7. Sonntag nach Trinitatis

PR Geschichte der Kirche

Thema: Friedrich Daniel Schleiermacher

Und die Zeit der Empfindung

Ev. Emmausgemeinde Eppstein

Pfarrer Moritz Mittag

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

Dem Fallbeil der Revolution folgt der Furor des Krieges, der ganz Europa heimsucht. Mittendrin steht einer, der zur Zeit des Sturms auf die Bastille 20 Jahre alt ist: Friedrich Daniel Ernst Schleiermacher. Der gebürtige Breslauer studiert an der Universität Halle evangelische Theologie – er tritt damit erstmal in die Fußstapfen seines Großvaters und seines Vaters. An der Universität hallt das Gedankengut der Aufklärung nach. Damit setzt sich der Student und das ganze folgende Jahrhundert auseinander. Wenn man dem 19. Jahrhundert angesichts der Vielfalt der theologischen Positionen keinen gemeinsamen Epochenbegriff zuordnen kann, so darf man wohl behaupten, „dass die theologische Arbeit des Jahrhunderts sich vor allem in der Auseinandersetzung mit dem Erbe der Aufklärung vollzog.“ [Ernst Kähler]

Schleiermacher kommt 1790 für drei Jahre nach Ostpreussen, um als Hauslehrer in der Familie des Grafen Friedrich Alexander zu Dohna zu arbeiten. 1794 noch Hilfsprediger in Landsberg an der Warthe, lauscht ab 1796 schon die Gemeinde der Berliner Charité seinen Predigten. Hier lernt er Friedrich Schlegel kennen. Heute würde man sagen, die beiden gründen eine WG. Jedenfalls wohnen sie zusammen, lesen gemeinsam Johann Gottlieb Fichtes „Wissenschaftslehre“ und übersetzen Platons Werke. Beide tummeln sich in den Berliner Salons, wo die Romantik Einzug gehalten hat. Was das ist? Schlegel schreibt an seinen Bruder: „Meine Erklärung des Worts Romantisch kann ich Dir nicht gut schicken, weil sie − 125 Bogen lang ist.“ [Brief vom 1. Dezember 1797 in Ernst Behler u. a. (Hrsg.): Friedrich Schlegel. Kritische Ausgabe Bd. XXIV, S. 53]

Man kann sagen, dass die Abwendung von der Antike und der Klassik und die Hinwendung zu den Themen der eigenen Geschichte und Kultur für die Romantik typisch ist. Als schwinge das Pendel nach der aufklärerischen Vernunft nun zurück. Dabei mag die Enttäuschung darüber eine Rolle spielen, dass die Vernunft den Menschen nicht zu bändigen vermag, wie sich in der Raserei der Revolution gezeigt hat. Nun sucht man andere Zugänge, sich selbst zu verstehen. Begriffe wie „Gefühl“, „Leidenschaft“, „Seele“ und ein Interesse an Individualität und persönlichem Erleben treten in den Vordergrund. Und gerne thematisiert man Empfindungen wie Sehnsucht und Mysterium.

Hier setzt Schleiermachers 1799 veröffentlichte Schrift „Über die Religion. Reden an die Gebildeten unter ihren Verächtern“ einen wichtigen Akzent. Seine Methode, die Gedanken zu entwickeln, nämlich in einer Art Dialog mit dem Publikum – freilich in der Form der Rede, erinnert ein wenig an Sokrates. Ein paar Gedanken daraus:

Religion besteht völlig unabhängig von Moral und Metaphysik. Beides hat sich nur wie ein Schleier über sie gelegt. Sie lässt sich nicht für das menschliche Zusammenleben funktionalisieren und liefert auch keinen direkten Erkenntnisgewinn. Spekulieren darüber, ob es einen Gott gibt, ist im Gebiet der Religion leere Mythologie. Nachdenken, Erklären, Systematisieren ist Teil der Metaphysik, Religion ist aber nicht dem Denken verhaftet. Auch zum Handeln treibt die Religion nicht an. Man kann nichts aus Religion tun, aber alles mit ihr: „Ihr Wesen ist weder Denken noch Handeln, sondern Anschauung und Gefühl.“ Religion ist passives Anschauen des Universums, das sich offenbart und den Menschen tief berührt: „Anschauen des Universums, ich bitte, befreundet Euch mit diesem Begriff, er ist der Angel meiner ganzen Rede, er ist die allgemeinste und höchste Formel der Religion (sic!)“. [vgl. Über die Religion – Hg. Rudolf Otto, Göttingen 61967, S. 48ff.]

