Kantate
Text: Lk 19,37–40
Thema: Cantate domino
Ev. Emmausgemeinde Eppstein
Pfarrer Moritz Mittag

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

Es gibt kein Halten mehr. Das Glück will raus, die Freude will sich äußern, Dank und Lob wollen klingen. So ist das, wenn mein Verein den Pokal gewonnen hat. Wenn das Konzert vorüber ist und der Bann der Musik sich langsam gelöst hat. Wenn Langersehntes und kaum noch Erhofftes Wirklichkeit wird. Das kennen wir und sind glücklich, wenn wir uns dem hingeben können. Seit einem Jahr ist das anders. Mund halten ist angesagt. Distanz nicht nur zu den anderen, sondern auch zur Äußerung von Gefühlen. Allenfalls die Augen können noch frei sprechen, selbst die Mimik ist zum Schweigen verdonnert. Als wären wir die Queen höchstselbst.

Ich weiß, dass viele es vermissen im Gottesdienst zu singen. Dort, wo es nicht darauf ankommt, dass es besonders schön oder richtig klingt, dort, wo ich aus meiner Seele keine Mördergrube machen muss, wo ich mich einschwingen und einstimmen kann, wo ich mich tragen und mitführen lassen kann durch den Klang der Orgel und den Gesang der anderen, wo sich aus allem ein gemeinsamer Gesang formt, der meine Seele weitet und aller Seelen Klagen, Hoffen, Bitten, Danken und Jubeln zum Himmel trägt, dort muss ich schweigen.

Wie wird das erst all denen ergehen, deren Beruf und Berufung es ist, für uns und andere die Stimme zu erheben? Was sind all die Sängerinnen und Sänger in den Chören und auf den Bühnen der Welt, die seit Monaten zum Schweigen verurteilt sind? Manchmal, wenn ich dir Vögel morgens singen höre, denke ich dankbar, „wenigstens ihr dürft noch singen!“

Gut, wir wissen uns zu helfen, sind dankbar, dass hier im Gottesdienst immer wenigstens zwei stellvertretend für uns singen. Im Übrigen wird gestreamt was das Zeug hält, die Technik öffnet uns den Zugang zu Darbietungen auf der ganzen Welt. Aber selbst, wenn wir diese Möglichkeiten nutzen, vermissen wir dabei schmerzlich den ergreifenden Zauber lebendiger Musik.

Wie traurig ist es, dass Kinder und Jugendliche seit einem Jahr ihre Stimme nicht mehr singend erproben, beherrschen und kultivieren lernen. Weh uns, wenn der Trend zur Fremdbeschallung sich nicht mehr brechen lassen sollte! Wie misslich ist es, dass unsere Konfirmandinnen und Konfirmanden die verbindende, stärkende und erhebende Kraft des gemeinsamen Singens im Gottesdienst in ihrem Konfirmandenjahr nicht kennenlernen. Gehört doch der Gesang, das Liedgut, die Kirchenmusik zu den Grundfesten unserer protestantischen Identität.

Heute nimmt uns der Predigttext in eine Situation hinein an dem Tag, an dem Jesus nach Jerusalem kommt.

Wir lesen bei Lukas im 19. Kapitel:

Lk 19,37 Und als er schon nahe am Abhang des Ölbergs war, fing die ganze Menge der Jünger an, mit Freuden Gott zu loben mit lauter Stimme über alle Taten, die sie gesehen hatten, 38 und sprachen: Gelobt sei, der da kommt, der König, in dem Namen des Herrn! Friede sei im Himmel und Ehre in der Höhe! 39 Und einige von den Pharisäern in der Menge sprachen zu ihm: Meister, weise doch deine Jünger zurecht! 40 Er antwortete und sprach: Ich sage euch: Wenn diese schweigen werden, so werden die Steine schreien.

Am Abhang des Ölbergs. Manche können sich noch an den Blick erinnern und wissen doch, dass der Anblick zu Jesu Zeit ein anderer gewesen ist, wenngleich es Konstanten gibt. Am Fuß des Ölbergs erinnern wir den Garten Gethsemane, darüber der Teil der Altstadt, den auch Jesus und seine Begleitung vor sich hatten. Das beherrschende Gebäude damals, der Zielpunkt all der Pilger, die zum Passa-Fest in die Stadt gekommen sind, ist der Tempel mit dem Allerheiligsten, der Wohnstatt des Höchsten. Allein das, nach dem langen Weg, das Ziel vor Augen zu haben, greifbar nahe, weckt Glücksgefühle. Und dann noch die Ereignisse der letzten Monate, in denen Jesus Menschen aufgerichtet, geheilt, zurück ins Leben geholt, beeindruckt und bewegt hat! Immer wieder war davon die Rede, er tue Wunder. Wie auch immer, er konnte zeigen, was Gott will und der feste Glaube an ihn vermag. Das muss jetzt raus, muss sich mitteilen. So ist das Verlangen derer, die „sprachen: Gelobt sei, der da kommt, der König, in dem Namen des Herrn! Friede sei im Himmel und Ehre in der Höhe!“ [Lk 19,38]

