20. Sonntag nach Trinitatis – 3.11.19

Text: 1. Mose 8,18-22 und 8,12-17

Thema: Die Erde in Gefahr

Ev. Emmausgemeinde Eppstein

Pfarrer Moritz Mittag

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

Wer jemals im Kindergottesdienst war, kennt die Geschichte und auch die Vorgeschichte. Sie handelt von Noah und von Gott. Von der Sintflut. Von Wassern, die die Erde und das ganze Leben auf ihr verschlangen. Erzählt wird von der Enttäuschung, die Gott mit seinen Menschen erfährt. Kain erschlägt Abel. Ein Bruder den anderen. Und danach wird es auch nicht besser: „Als aber der Herr sah, dass der Menschen Bosheit groß war auf Erden und alles Dichten und Trachten ihres Herzens nur böse war immerdar, da reute es den Herrn, dass er die Menschen gemacht hatte auf Erden“ [1. Mos 6,5f.]. Alle Menschen und alle Tiere will er „vertilgen von der Erde“ [V.7]. Warum auch die Tiere, sind sie uns so ähnlich oder wir ihnen? Den weiteren Gang der Dinge erinnern wir aus der alten Erzählung. Dass allein Noah verschont blieb, denn „er wandelte mit Gott“ [V.9]. Seine Besonderheit zeigt sich wenig später, als er ohne dass die bevorstehende Gefahr offensichtlich wäre, Gottes Auftrag erfüllt, und er seine Arche baut. In die soll er sich und seine Familie retten und dazu „von allen Tieren, von allem Fleisch, je ein Paar, Männchen und Weibchen, dass sie leben bleiben mit dir“ [1. Mose 6,19]. Ein wenig erinnert mich das an die Saatgut-Banken unserer Tage.

Bei Gott, der die Sintflut schickt, sieht der Erzähler noch etwas anderes. Seine Gnade. Es wäre ein Leichtes, dem Leben der Geschöpfe ein endgültiges Ende zu bereiten. Aber genau das tut Gott nicht. Er eröffnet seiner Schöpfung eine zweite Chance. Die Welt nach der Sintflut. In ihr leben auch wir.

Aber erst kommt die Flut mit ihren Verheerungen. Und das Wasser will nicht weichen. Wie inbrünstig haben wir als Kinder mit Noah Ausschau gehalten, ob denn nicht irgendwoher ein Lebenszeichen käme. Ob die Taube wiederkehrte? Nur zu gut konnten wir uns in die Situation der Arche-Passagiere hineinversetzen. Und endlich ist es soweit, und Noah kann mit seinen Passagieren die Arche verlassen.

1. Mos 8,18-22:

18 So ging Noah heraus mit seinen Söhnen und mit seiner Frau und den Frauen seiner Söhne, 19 dazu alles wilde Getier, alles Vieh, alle Vögel und alles Gewürm, das auf Erden kriecht; das ging aus der Arche, ein jedes mit seinesgleichen. 20 Noah aber baute dem HERRN einen Altar und nahm von allem reinen Vieh und von allen reinen Vögeln und opferte Brandopfer auf dem Altar.

Noah dankt Gott. Und nach der alten Vorstellung erfreut dieser sich am Geruch des Brandopfers. Wie wichtig das ist, wissen wir noch aus Geschichte von Kain und Abel. Nicht jedes Opfer mag dieser Gott gleich gerne riechen. Da geht’s ihm wie uns. Den einen können wir riechen, den anderen nicht. Frisch gebackenes Brot lockt uns, verbrannte Kartoffeln nicht. Ob dieses Bild Gott wirklich gerecht wird? Eins steht fest, auch die Vorstellungen von und die Redeweisen über Gott unterliegen dem Wandel.

Und noch etwas erfahren wir in dieser Erzählung: Gott kann seine Meinung ändern. Darin ist er offenbar weniger päpstlich als der Papst.

