Andacht zum Wochenspruch am letzten Sonntag nach Epiphanias

Über dir geht auf der HERR, und seine Herrlichkeit erscheint über dir. (Jesaja 60,20)

Bei diesen Zeilen denke ich an die Erzählung von der Verklärung Jesus aus dem Matthäus Evangelium: Jesus geht mit einigen seiner Jünger auf einen Berg und die Jünger werden Zeuge, wie Gott in einer lichten Wolke zu Ihnen kommt. Und ich denke auch an die Hirten auf dem Feld, die wie die Weisen aus dem Morgenland vom hellen Stern zur Krippe geleitet wurden. Momente, in denen Gott ganz nah war, in denen er Licht wurde.

Die Herrlichkeit des Herrn erscheint über Dir. Ist das denn wirklich so? Und wo finden wir denn die Herrlichkeit Gottes in unserer Lebenswelt? Erinnern wir uns daran, falls wir es erlebt haben? Erinnern wir uns daran, wenn Infektionszahlen, Impfquoten und wirtschaftliche Prognosen unser Leben bestimmen? In unserem Alltag, in dem wir uns Sorgen machen über die Zukunft? Ich könnte hier einiges aufzählen, was traurig stimmt, enttäuscht und das Leben düster macht. Der Prophet Jesaja sieht das auch: Mache dich auf, werde licht; denn dein Licht kommt und die Herrlichkeit des Herrn geht auf über dir! Denn siehe, Finsternis bedeckt das Erdreich und Dunkel die Völker; aber über dir geht auf der Herr, und seine Herrlichkeit erscheint über dir.“ 

Das heißt nicht, dass nun alles gut wird und die Welt plötzlich in Ordnung kommt. Sondern das heißt: Über dieser finsteren Welt geht das Licht des HERRN auf!  Gott schickt uns seinen Sohn, damit wir Hoffnung haben.

Es braucht dieses Licht, dass einem Hoffnung schenkt, das einem immer wieder dann aufgeht, wenn man seinen Weg aus den Augen verliert. Das galt in Zeiten, wo die Christen noch verfolgt wurden und ihren Platz finden mussten und auch in diesen Zeiten, wo sich unser Leben mit der Pandemie so sehr verändert hat.  Wir sehnen uns nach Gesellschaft, dem Gemeindeleben, Gesang oder dem Nachmittagskaffee mit der Freundin, nach Sicherheit, einem Ausweg aus der Dunkelheit. Gerade in dunklen Tagen, brauchen wir dieses Licht.

An Weihnachten kommen (unter normalen Umständen) auch Menschen zum Gottesdienst, die sonst fernbleiben. Die sich sonst vielleicht nicht mit der Kirche befassen. Sie werden angezogen vom Licht des Sterns über der Krippe. Wir haben am vergangenen Weihnachtsfest wohl gemerkt, welchen Unterschied es macht, ob wir an einem Gottesdienst teilgenommen haben oder ihm ferngeblieben sind. Und ich denke, alle haben sich nach dem Licht des Sterns gesehnt. Es macht etwas aus, ob wir uns dem Glauben öffnen

In jedes einzelne Leben will Gott sein Licht bringen, jede individuelle Dunkelheit hell machen. Wir müssen es nur zulassen. Wir müssen uns öffnen und achtsam sein. Dann kann uns dieses Licht erreichen.

Wir haben in unserer kleinen Familie ein Ritual, dass auch schon meine Tochter in ganz jungen Jahren verinnerlicht hatte: Wenn etwas besonders für uns ist, machen wir ein „Seelenfoto“.

Wir halten inne und speichern diesen kleinen Moment. Ich erinnere mich daran, dass meine Tochter etwa im Alter von 4 Jahren nach einem Besuch der entfernt wohnenden Großeltern auf dem Nachhauseweg plötzlich ganz still wurde und die Augen fest zudrückte. Ich fragte, was los sei und sie antwortete: “Es war heute so schön. Ich muss nur schnell ein Foto in meinem Herz machen.“  Wir machen uns bewusst, was da gerade mit uns passiert – ein Foto für die Seele haben wir es genannt. Und wenn es uns mal nicht so gut geht, holen wir so ein Seelenfoto aus der Schublade unseres Herzens und fühlen uns besser. Das wäre für mich so ein Moment des Lichts. Gott leuchtet über mir und dir.

Er sagt: „Ich bin immer bei dir. Auch wenn du aussichtslos gefangen bist, dich in Schuld verstrickt hast oder Angst vor der Zukunft dich lähmt, werde ich dir beistehen und dich nicht loslassen.“ Das Licht Gottes bewirkt neue Perspektiven auf die Situation, Auswege und Mut für neue, unbekannte Wege. Wir können es in vielem finden – einem Lächeln, einem Sonnenstrahl, in der Bibel, im Gebet oder auch in einem Lied.

Ich möchte mit einem Gebet schließen, das Dietrich Bonhoeffer einmal aufgeschrieben hat auf seinem, wie wir wissen, im Tod endenden Weg:

Herr, in mir ist es finster, aber bei dir ist das Licht;
ich bin einsam, aber du verlässt mich nicht;
ich bin kleinmütig, aber bei dir ist die Hilfe;
ich bin unruhig, aber bei dir ist der Friede;
in mir ist Bitterkeit, aber bei dir ist die Geduld;
ich verstehe deine Wege nicht, aber du weißt den Weg für mich.

Gebet:

Lebendiger Gott,
Licht lässt du aufscheinen in dieser Welt.
Wie sehr sehnen wir uns danach.
Wie dringend braucht es deine Schöpfung.
Wie abhängig ist die Welt von deinem Licht.

Wir bitten dich um Licht
in den Herzen und Köpfen der Mächtigen,
damit Besonnenheit ihre Entscheidungen bestimmt,
damit Klugheit ihr Handeln regiert,
damit Weisheit ihre Worte lenkt.
Um dein Licht, Herr,
bitten wir dich.
Erhöre uns

Wir bitten dich um Licht
in den Kliniken und an den Betten der Sterbenden,
damit die Pflegenden gesund bleiben,
damit Kranken genesen,
damit Lebensmut die Schatten des Todes vertreibt
und Trost die Trauernden erreicht.
Um dein Licht, Herr, bitten wir dich.
Erhöre uns.

Wir bitten dich um Licht
an den Orten des Grauens und der Angst,
an den Orten der Zerstörung,
an den Orten des Aufbruchs und der Hoffnung,
damit dein Leben einkehrt.
Wir bitten dich um Licht
in deiner Gemeinde,
in den Herzen aller,
die dir vertrauen.
Um dein Licht und deine Liebe, Herr, bitten wir dich.
Durch Jesus Christus lass es aufscheinen –
heute und alle Tage.
Amen.

Melanie Voigt