://www.greenpeace.de/sites/www.greenpeace.de/files/publications/20151123_greenpeace_modekonsum_flyer.pdf

[3] https://greenwire.greenpeace.de/system/files/2019-04/s01951_greenpeace_report_konsumkollaps_fast_fashion.pdf

[4] ebd.

[5] Durchgeführt im September 2015vom Institut Nuggets Market Research & Consulting GmbH.

[6] Nach der gleichnamigen Novelle des Schweizer Dichters Gottfried Keller von 1874.

[7] https://www.tdh.de/was-wir-tun/arbeitsfelder/kinderarbeit/meldungen/brand-und-gebaeudeschutz-in-bangladesch/?gcli