Letzter Sonntag nach Epiphanias – 2.2.2020

Thema: Wie kommen ich zum Glauben?

Ev. Emmausgemeinde Eppstein

Pfarrer Moritz Mittag

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

„Ich würde gerne glauben, aber ich kann’s nicht“, solche Aussagen höre ich immer wieder. Da ist geradezu eine Sehnsucht auch glauben zu können, die sich aber nicht erfüllt. Man sieht die anderen glauben. Ja, es gibt Momente, da sieht man es uns an, dass wir gläubig sind, nicht weil wir dann wie Schafe dreinschauen, sondern weil wir erkennbar entrückt wirken. Warum kann das der eine und warum kann es der andere nicht?

Kann man lernen zu glauben? Manche von uns sehen auf eine Großmutter oder auch die Mutter, die, was immer auch geschah, ihren Glauben nicht fahren ließ. Ich denke an Oma Theis und den Sommer auf dem Bauernhof meines Patenonkels. Ein heftiges Gewitter rückte heran, und Oma Theis sammelte die Kinder und alle, die im Haus waren, in der Küche. Dort holte sie eine Bibel, die auf der Fensterbank lag, und fing an zu beten. Ich weiß die Worte nicht mehr, nur dass es darum ging, Mensch und Vieh, aber auch die Frucht auf dem Feld vor dem Schlimmsten zu bewahren. Und dass das Gewitter kam und ging. Der Eindruck blieb. Und wenn wir die kleine Szene etwas genauer betrachten, sehen wir mehrere Elemente: Die Bibel, als das Zeugnis vom lebendigen Gott; das Gebet, als unser sich ins Verhältnis und in Beziehung zu ihm Setzen; die Gemeinschaft, die das miteinander teilt und sich zusammensetzt aus Gläubigen und solchen, die vielleicht sogar ungläubig staunen.

Manche von uns sind im wahrsten Sinne des Wortes „beiläufig“ dazu gekommen zu glauben.

Was bleibt aber denen, die solche Erfahrungen nicht machen konnten? Vielleicht weil ein ganzer Staat alles daransetzte, den Leuten den Glauben auszutreiben. Der entzieht sich ja bekanntlich dem kontrollierenden Zugriff der Gesinnungswächter. Vielleicht, weil im Elternhaus die Glut und die Praxis eines Glaubenslebens erloschen war.

Und ließ es sich nicht auch gut, vielleicht sogar besser, ohne Glauben leben – erst recht ohne die Verpflichtungen, die man mit ihm eingeht, und ohne die Selbstbeschränkung, die der sich auferlegen wird, der sich selbst, den Menschen, nicht als Maß aller Dinge betrachtet?

Und später, als das eigene Denken an Einfluss gewann, da entzog sich so vieles, was dem Glauben eigen ist, eben diesem Denken. Es ist eine wunderbare Gabe des Menschen zu denken, und oft genug denke ich, Sie vielleicht auch, „Mensch, würdest du doch mehr denken!“

Ist es denn denkbar, dass wir mittels unseres Denkens zum Glauben kommen, sozusagen aus Gründen der Vernunft. Die Karriere der sogenannten Gottesbeweise mag uns eines Besseren belehren. Sie scheitern allesamt daran, dass das, was sie zu fassen versuchen, größer ist als unser Fassungsvermögen. Und ein Gott, der sich beweisen ließe, wäre kein Gott, allenfalls ein „Gottchen“.

Ist das der Grund, warum die Vorstellung von Gott auch für Atheisten ihre Faszination behält? Gott ist der ganz Andere, sagt Karl Barth. So anders, dass wir ihn in unseren Vorstellungen und Denkbewegungen einzuholen nicht in der Lage sind.

Der denkerische Felgaufschwung zum Glauben ist also zum Scheitern verurteilt. Ob das daran liegt, dass ein wesentliches Grundmotiv menschlichen Denkens und Begreifens die Kontrolle ist? Was ich zu begreifen vermag, das habe ich sozusagen in der Hand und das geht mir zur Hand. Ich denke nur an die Aufschrift „Gott mit uns“ auf dem Koppelschloss der Wehrmacht, das den Hakenkreuzadler zu rahmen hatte.

Nein, das ist nicht Glauben, wie ich mir ihn vorstelle. Und auf der anderen Seite wäre es fatal, der Glaubende würde auf die Möglichkeit und Notwendigkeit des Denkens verzichten. Es geht nicht zuletzt um die Plausibilität des Geglaubten: ich vertraue mich nicht irgendwem und nicht irgendetwas an.

