Ostermorgen
Predigttext: Mk 16,1-8
Predigtthema: Von Ostern her brechen wir auf
Evangelische Emmausgemeinde Eppstein
Pfarrer Moritz Mittag

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

Die Nacht geht, der Tag kommt. Das ist nichts Außergewöhnliches. Die Osterbotschaft allerdings sagt uns etwas anderes. Sie blickt auf die Nacht des Todes zurück, die wie eine Finsternis über das Land kam [vgl. Mt 27,45]. Viele von uns sind Schon Zeugen solcher Finsternis geworden. Sie haben das Sterben und den Tod eines Menschen begleitet. Sie haben in ihrem Schmerz des Abschieds die Endgültigkeit gespürt und die Erfahrung, „mit unserer Macht ist nichts getan“ [EG 362,2], reflektiert.

Nun liegt seit mehr als einem Jahr ein ganzes Land, ein Kontinent, ja, weite Teile der Erde in solcher Finsternis. Gestern zählte man bundesweit 77.244 im Zusammenhang mit Corona Verstorbene. Weltweit waren es 2.836.220. Das sind nur Zahlen. Aber sie betreffen Menschen wie Du und ich, ihre Familien, Freunde und Kollegen. Für viele haben sich die Schatten des Leids und der Trauer über ihrem Leben ausgebreitet.

Wie eine äußere Vorwegnahme konnte es verstanden werden, wenn die Mutter oder der Bruder über Wochen isoliert im Krankenhaus und bis zum Tod auf der Intensivstation bleiben musste. Wie eine Vorwegnahme dessen, was der Tod wirkt, wofür in der Ostergeschichte der Stein steht, der den Zugang zum Grab versperrt. Nicht nur das, auch jeder Form der Zuwendung, der helfenden Hinwendung ist der Stein im Weg. Das ist der Tod. Beziehungslosigkeit ist Tod. Nicht nur Kleinkinder gehen daran zugrunde, auch Erwachsene und vor Menschen im Lebensabend.

Seit einem Jahr leben wir mit der Pandemie. Sie hat uns die Schwächen der Gesellschaft und des Staates unbarmherzig vor Augen geführt. Es sind – und jetzt wird es ungemütlich – unsere Schwächen. Denn wir sind das Volk, das diese Gesellschaft und diesen Staat formt und prägt.

Click and collect hat sich zur Lebenseinstellung entwickelt, die suggeriert, dass alles überall zu haben ist. Nach und nach wird selbst das Leben zum Dienstleister, die an ihn gerichteten Erwartungen sind billig, schließlich gibt es doch ein Recht auf… mein Glück, die Verwirklichung meiner Träume, ein sorgloses Auskommen, die Daseinsvorsorge und vieles mehr – all das muss der Staat garantieren. Risiken muss er möglichst vollständig ausschließen – aber dalli! – siehe Impfkampagne.

Wenn aber das Leben selbst zum Dienstleister geworden ist, sind die Menschen darin, die anderen natürlich, seine Angestellten. Hier gilt hire and fire. Wer nützt bleibt, wer versagt, fliegt. Der Ruf „Alexa, Licht an!“ übertönt längst das biblische „Es werde Licht“ [1. Mos. 1,3]. Wunsch und Wille werden zum Maß aller Dinge. Dazu kommt der Optimierungswahn. Wehe der Beziehung, die ihm unterliegt.

Schließlich umgibt man sich nur noch mit denen, die optimal, will sagen, ohne Störungspotential, zu einem zu passen scheinen. Bei der Hotelauswahl achtet man darauf, dass Kinder unerwünscht sind (wenn man seine Ruhe haben möchte) oder – das ist das andere Ende der Skala – zu wahren Gebietern werden (wenn man selbst Kinder hat). Der Gedankenaustausch endet, wo Widerspruch artikuliert wird. Am besten versteht man sich doch mit den Gleichgesinnten und sozial Gleichgestellten. Am Ende des Prozesses könnte die Segregation der Gesellschaft, ihre Zerschlagung in gegeneinanderstehende Interessengruppen stehen, gegenseitige Ausgrenzung entlang der Demarkationslinien verschiedener Milieus. 

Passend dazu schwindet das Vertrauen. Verschwörungstheorien machen die Runde. Fehler und Scheitern gehören nicht mehr zu den Zeichen menschlicher Schwächen, sie sind ein Anschlag auf die als berechtigt verstandenen Erwartungen oder werden zur eigenen Profilierung genutzt. Gleichzeitig bemerken wir, wenn alles hundertprozentig richtig laufen soll, steht das Land still.

Jetzt zurückstecken, eigene Interessen hintanstellen, das Gemeinwohl über mein Wohl stellen – das bleibt in den Turbulenzen der Krise gelegentlich auf der Strecke. Der Run auf das Toilettenpapier war dafür ein Beispiel der harmloseren Art.

