2. Advent
Text: Hld 2,8–13
Thema: Gott ist mein Freund
Ev. Emmausgemeinde Eppstein
Pfarrer Moritz Mittag

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

Wer ist Gott für Dich? Bumms! Die Frage sitzt. Und wer ist Jesus Christus für Dich? Doppel-Bumms! Wer ist Gott für mich? „Der, der hinter allem steht – oder sitzt“ oder „Der Schöpfer“ oder „Eine unendliche und unbegreifliche Macht“ oder „Die Liebe“. Es gäbe noch so viel mehr Antworten. Auch gespreiztere: Das oberste Prinzip. Das Schicksal. Die Bestimmung. Der erste Beweger. Der Ganz- andere. Ob ich mich mit dem anfreunden kann? Ob der mich bewegt? Ich weiß es nicht.

Gut, wir können über Gott auch in geprägten Formulierungen sprechen, laufen am Ende vielleicht Gefahr, dass unsere Rede sich auf die Reproduktion des bereits und längst Gesagten beschränkt. „Richtig“, aber abgelöst von mir als Mensch, ohne persönlichen Bezug. „Richtig“, aber nicht lebendig.

Aber wird mir am Ende, wenn’s gilt, der Gott eine Hilfe sein, den ich gleichsam eingesperrt habe in den Setzkasten meiner Gedanken und Vorstellungen? Umgekehrt kann dann nicht alles oder jeder an die Stelle Gottes treten? Die Natur. Das Idol. Das Ersehnte. Die Angebetete. Der Führer.

Ich muss Gott kennenlernen, damit ich sagen kann, wer er ist für mich. Wie mache ich das denn sonst, wenn ich jemanden kennenlernen möchte? Zuerst einmal entwickle ich ein Interesse am anderen. Das ist eine gute Voraussetzung, ihn wahrzunehmen und Erfahrungen mit ihm zu machen – und sei es als Beobachter. Irgendwann lade ich ihn zu mir ein. Wenn ich bete, lade ich Gott ein. Und ich warte, ob er kommt und was er mir zu sagen hat. Kann sein, dass ich nicht sofort verstehe, dass ich mein Gehör für’s Transzendente, für das, was hinter oder über allem ist, erst trainieren muss. Ich kann ihn auch direkt fragen. So lerne ich die Barrieren und Sackgassen in mir kennen. Das, was mich hindert, mit Gott vertraut zu werden. Ob ich damit jemals fertig werde? Kaum. Kein Wunder, er ist wie jedes andere Gegenüber, wie jedes Du, dem ich in die Augen sehen kann, ein Geheimnis. Eben mehr, als ich erfassen und verstehen kann. Nach und nach werde ich aber doch mit ihm vertraut, weiß sogar sein Schweigen zu verstehen.

Mittlerweise weiß ich, wie er „tickt“ – denke ich zumindest, ich weiß, was er mag und was er ablehnt. Ich lerne mit ihm zu leben. Als hätten wir eine Wohngemeinschaft. Schon von weitem höre ich seine Stimme, unnachahmlich, wie er die Treppe raufkommt. Ich weiß gleich, dass er das ist. Jetzt kramt er nach dem Schlüssel und gleich ist er da…

Darf ich so von Gott sprechen? Sie zweifeln? Dann hören Sie mal, wie hier eine singt, die sich auf das Kommen ihres Geliebten freut. Ein Lied, das nach dem Verständnis der jüdischen Tradition das wartende Volk und den kommenden Herrn besingt. Wir lesen es im Hohelied im 2. Kapitel in den Versen 8-13:

Hld 2,8 Da ist die Stimme meines Freundes! Siehe, er kommt und hüpft über die Berge und springt über die Hügel. 9 Mein Freund gleicht einer Gazelle oder einem jungen Hirsch. Siehe, er steht hinter unsrer Wand und sieht durchs Fenster und blickt durchs Gitter. 10 Mein Freund antwortet und spricht zu mir: Steh auf, meine Freundin, meine Schöne, und komm her! 11 Denn siehe, der Winter ist vergangen, der Regen ist vorbei und dahin. 12 Die Blumen sind hervorgekommen im Lande, der Lenz ist herbeigekommen, und die Turteltaube lässt sich hören in unserm Lande. 13 Der Feigenbaum lässt Früchte reifen, und die Weinstöcke blühen und duften. Steh auf, meine Freundin, und komm, meine Schöne, komm her!

