Erntedank
Text: Mk 8,1-9
Thema: Was macht uns satt?
Ev. Emmausgemeinde Eppstein
Pfarrer Moritz Mittag

Markus 8,1 Zu der Zeit, als wieder eine große Menge da war und sie nichts zu essen hatten, rief Jesus die Jünger zu sich und sprach zu ihnen: 2 Mich jammert das Volk, denn sie harren nun schon drei Tage bei mir aus und haben nichts zu essen. 3 Und wenn ich sie hungrig heimgehen ließe, würden sie auf dem Wege verschmachten; denn einige sind von ferne gekommen. 4 Seine Jünger antworteten ihm: Woher nehmen wir Brot hier in der Einöde, dass wir sie sättigen? 5 Und er fragte sie: Wie viele Brote habt ihr? Sie sprachen: Sieben. 6 Und er gebot dem Volk, sich auf die Erde zu lagern. Und er nahm die sieben Brote, dankte, brach sie und gab sie seinen Jüngern, dass sie sie austeilten, und sie teilten sie unter das Volk aus. 7 Sie hatten auch einige Fische; und er sprach den Segen darüber und ließ auch diese austeilen. 8 Und sie aßen und wurden satt. Und sie sammelten die übrigen Brocken auf, sieben Körbe voll. 9 Es waren aber etwa viertau-send; und er ließ sie gehen.

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

Die Geschichte von der Speisung der 4000 aus dem Markusevangelium haben wir eben in der Lesung gehört. Dass da viele Menschen, sehr viele zusammengekommen sind, um Jesus zu begegnen, das können wir uns noch vorstellen. Dass sie sich nun schon drei Tage bei ihm in der Einöde aufhalten und sie ihre Vorräte darüber aufgebraucht haben, hören wir vielleicht mit Verwunderung. Dass sie nicht schon längst aufgebrochen sind, um für sich zu sorgen, können wir kaum verstehen. Dass sie hungern, das ist uns eher fremd. Gut, lebten wir an einem anderen Ort, wer weiß, vielleicht wäre dann der Hunger auch bei uns an der Tagesordnung.

Vom Hunger, der einen Bücher zerreißen und die Seiten aufessen, die Ledersohle kauen, das verschimmelte Brot nicht verschmähen lässt, hat mir mein Vater erzählt. Sehr authentisch, denn so hat er’s im Krieg erlebt.

Wenn wir über das Essen reden, dann sind Mangel und Not nicht unser Problem. Eher schon Überfluss und Übergewicht. Es ist gut, dass mittlerweile viele sorgfältiger mit diesem Thema umgehen. Dass sie sich fragen, woher kommen eigentlich die Früchte, woher das Gemüse, woher Fleisch und Fisch? Wieviel tut gut? Was ist zu viel?

Als 1773 der preußische König, es war übrigens Friedrich der Große, den Sonntag nach Michaelis als Erntedank-Sonntag festsetzte, waren die meisten in seinem Reich Bauern. Es war üblich, Vieh, Felder und Gärten zur eigenen Ernährung zu nutzen. Wer das tut, und das hat sich bis heute wenig geändert, lebt in einer gewissen Abhängigkeit von den Gegebenheiten der Natur. Regnet’s werden die Kartoffeln groß, bleibt der Regen aus, vertrocknen Pflanzen und Früchte. Dass dem so ist, bemerken wir am ehesten über den Preis der Lebensmittel. Wir Markt- und Supermarkt-BesucherInnen haben den unmittelbaren Bezug zu Saat und Ernte weithin verloren.

Aber es ist uns nicht erspart geblieben, hungrig, ich sollte besser sagen, bedürftig zu sein. Vincent zeigt das jeden Tag. Er könnte nicht darauf verzichten, dass seine Eltern und Nächsten mit ihm sprechen, lachen und schmusen. Er würde eingehen wie eine Primel, würde ihm das alles vorenthalten.

Das bringt mich auf die Frage: Was macht uns satt?