Die Pandemie ist geeignet, all diese Tendenzen zu verschärfen. Gezwungenermaßen haben wir unsere gelebten und sonst auch ausgelebten Beziehungen reduziert oder halten sie, wesentlicher Elemente des Miteinanders beraubt, mühsam aufrecht. Deutlicher denn je können oder könnten wir erkennen, wie wichtig die anderen für uns sind, die gefühlte und zu fassende Gemeinschaft.

Davon erzählen die biblischen Geschichten – auch das Osterevangelium. Die Frauen, die frühmorgens zum Grab aufbrechen, sind in ihren Gedanken bei ihrem Jesus geblieben, auch als der in seiner Grabkammer weggesperrt wurde. Sie widersprechen damit der Beziehungslosigkeit des Todes. Warum sonst sollten sie so früh morgens aufbrechen, „um hinzugehen und ihn zu salben“. In ihren Gedanken spielt das, was sie von Jesus trennt, offenbar keine Rolle. Erst als sie sich dem Grab nähern, kommt ihnen die Frage in den Sinn: „Wer wälzt uns den Stein von des Grabes Tür? Ihr Impuls, sich dorthin aufzumachen, hatte in gewisser, wohl unbewusster Weise vorweggenommen, was wir nun als erstes Zeichen des Ostergeschehens erkennen. Am Grab angekommen, „sahen [sie] hin und wurden gewahr, dass der Stein weggewälzt war“. Als hätte der Himmel, als hätte Gott sie nicht vor Wand laufen lassen wollen. Als hätte er alles getan, damit die erzwungene Beziehungslosigkeit, damit der Tod außer Kraft gesetzt würde.

Für ein einfaches Weiter-so reicht das nicht. Das Entsetzen der Frauen bedeutet uns, dass das, was dieser Nacht des Todes folgt, anders ist, ganz anders ist als das, was sie kennen. Was man immer so sagt, trifft ein: Nichts wird mehr so sein, wie es war. Wird das auch für uns gelten, wenn wir die schlimmsten Fesseln der Pandemie abgelegt haben werden?

Nichts wird mehr so sein, wie es war?

Das Ende wird in der Geschichte von Ostern zum Anfang. Der verlangt den Aufbruch – nicht Stehenbleiben, nicht Abwarten, sondern Aufbruch und Sendung: „Geht aber hin und sagt…“

Das Grab ist leer. Und ER, unser Jesus, der Christus, wird euch dort begegnen, wo ihr gelebt habt und lebt. Er bleibt in eurer Mitte. Anders, als ihr das kanntet, jetzt als der, der mit seinem Tod das stärkste Zeichen gegen die Beziehungslosigkeit gesetzt hat. Mit Ostern im Blick schreibt Paulus: „Der Tod ist verschlungen in den Sieg. Tod, wo ist dein Sieg? Tod, wo ist dein Stachel?“ [1. Kor 15,55]

Von Ostern her, brechen wir auf in unseren Alltag, der sich verändert und verändern muss in der Konsequenz der Pandemie und all ihrer Begleiterscheinungen. Von Ostern aus können wir anfangen, diese Veränderungen mitzugestalten. Sie sollen der Beziehungslosigkeit wehren. Darum werden wir fragen müssen nach dem Maß des Menschen und wo wir der Unmäßigkeit Grenzen setzen wollen. Darum werden wir für maßvolle Erwartungshorizonte eintreten und dabei außer uns selbst das Wohl des Ganzen im Blick behalten. Darum werden wir im Licht des Osterbotschaft der Trennung in unserer Gesellschaft entgegenwirken. Darum werden wir unsere Prioritätensetzung überprüfen müssen.

Und wir werden, wenn unsere hoffnungsvollen Erwartungen ein ums andere Mal enttäuscht werden, deshalb die Hoffnung nicht aufgeben. Denn von Ostern her erneuert sich unsere Hoffnung immer wieder, ja, sie geht uns nicht aus. Wie die kleinen Lichter, die mitunter nur zu glimmen scheinen, glimmt und scheint unsere Hoffnung in die Welt. Und ihre Gedanken und Worte, ihre Vorstellungen und Vorsätze nehmen Gestalt an in unserem Handeln, unserem Tun und Lassen. So verwandelt sie unser Leben und unsere Welt.

„Es wird gesät verweslich und wird auferstehen unverweslich. Es wird gesät in Niedrigkeit und wird auferstehen in Herrlichkeit. Es wird gesät in Schwachheit und wir auferstehen in Kraft…“ [1. Kor 15,42-43]. Für all das steht Jesus. Seine Auferstehung ist der Grund unserer unversiegbaren Hoffnung und Ermutigung genug, zu verwandeln, was des Todes ist, so dass Leben möglich wird.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.