Es ist uns wohl als Menschen auferlegt, dass wir einerseits denken, weit und tief, unser Denken in seinen Möglichkeiten aber begrenzt ist, und andererseits, dass wir uns auf das hin, was uns und unser Denken übersteigt, verlassen.

So gehört unser Denken auf die Seite des Greifens – ich sprach ja deshalb auch vom Begreifen, und unser Glauben auf die Seite des Loslassens. Es ist wie einatmen und ausatmen. Das eine zieht das andere nach sich.

So werden wir nach Momenten des Glaubens auch solche des Zweifels haben. Gerade dann werde ich den anderen oder gar eine Gemeinschaft brauchen, die mich durch den Zweifel trägt – Sie kennen das ja ähnlich von den Proben der letzten Tage. Und das ist im Blick auf Glauben und Zweifel sicher die Aufgabe der Gemeinschaft der Gläubigen, von der das Glaubensbekenntnis spricht, der die Kirche in ihren lichten Momenten entspricht.

Ich halte es für die größte Herausforderung des Glaubens, alle eigenen Sicherheiten fahren zu lassen, die des Denkens, die der Macht und des Mammons. Sehr eindrucksvoll erzählt das die Geschichte vom reichen Jüngling. Der macht alles, was man machen kann, um nach den Regeln der (jüdischen) Frömmigkeit als gut und gottgefällig zu gelten. Und jetzt möchte er zu Jesus und seiner kleinen Gemeinschaft gehören. Was soll dazu noch fehlen? „Und Jesus sah ihn an und gewann ihn lieb und sprach zu ihm: Eines fehlt dir. Geh hin, verkaufe alles, was du hast, und gib’s den Armen, […] und komm, folge mir nach“ [Mk 10,21].

Das bringt der junge Mann nicht über’s Herz, sich so loszumachen von all dem, was ihm Sicherheit und Auskommen gewährt. Er mag die Einladung Jesu – „komm, folge mir nach!“ – und das ist eine Einladung zum Glauben, er mag dieser Einladung nicht folgen.

Auf feine Weise lässt die Geschichte die Bewegung um den Glauben deutlich werden. Diese Bewegung beginnt durchaus mit einer Suche. „Was muss ich tun?“ fragt der junge Mann. Sie mündet in eine Begegnung. „Und Jesus sah ihn an und gewann ihn lieb“. Und dann spricht er ihn an und weist ihm einen Weg. Jetzt muss der junge Mann sich entscheiden. Er hat die Wahl zwischen Behalten und Überlassen, Selbstsicherung und Hingabe.

Nicht zu vergessen ist auf dem Weg zum Glauben die existentielle Not. Wie man so sagt: „Not lehrt Beten.“ Wenn alle Sicherheiten dahin sind, wenn alles eigene Bemühen zum Scheitern verurteilt ist, wenn ich angesichts größter Herausforderungen nichts, aber auch gar nichts mehr in der Hand habe, dann werfe ich mich und meine ganze Existenz auf den, der mehr ist als alles. Dann geht‘s mir so wie der kanaanischen Frau in Mt 15. Ihrer Tochter geht es so schlecht, dass sie als Mutter zuvor vermutlich schon von Pontius zu Pilatus gelaufen ist, Baalspriester und Gurus, Ärzte und Heiler konsultiert hat. Und alles ohne Erfolg. Und geht sie über alle Grenzen und Konventionen hinweg und setzt ihre ganze Hoffnung auf Jesus. „Herr, hilf mir!“ [Mt 15,25] ruft sie ihn an und lässt nicht locker in ihrem Zutrauen, dass nur er die Hilfe geben kann. Der erkennt schließlich: „Frau, dein Glaube ist groß. Dir geschehe, wie du willst“ [Mt 15, 28].

Begegnung, Widerfahrnis, Offenbarung, existentielle Not so unterschiedlich können die Auslöser des Glaubens sein. Und genauso unterschiedlich wird das Erlebnis empfunden werden – als eine Entscheidung, wohltemperiert; als eine Herausforderung, als stünden wir an der Stelle des reichen Jünglings; als überwältigendes Erlebnis, das uns die Sprache verschlägt und alles, was wir bislang dachten und wussten, auf den Kopf stellt, so wie es einst Saulus erging.

Ich lerne daraus, dass ich nicht unbedingt zum Glauben kommen muss, weil der Glaube auch zu mir kommen kann.

Dann muss ich es nur bemerken und für mich annehmen, dieses: „Über dir geht auf der Herr, und seine Herrlichkeit erscheint über dir“ [Jes 60,2].

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.