Was mir gleich auffällt ist die Anmut, die Schönheit der Sprache. So klingt es, wenn Liebkosung in Worte fließt. Die freudevolle Erwartung lässt alles leicht und beweglich werden: Der kommende Freund „hüpft über die Berge“, „springt über die Hügel“ [Hld 2,8] und gleicht dabei einer „Gazelle oder einem jungen Hirsch“ [Hld 2] (Unwillkürlich denke ich an die Höhlenmalereien von Lascaux.]

Es fällt mir leicht, mir den anmutigen Freund und seine Freundin vorzustellen. Sie sind einander vertraut. Schon von weitem hat sie ihn erkannt. Und nun ist er da – noch draußen – und schaut herein. Er schaut nach ihr. Ihretwegen ist er gehüpft und gesprungen – und sein Herz gleich mit. Aus alledem sprechen Sehnsucht und Verlangen. Vertrautheit und Nähe.

„Wie soll ich dich empfangen und wie begegn ich dir, o aller Welt Verlangen, o meiner Seelen Zier?“ [Paul Gerhardt, EG 11,1] dichtet Paul Gerhardt.

Das Warten hat ein Ende. Jetzt heißt es handeln. „Steh auf, meine Freundin, meine Schöne, und komm her!“ [Hld 2,10] Wer jetzt die Stimme hört, und kennt sie, der wird dem Ruf folgen.

Alles spricht dafür. Die ganze Welt gibt Zeichen. „Denn siehe, der Winter ist vergangen, der Regen ist vorbei und dahin. 12 Die Blumen sind hervorgekommen im Lande, der Lenz ist herbeigekommen, und die Turteltaube lässt sich hören in unserm Lande. 13 Der Feigenbaum lässt Früchte reifen, und die Weinstöcke blühen und duften.“ [Hld 2,11-13]

Wenn im jüdischen Gottesdienst dieser Text gelesen wird, feiert die Gemeinde das Passahfest. Dann ist es Frühling. Das Land, Tiere und Pflanzen, die Menschen lassen die Erstarrung der Wintermonate hinter sich, sie regen und bewegen sich und freuen sich, dass das Leben neu wird.

Ganz so leicht fällt uns die Übertragung nicht. Wir sind jahreszeitlich kaum im Winter angekommen. Aber es ist meist dunkel draußen, nicht alles, dass einem das auf’s Gemüt geht. Drum braucht’s ja all die Süßigkeiten und großen und kleinen Lichter, damit wir es gut zum Frühjahr hin schaffen.

Wenn wir endlich Weihnachten feiern und die Stimme unseres Freundes hören, haben wir die Talsohle der Dunkelheit durchschritten. Mit dem Licht, mit der nach und nach und dann immer stärker werdenden Sonne, kommen auch bei uns die Blumen, Frühling und Turteltaube…

„Jesus ist kommen, Grund ewiger Freude…“ [EG 66], singen wir dann. Wenn doch nur unsere Freude ewig wäre! Uns beutelt noch der Winter der Welt. Der Tod, der auf ihr wütet. Krankheiten, Seuchen, Hunger und Durst, der Krieg und das Elend, das er mit sich bringt. All das Unrecht, das sich zur Herrschaft aufgeschwungen hat. All die Not, die Menschen mit sich reißt. Die Sorgen, die uns Frieren machen.

Wir sehnen uns danach, dass es Frühling wird. Dass es ein Ende mit dem Elend hat.

Und wir wissen: Wir werden’s nicht wenden. In unserer Hand liegt es nicht. Wir richten unsere Hoffnung auf Gott. Er muss kommen. Darauf warten wir. Und Ihm vertrauen wir uns an. Mit ihm verbinden wir uns. So lernen wir ihn kennen, so gut, dass wir sogleich aufhorchen: „Da ist die Stimme meines Freundes!“ und aufsehen, wenn „er kommt und hüpft über die Berge und springt über die Hügel“ [Hld 2,8].

Wir sind bereit, bereiten uns auf den Moment vor, da er ruft: „Steh auf, meine Freundin, und komm, meine Schöne, komm her!“ [Hld 2,13]

Wenn er doch schon da wäre!

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.