Ist es das Stichwort, das manchen, die den Lobpreis hören, einen Stich ins Herz versetzt? „König“ – „Messias“ Fast ein wenig zaghaft wirkt der Protest, den „einige von den Pharisäern in der Menge“ äußern: „Meister, weise doch deine Jünger zurecht!“ [Lk 19,39] Wir wissen, dass dieser Jesus angetragene Titel, nicht nur über seinem Haupt am Kreuz zu lesen, sondern zugleich ein wichtiger Punkt der Anklage gewesen sein wird. Das kündigt sich jetzt schon in der Forderung der Pharisäer an. Die spüren, wie die Begeisterung der anderen viele mitzureißen vermag, wie sie sich überträgt und aus wenigen dünnen Stimmen einen starken Chor formt. Die Worte, die er singt, zitieren Verse aus dem 118. Psalm. Der lobt Gott: „Der Herr ist meine Macht und mein Psalm und ist mein Heil“ [Ps 118,14]. Ist das nicht genau die Erfahrung, die sie mit Jesus in Galiläa und auf dem Weg nach Jerusalem gemacht haben? Sie an seiner Seite wissen: „Dies ist der Tag, den der Herr macht; lasst uns freuen und fröhlich an ihm sein!“ [Ps 118,24]

Und Jesus? Wie reagiert er? Folgt er der Forderung der Pharisäer? Er wird seinerseits die Worte des Psalms im Sinn haben und vielleicht auch auf sich und das, was bevorsteht, beziehen: „Ich werde nicht sterben, sondern leben und des Herrn Werke verkündigen“ [Ps 118,17]. Oder: „Der Stein den die Bauleute verworfen haben, ist zum Eckstein geworden“ [Ps 118,22].

Es kommt anders, als alle denken. Es kommt anders, als man sich das vorstellen kann – das vermitteln die Verse aus dem Psalm. Kein Wunder, dass Jesus den Leuten, die ihn in Freude und Jubel grüßen, nicht den Mund verbietet. Er bittet sie auch nicht leise zu sein, um ja nicht aufzufallen. Im Gegenteil, er bekräftigt ihren Lobpreis, wenn er den Pharisäern antwortet: „Ich sage euch: Wenn diese schweigen werden, so werden die Steine schreien“ [ Lk 19,40].

Und das tun sie. Wie das? Es fängt mit dem Stein an, den man vor das Grab Jesu gerollt hatte. Er spricht vom Tod des Unschuldigen. Aber auch die Steine des im Jahre 70 n.Chr. zerstörten Jerusalem schreien zum Himmel. Ich denke an die Christophkirche in Mainz. Beim Angriff im August 1943 wurde sie weitgehend zerstört und hält die Reste ihrer Wände und die Stümpfe des Gewölbes dem Himmel entgegen, als wollten sie ihm und uns sagen: Seht her, was aus mir geworden ist! Ein Mahnmal gegen Gewalt und Krieg. Und sieht man einmal die armseligen Reste der Lager und Konzentrationslager von Bergen-Belsen bis Auschwitz, hört man aus den Steinen die Stimmen der längst verstummten Opfer. Oder die Kasaner Kathedrale! 1986 besuchten wir sie mit dem Vikarskurs in Leningrad. So hieß St. Petersburg damals noch. Und die einstige Kathedrale fungierte von 1932 bis 1990 als „Museum für die Geschichte der Religion und des Atheismus“. Uns war, als riefe uns das ganze Gebäude zu: Man hat mir Gewalt angetan, man hat aus mir etwas gemacht, was ich nicht sein sollte!

Und gilt nicht für viele Kathedralen und Kirchen, dass sie mehr und mehr zum Besichtigungsgegenstand werden, ein Ort, den die Touristen durchwandern, und viel zu selten einer des geistlichen Lebens? Am Ende sind es womöglich nur noch die Steine, die von Gott reden und sich dem Himmel entgegenrecken.

Und andererseits ging ein Ruck durch die Welt, als Notre Dame in Paris brannte. Auch hier schrien die Steine. Und überall auf der Welt wurde das gehört. Viele engagieren sich, um den Wiederaufbau des Gotteshauses zu finanzieren. Alle freuen sich auf den Tag, an dem die Orgel dort wieder brausen und der Gesang der versammelten Gemeinde den Raum erfüllen wird. Und wir, wir freuen uns auch darauf, hier endlich wieder singen zu dürfen – alle miteinander – und mit diesem Gesang die Nachricht von Gott, der uns im Leid und in der Freude nicht verlässt, zu verkündigen. Bis das so weit sein wird, singen wir im Herzen und im Geist so gut und so schön wir können. Denn darum geht es: Wir loben Gott dafür, dass er uns erschaffen hat, uns erhält und uns in Jesus Christus den geschickt hat, der uns vor Tod und Nichtigkeit rettet. Cantate Domino!

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.