Karfreitag – 2.4.2021

Text: Jes 52,13–15; 53,1–12
Thema: Den toten Jesus auf dem Schoß
Ev. Emmausgemeinde Eppstein
Pfarrer Moritz Mittag

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

Michelangelo ist dabei, als der große weiße Marmorblock in Carrara aus dem Steinbruch geholt wird. Er ist für einen Auftrag bestimmt, an dem der Künstler, er ist Anfang Zwanzig, jetzt in Rom arbeitet. Gekonnt führt er Hammer und Meißel und lässt nach und nach die Figuren hervortreten, die in seinem Kopf längst Gestalt angenommen haben. Im Vertrag steht: „Eine Pietà aus Marmor, das heißt die bekleidete Jungfrau Maria mit dem toten, unbekleideten Christus im Arm.“ Zur Jahrhundertwende um 1500 wird das Werk fertiggestellt sein und das einzige sein, dass der Meister signiert hat. So neu das Thema damals ist, so viel Widerhall wird es finden.

Maria hält ihren toten Sohn in den Armen. Ihn trug sie einst am Herzen, stillte ihn, sang ihm vor, wenn sie ihn zum Schlafen gelegt hatte. Ihn sah sie heranwachsen und ein Mann werden. Jetzt hält sie den vom Kreuz abgenommenen Leichnam ihres Sohnes ohnmächtig und tonlos in den Armen. Kein Wort kann fassen, was sie fühlt. Und wir, wenn wir dem nachspüren, wissen uns auch nicht recht zu helfen.

Wie lange sie so dasitzt, das wissen wir nicht. Wie lange sie auf ihren toten Sohn schaut, mit der in ihr kreisenden Frage: Warum? Wir wissen es nicht. Ob sie sich an den schon mehr als 700 Jahre alten Text aus dem Buch Jesaja erinnert?

52,13 Siehe, meinem Knecht wird’s gelingen, er wird erhöht und sehr hoch erhaben sein. 14 Wie sich viele über ihn entsetzten – so entstellt sah er aus, nicht mehr wie ein Mensch und seine Gestalt nicht wie die der Menschenkinder –, 15 so wird er viele Völker in Staunen versetzen, dass auch Könige ihren Mund vor ihm zuhalten. Denn was ihnen nie erzählt wurde, das werden sie nun sehen, und was sie nie gehört haben, nun erfahren.

Seine Wunden sieht sie. Die Spuren der Schmerzen auch. Sie weiß, was er erlitten hat. Sie war dabei. Anderes kann sie nicht erkennen – kein Gelingen, keine Erhöhung und keine Erhabenheit. Er ist tot. Das spürt sie und langsam dringt das in ihr Bewusstsein.

Dass man einmal ihren Sohn, Jesus, gedanklich in eine Linie bringen würde mit dem, von dem der Prophet spricht, ahnt sie nicht. Ob sie die Anspielung auf Isai und David versteht? „Er schoss auf vor ihm wie ein Reis und wie eine Wurzel aus dürrem Erdreich“ [Jes 53,2]. So wie sie ihn am Kreuz gesehen hatte, glich er der Beschreibung bei Jesaja: „Er hatte keine Gestalt und Hoheit. Wir sahen ihn, aber da war keine Gestalt, die uns gefallen hätte. 3 Er war der Allerverachtetste und Unwerteste, voller Schmerzen und Krankheit. Er war so verachtet, dass man das Angesicht vor ihm verbarg; darum haben wir ihn für nichts geachtet“ [Jes 53,3]. Und ihrem Kind auf dem Schoß, das es immer noch ist und immer bleiben wird, sieht sie an, was der Prophet beschrieben hat: „Fürwahr, er trug unsre Krankheit und lud auf sich unsre Schmerzen. Wir aber hielten ihn für den, der geplagt und von Gott geschlagen und gemartert wäre“ [Jes 53,4]. Und wozu? Wenn man das doch wüsste und – das ist nicht dasselbe – auch verstünde!

An wen hat Jesaja gedacht, als der Text 700 v.Chr. entstand? Hatte er sich selbst im Blick? Anerkennung wurde ihm jedenfalls kaum geschenkt, galt er doch vielen als ewiger Nörgler und Störenfried. Oder hatte er einen anderen Blick? Oder vielleicht sein ganzes Volk? Dessen Schicksal, wir wissen das anders, wissen mehr als der Prophet, in seinen Worten aufscheint. „Wir gingen alle in die Irre wie Schafe, ein jeder sah auf seinen Weg. Aber der Herr warf unser aller Sünde auf ihn. Als er gemartert ward, litt er doch willig und tat seinen Mund nicht auf wie ein Lamm, das zur Schlachtbank geführt wird; und wie ein Schaf, das verstummt vor seinem Scherer, tat er seinen Mund nicht auf. Er ist aus Angst und Gericht hinweggenommen. Wen aber kümmert sein Geschick? [Jes 53,6-8] Wer schert sich um all die, die in den KZs Tod und Vernichtung erwartet? Namenlos, als Nummer, eintätowiert auf dem Unterarm, gehen sie in den Tod.

