8. Sonntag nach Trinitatis

Text: Joh 9,1–7

Thema: Erkenntnisprozess als Heilung

Ev. Emmausgemeinde Eppstein

Pfarrer Moritz Mittag

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

Was ist wahr? Zwei Erzählungen reflektieren die Frage. Die eine ist alt. Sie stammt vom griechischen Philosophen Platon. Im Höhlengleichnis erzählt er von einem, der sich in einer Höhle befindet und die Schatten, die das ferne Licht von den Dingen an die Wand wirft, für die Dinge selbst hält. Ein wenig erinnert mich das an einen Menschen, und das ist die zweite Geschichte, der die Wirklichkeit vor allem virtuell erlebt. Er kennt die Welt wie sie ihm auf dem Bildschirm seines Smartphones in Erscheinung tritt. Was weiß er auf diese Weise von der wirklichen Welt?

Es gibt Menschen, die sagen: Ich glaube nur, was ich sehe. Aber sehen sie? Sie starren ja meistens nur auf ihre Bildschirme. Und halten das für die Wahrheit. Sie sind gefesselt. Nicht in einer Höhle, nein. Und doch sind sie gefesselt. In ihrer Aufmerksamkeit. In ihrer Bewegung. In ihrer Freiheit. Und selbst wenn sie sich bewegen, bleiben sie bei sich. Egal ob an der Bushaltestelle oder in der S-Bahn, sie starren nur noch auf ihre Smartphones. Das Ding in ihrer Hand. Sehen nicht den Menschen an ihrer Seite. Sie sind nicht achtsam mit sich und mit anderen. Gehen achtlos vorüber. Mit steifen Beinen und starrem Blick staksen sie vorbei. Sie meinen es nicht böse, sie sind nur sehr beschäftigt, müssen nur noch eben schnell hundertachtunddreißig Mails checken. Sie sehen – sie sehen nichts.

In der Geschichte, die der Evangelist Johannes heute für uns hat, geht es vordergründig um die Heilung eines Blinden. Heilungsgeschichten gibt es viele. Offenbar scheint deren primärer Erzählzweck Johannes gar nicht so sehr zu interessieren. Vielmehr führt er uns auf einen erkenntnistheoretischen Parcour.

„Und Jesus ging vorüber und sah einen Menschen, der blind geboren war“ [Joh 9,1]. Er geht vorüber. Nicht, dass der Blinde auf sich aufmerksam gemacht hätte oder Jesus ihn gesucht und nun gefunden hätte. Er geht vorüber, denn er hat ein Ziel, und sieht dabei diesen Blinden. Bevor es weitergeht, kommen schon die Jünger: Und seine Jünger fragten ihn und sprachen: Rabbi, wer hat gesündigt, dieser oder seine Eltern, dass er blind geboren ist? [Joh 9,2] Es muss doch einen Grund dafür geben, dass dieser blind zur Welt kam. Wie kann das sein, das fragen sich die Jünger, und wir könnten in vergleichbaren Situationen mühelos ihren Platz einnehmen. Auch, dass sie schnell eine Erklärung parat haben: Da muss doch jemand die Schuld haben – das blinde Kind oder seine Eltern. So denkt man damals und nicht selten auch heute. „Was, der ist so krank?“ „Aber der hat ja auch immer…“ Schnell ist dann eine Erklärung gebastelt, in der die Schuld zuweisbar wird.

Und bei Mose heißt es doch, dass Gott „die Missetat der Väter“ heimsuchen will „bis ins dritte und vierte Glied“ [2. Mose 20, 5]. Hesekiel wiederum hält dagegen und sagt, „der Sohn soll nicht tragen die Schuld des Vaters“ {Hes 18,20]. Jesus antwortet auf die Frage seiner Begleiter: „Es hat weder dieser gesündigt noch seine Eltern, sondern es sollen die Werke Gottes offenbar werden an ihm“ [Joh 9,3].

Es geht gar nicht um die Schuld. Es geht um die Wahrheit. Sie soll offenbar werden. Die Wahrheit von Gott und seinen Werken. Die vollbringt Jesus. „Wir müssen die Werke dessen wirken, der mich gesandt hat, solange es Tag ist; es kommt die Nacht, da niemand wirken kann“ [Joh 9,4]. Dafür ist er da, um zu bewirken, was Gott bewerkstelligen will: Die Vergebung der Sünden und das ewige Leben. „Wer mein Wort hört und glaubt dem, der mich gesandt hat, der hat das ewige Leben und kommt nicht in das Gericht, sondern er ist vom Tode zum Leben hindurchgedrungen“ [Johannes 5, 24]. Darum geht es hier! Das ist nichts für nebenbei. Das verlangt einen völlig neuen Anfang. Den muss Gott selbst machen. „Solange ich in der Welt bin, bin ich das Licht der Welt“ [Joh 9,5]. Das Licht, es kommt von Gott. Für Johannes steht das Licht für Gott und seine Macht, anders als die Nacht und die Mächte der Finsternis. Die Welt sitzt, wir sitzen in der Höhle des Platon. Gleich am Beginn seines Evangeliums stellt Johannes klar: „Das Licht scheint in der Finsternis, und die Finsternis hat’s nicht ergriffen“ [Joh 1,5].

Wir haben schon viel Licht ins Dunkel gebracht, wenn ich an die Wissenschaftsgeschichte der letzten 350 Jahre denke. Aber ob wir deshalb klüger, hellsichtiger, wahrhaftiger geworden sind?

Interessiert sich noch jemand für den Blinden? Was gibt’s mit dem, der, ohne selbst das Wort zu ergreifen, dem Gespräch folgen konnte? „Als er das gesagt hatte, spuckte er auf die Erde, machte daraus einen Brei und strich den Brei auf die Augen des Blinden“ [Joh 9,6]. Was macht er da? Einmal abgesehen davon, dass so etwas am Sabbat verboten ist, er wird darum noch Ärger bekommen, was soll das?

Dass „Gott der Herr den Menschen aus Staub von der Erde“ [1. Mos 2,7] gemacht hat, erzählt schon die Schöpfungsgeschichte. Handelt es sich hier um eine Art Schöpfungsakt, den besagten völlig neuen Anfang? Dazu passte die folgende Aufforderung: „Geh zu dem Teich Siloah – das heißt übersetzt: gesandt – und wasche dich“ [Joh 9,7]! Ist das jetzt eine Anspielung auf die Taufe ganz im Sinne des Paulus, wenn er sagt: „Ist jemand in Christus, so ist er eine neue Kreatur; das Alte ist vergangen, siehe, Neues ist geworden“ [2. Korinther 5,17]? Die Geschichte endet: „Da ging er hin und wusch sich und kam sehend wieder“ [Joh 9,7].

Die Blinden werden sehend und die Sehenden werden blind. Das ist bis heute so. Das Licht der Welt, Jesus, und, daran wurden wir in der Lesung erinnert, die, die sich zu den Seinen zählen, sind gefragt, den Blinden das Licht zu bringen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.