21 Und der HERR roch den lieblichen Geruch und sprach in seinem Herzen: Ich will hinfort nicht mehr die Erde verfluchen um der Menschen willen; denn das Dichten und Trachten des menschlichen Herzens ist böse von Jugend auf. Und ich will hinfort nicht mehr schlagen alles, was da lebt, wie ich getan habe. 22 Solange die Erde steht, soll nicht aufhören Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht.

Der Entschluss steht fest, ganz unabhängig davon, wie sich seine Geschöpfe verhalten. Ganz realistisch wird wiederholt, was schon vor Sintflut galt: „das Dichten und Trachten des menschlichen Herzens ist böse von Jugend auf“ [V. 21]. Einer Selbsttäuschung erliegt dieser Gott nicht. Gott fängt das Spiel, so berichtet es die Bibel, nicht einfach wieder von vorne an („Gehe zurück zu Feld Nummer 1!“), also nicht mehr so göttlich und paradiesisch naiv, wie es anfangs scheinen mochte. Sondern den neuen Bund schließt Gott mit Noah bewusst als einer, der seine Leute kennt. Mit einem Schuss Skepsis, unterlegt von grundsätzlichem Wohlwollen.

Ein Zeichen bekräftigt die Ernsthaftigkeit seiner Zusage, die einen neuen Bund zwischen dem Schöpfer und seiner Schöpfung begründet. „Und Gott sprach: Das ist das Zeichen des Bundes, den ich geschlossen habe zwischen mir und euch und allem lebendigen Getier bei euch auf ewig: 13 Meinen Bogen habe ich gesetzt in die Wolken; der soll das Zeichen sein des Bundes zwischen mir und der Erde.“ [1. Mos 9,12f.]

Heute hören wir die Worte der göttlichen Zusage mit Anzeichen der Verunsicherung. „Solange die Erde steht“ – Sind wir selbst womöglich im Begriff, dieser Erde ein Ende zu setzen, die Sintflut selbst zu inszenieren? Die Leute auf den Carteret-Inseln in der Südsee machen sich ernste Gedanken, wann es soweit ist, dass sie ihre sieben Sachen packen und ihr Zuhause verlassen müssen. Das Steigen des Meeresspiegels ist für sie keine diskutable Theorie, sondern eine augenfällige Tatsache.

Man sollte meinen: Wer der Katastrophe entronnen ist, atmet auf, sollte man meinen. Er wird sich hüten selbstverschuldet noch einmal in eine ähnliche Situation zu kommen. Aber so sehr das kollektive Gedächtnis der Menschheit, die Bedrohung durch die Gewalten der Natur aufbewahrt hat, so wenig scheint sie die Lehren daraus gezogen zu haben. An Erinnerungszeichen fehlt es nicht, sehen wir aktuell auf die verheerenden Waldbrände in Kalifornien, und vor kurzem die sintflutartigen Regenfälle in Katalonien und Südfrankreich.

So wie die Bibel erzählt, hat Gott uns und sich selbst zur Erinnerung an seine Zusage, seinen Bogen an den Himmel gesetzt. „Und wenn es kommt, dass ich Wetterwolken über die Erde führe, so soll man meinen Bogen sehen in den Wolken. Alsdann will ich gedenken an meinen Bund zwischen mir und euch und allem lebendigen Getier unter allem Fleisch, dass hinfort keine Sintflut mehr komme, die alles Fleisch verderbe.“ [1. Mos 9,14f.]

Mehr noch, von seiner Geduld und seinem Erbarmen uns gegenüber erzählt uns in größter Eindringlichkeit die Geschichte seines Sohnes Jesus Christus. Und die Frage stellt sich, wie antworte ich auf Gottes Gnade? Aber das ist nicht mehr nur eine individuell zu stellende und zu beantwortende Frage, längst ist daraus eine Menschheitsfrage geworden.

Sehen wir also hin zu den Cateret-Atolls und den anderen Zeitansagen, damit wir wissen, was zu tun ist. Und sehen wir hin zu jenem Zeichen am Himmel und zu dem Mann am Kreuz, beide bedeuten uns die Gnade Gottes, die Zusage, dass Gott an unserer Seite ist, wenn wir die Schöpfung bewahren.

Und der Friede Gottes, der höher ist, als alle unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

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