„Denn er ist aus dem Lande der Lebendigen weggerissen, da er für die Missetat seines Volks geplagt war. 9 Und man gab ihm sein Grab bei Gottlosen und bei Übeltätern, als er gestorben war, wiewohl er niemand Unrecht getan hat und

kein Betrug in seinem Munde gewesen ist.“ Könnte damit nicht auch Jesus gemeint sein, fragten sich die Christen? So vieles spricht dafür. Die Beschreibung, die so eigenartig mit dem Geschehen um Karfreitag korrespondiert. Am Ende helfen die Worte des Propheten einzuordnen, was Maria mit ihrem Toten Sohn, was die Jünger mit Entsetzen, was aber auch uns bei der bloßen Anschauung ratlos zurücklässt.

Warum muss Jesus sterben? Warum so grausam? Wozu? Eine Antwort, ich will nicht sagen, die Antwort, gibt Jesaja. Es ist eine Antwort, nach der auch die trauernde Mutter sucht. Sie fragt sich immer wieder: Warum nicht ich an seiner Stelle? Ich habe mein Leben gelebt. Warum mein Kind? Warum nicht du, Josef? Warum nicht ihr anderen? Warum ausgerechnet er?

„Aber er ist um unsrer Missetat willen verwundet und um unsrer Sünde willen zerschlagen. Die Strafe liegt auf ihm, auf dass wir Frieden hätten, und durch seine Wunden sind wir geheilt“ [Jes 53,5]

So also deutet der Prophet dieses Leiden. So deuten die Anhänger Jesu das Kreuz. Stellvertretend wird dieser Eine angeklagt. Stellvertretend wird Jesus geschlagen und verhöhnt. Stellvertretend stirbt er am Kreuz. Dorthin nimmt er unsere Missetaten mit, unsere Unfähigkeit zu gelebten Beziehungen, unser Aufbegehren gegen Gott. Stellvertretend für uns stirbt er den Tod der Beziehungslosigkeit, der Trennung von Gott und den Menschen.

Jesaja konnte davon nicht wissen. Und wenn wir seine Worte lesen, dann sehen wir die Patientin vor uns, die, an Covid19 leidend, in der Klinik beatmet werden muss. Wir sehen den Demonstranten in Myanmar, dem auf der Flucht in den Rücken geschossen wird. Wir sehen das Kind im Lager bei Idlib, das Schutz sucht vor Bomben, Kälte und Hunger. So viel Leid und noch viel mehr! Wie können wir dann sagen, dass Jesus ein für alle Mal für uns das Kreuz getragen hat und für uns am Kreuz gestorben ist?

Sagen wir nicht, dass Gott das Leiden seines Sohnes als Sühne angesehen habe und uns dadurch Vergebung zugesagt habe? Ja, so sagen wir. Und dass Gott sich im Tod Jesu für uns erkennbar macht. Ja! Gott selbst macht diesen Tod zu einem einzigartigen Geschehen. Gott selbst nimmt auf sich, was uns von ihm trennt. Darum muss um unseretwillen, unserer Schuld wegen niemand mehr leiden und zerschlagen werden.

Aber das Leid ist geblieben. Und immer noch fordern Hass und Unversöhnlichkeit, Verbrechen und Schuld ihre Opfer. Und immer noch werden die Mächtigen, die Starken, die Gewinner verehrt und die Opfer, die Schwachen, Leisen und Benachteiligten vergessen. Aber, und das ist ein Trost, Gott hat ein Auge auf sie. Er achtet, die für nichts geachtet werden. Er ist der Grund unserer Hoffnung über das Leid und den Tod hinaus.

Wird das endlich auch Maria trösten, die ihren toten Sohn auf dem Schoß hält? Wird ihr Glaube an Gottes Liebe, die in diesem Sohn Gestalt angenommen hat, wird ihr Glaube dem Leid standhalten? Noch weiß sie nichts vom Ostermorgen. Noch sieht sie und sehen wir mit ihr das Leid vor uns. Wir sehen das Leid dieses Einen und das der vielen anderen. Es ist Karfreitag. Unsere Hoffnung mag vage sein und leise, aber sie richtet sich auf am Kreuz Christi und dem Evangelium von der Auferstehung. Diese Botschaft zu meditieren, erlauben die Brahmsche Choralbearbeitung, die wir gleich hören werden, und die Strophen des Liedes 85 „O Haupt voll Blut und Wunden“. Ich schließe mit zwei Zeilen daraus: „Wenn mir am allerbängsten / wird um das Herze sein, / so reiß mich aus den Ängsten / kraft deiner Angst und Pein.“ [EG 85,9]

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.