Morgens, wenn ich zur Schule fahre, sehe ich Kolonnen von Schülerinnen und Schülern den Berg zum Bienroth hinauflaufen. Nein, sie kauen nicht, ihr Hunger ist offenbar anderer Natur. Sie schauen, aber nicht vor sich oder neben sich, sondern auf’s Display. Das ist bunt, bewegt und ändert sich in einem fort, bedient einen mit Nachrichten, Filmchen und Klängen. Wenn schließlich die Schülerinnen und Schüler meiner Reli-Kurse vor mir sitzen, habe ich den Eindruck, sie sind schon abgefüllt. Neugier und Aufnahmebereitschaft Fehlanzeige. Hirn und Herz sind bereits besetzt. Aber sind sie auch satt?

Was die Klärung dieser Frage anlangt, können wir für die Wochen des Lockdowns sogar Dankbarkeit empfinden. Warum? Sie haben uns allen geholfen, den Blick für das, was wirklich wesentlich ist, zu schärfen. Da wurde dann klar, dass die unzähligen Whatsapp- oder Instagram-Nachrichten noch nicht mal als Ersatz für reale und direkte menschliche Begegnungen und Gemeinschaft taugen. Und ehrlich gesagt, verhielt es sich mit dem, was man „digitalen Unterricht“ nennt, auch nicht so viel anders.

Was macht uns satt? Was erfüllt uns?

Für die vielen Menschen, die bei Jesus in der Einöde geblieben sind, waren es offenbar nicht die zunächst gut gefüllten Proviantpakete. Sie blieben ja auch, als sie nichts mehr zu essen hatten. Und am Ende war es auch nicht die schiere Menge an Brot und Fisch, die sie zufriedengestellt haben.

Wenn’s nur das gewesen wäre, hätte die Recherche der Jünger, wieviel Brote noch da sind, jede weitere Bemühung im Keim ersticken müssen. Sieben. Mit biblisch ungeschultem Ohr heißt sieben weniger als acht. Zu wenig für so viele hungrige Mäuler. Wer sich ein wenig mit den Zahlen in der Bibel beschäftigt hat, mag zu dem Schluss kommen, sieben, das ist die Zahl für genug, für vollkommend ausreichend. Beide Möglichkeiten schwingen hier mit. Und dass es am Ende wirklich für alle vollkommen ausreicht, das ist nicht der materiellen Menge geschuldet, das liegt viel eher daran, dass ein fürsorglicher Jesus die sich anbahnende Not der vielen Menschen um ihn herum wahrnimmt.

Er heißt sie sich lagern, er lässt sich Brote und Fische bringen – „dankte, brach sie und gab sie seinen Jüngern“ [Mk 8,6]. Mich erinnert die Formulierung an das Abendmahl: „Da nahm er das Brot, dankte, brach’s, gab es ihnen und sprach: Das ist mein Leib“ [Lk 22,19]. Gott sorgt für uns. Davon erzählt diese Geschichte am Erntedanktag.

Und die Menschen essen alle und sie werden satt. Nicht übervoll, denn alle nehmen das zu sich, was sie an Essen brauchen. Nicht mehr und nicht weniger. Und am Ende „sammelten (sie) die übrigen Brocken auf, sieben Körbe voll“ [Mk 8,8].

Wenn wir auf dieser Erde diese einfache Regel auch beherzigten und uns nur nähmen, was wir brauchen, nicht mehr und nicht weniger, wäre der Hunger in der Welt besiegt. Das muss uns an diesem Tag des Dankes nachdenklich machen. Dass wir verschwenden, was woanders fehlt. Dass wir mehr Ressourcen beanspruchen, als wir tatsächlich brauchen. Dass wir eher an Fülle und Übergewicht leiden als an Mangel und Hunger. Dass unser Herz und Hirn womöglich voll ist mit allem Möglichen und zugleich an Leere und Bedürftigkeit leidet.

Aber dazu ist „der Menschensohn gekommen, zu suchen und selig zu machen, was verloren ist“ [Lk19,10]. Und der Friede Gottes, der höher ist als alle unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.