Das Anschauen des Universums, was dem Wesen der Religion entspricht, versöhnt das Auseinanderfallen von Wahr-nehmendem und Wahrgenommenem. Martin Buber wird das später in der Beziehung von Ich und Du weiterführen.

Mit in der Anschauung geschärftem „Sinn und Geschmack für das Unendliche“ tritt Schleiermacher 1804 an der Universität Halle eine Stelle als außerordentlicher Professor der Theologie und Philosophie an. 1806 ist Napoleon da (Schlacht von Jena und Auerstedt) und die Universität zu.

Als die Kassen und die Kasernen leer sind, ist Geist gefragt. Ein neuer Geist. Reformen!

Stein und Hardenberg veranlassen sie. Sie betreffen die Mitwirkungsmöglichkeiten der Bürger im Staat durch die Einführung der Selbstverwaltung in Provinzen, Kreisen und Kommunen. Aus Untertanen sollen Staatsbürger werden. Bauernbefreiung und Gewerbefreiheit beleben die Wirtschaft. Der Aufbau und Ausbau des Bildungswesens schafft wichtige Grundlagen.

In dieser Zeit, es ist geschichtlich betrachtet eine düstere Periode für das Königreich Preussen, das alle Energien auf-bieten muss, um in den Befreiungskriegen Napoleon Herr zu werden, geht Schleiermacher nach Berlin. Er wirkt dort als einflussreicher Prediger an der Dreifaltigkeitskirche, wo er sich angeregt durch den Freiherrn vom Stein und Wilhelm Humboldt für die Gründung der Universität einsetzt. Ab 1810 hat er dort bis zu seinem Lebensende 1834 eine Professur der Theologie inne. Gleich im ersten Jahr regt er eine Reform des Theologiestudiums nach. Eine Konsequenz ist die Einführung eines neue, bis heute bestehenden Fachs: Die Praktische Theologie, deren Feld die Theorie der Praxis ist.

1820/21 erscheinen die zwei Bände seiner Glaubenslehre. Ausgangspunkt seiner Überlegungen ist die Behauptung, dass die Dogmatische Theologie Zustände des frommen Bewusstseins auslegt. Die können nur aus dem Gebiet der inneren Erfahrung genommen werden. Hier ist die Religion zu Hause – im Gefühl der schlechthinnigen Abhängigkeit. Denn der Mensch ist sich einerseits immer einer partiellen Freiheit und einer partiellen Abhängigkeit in allem Denken und Handeln bewusst. Andererseits führt ihn aber gerade die teilweise Abhängigkeit in allem Bewusstsein der Freiheit zu diesem Gefühl völliger Abhängigkeit. (Es ist alles nichts mit der Freiheit, aber anders ist für uns Freiheit nicht zu haben.)

Seinen Zeitgenossen und Nachfahren, die ihm keineswegs nur zustimmen, hinterlässt er einen Katalog der großen Themen des 19. Jahrhunderts. Als da sind die religiöse Erfahrung – einzig verbliebene Quelle theologischer Aussagen; die Person Christi, in der sich die volle Gotteserkenntnis verwirklicht und die Kirche. In ihr schließen sich diejenigen zusammen, die in der Anschauung des Universums am vollen Gottesbewusstsein teilhaben und aufeinander wirken.

Übrigens ist es Schleiermacher angesichts einer wachsen-den Zahl der Verächter der Religion nicht bang. Überzeugt davon, dass jenes Gefühl der schlechthinnigen Abhängigkeit in einem jeden von uns wohnt, sieht er den Hervorbringungen religiöser Anschauung gelassen entgegen.

Und der Friede Gottes, der höher ist, als alle unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

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