1. Sonntag nach dem Christfest
Text: 1 Johannes 1, 1-4
Thema: Die Grundlage christlicher Gemeinschaft
Dekan Pfarrer Dr. Fedler-Raupp


Die Grundlage christlicher Gemeinschaft

Was von Anfang an war, was wir gehört haben, was wir gesehen haben mit unsern Augen, was wir betrachtet haben und unsre Hände betastet haben, vom Wort des Lebens – und das Leben ist erschienen, und wir haben gesehen und bezeugen und verkündigen euch das Leben, das ewig ist, das beim Vater war und uns erschienen ist –, was wir gesehen und gehört haben, das verkündigen wir auch euch, damit auch ihr mit uns Gemeinschaft habt; und unsere Gemeinschaft ist mit dem Vater und mit seinem Sohn Jesus Christus. Und dies schreiben wir, auf dass unsere Freude vollkommen sei.

Predigt

Der junge Mann fühlte sich allein in der fremden Stadt. Ziellos suchend durchstreifte er die unbekannten Gassen. Die Farben, die Gerüche, die Sprache, alles war ganz anders als zuhause.

In den ersten Wochen, die noch bestimmt waren von der Wärme des Sommers, war ihm das Leben hier so leicht und freundlich vorgekommen. Viele Menschen waren da noch auf den Straßen unterwegs. Vor den Cafés saßen die Leute, Jung und Alt, bunt gemischt, und unterhielten sich miteinander. Das Licht und die Wärme des frühen Herbstes, das die rötlichen Steine der Häuser leuchten ließ, genossen die Menschen. Nun aber wurde es früh dunkel. Von den Bergen zog eine nasse Kälte in die Stadt. Die wenigen, die jetzt zu Fuß unterwegs waren, hasteten durch die Gassen, von einem Haus, von einem Geschäft zum anderen.

Heute, am Sonntag, hatte er nichts zu tun. Und so ließ er sich treiben. Ging den Fluss entlang, wandte sich in eine Seitengasse. Da entdeckte er auf einmal ein Schild: Chiesa Tedesca, „Deutsche Kirche“. An einer dunklen Eichentüre war es angebracht.

Neugierig drückte er gegen die schwere Tür, die sofort nachgab. Ein hoher, gut beleuchteter Flur öffnete sich vor ihm. Der Geruch von altem Mauerwerk schlug ihm entgegen. Im Hintergrund sah er ein weißes Schild mit einem roten Pfeil: „Zum Gottesdienst“. Er folgte diesem Pfeil, der ihn in einen großen Raum führte. In einem Kreis waren dort Stühle aufgestellt. Ein Klavier in der Ecke nahm er wahr. Mit freundlichem Lächeln kam ein dunkelhaariger Mann ihm entgegen: „Guten Morgen. Mein Name ist Pfarrer Kleemann. Ich freue mich, dass Sie zu unserem Gottesdienst kommen. In einer Viertelstunde fangen wir an.“ Freundlich, einladend blitzten ihm blaue Augen unter buschigen Brauen entgegen.

Eigentlich war er gar nicht darauf eingestellt. Er wollte doch nur ein bisschen durch die noch unbekannte Stadt streifen. Er schaute auf seine Uhr, es war 9.45 Uhr. Um 12.00 Uhr war er bei Bekannten zum Mittagessen eingeladen. Bis dahin war der Gottesdienst sicher wieder vorbei. Also, warum nicht? Warum nicht hierbleiben, bei diesem Pfarrer, der sich darüber gefreut hatte, dass er gekommen war? Warum nicht heute den Gottesdienst mitfeiern hier, in dieser Gemeinde?

Offensichtlich war er der erste, doch nach und nach kamen andere Besucher in den hohen, hellen Raum. Freundlich nickten sie ihm zu. Eine Frau nahm am Klavier Platz. Um kurz vor zehn begannen die Glocken zu läuten. Als ihr Geläut verstummte, begann die Pianistin mit dem Vorspiel: Die achte Invention von Johann-Sebastian Bach. Er kannte das Stück gut, hatte es selbst zuhause gespielt. Aufmerksam verfolgte er die Musik.

Der Gottesdienst wurde in deutscher Sprache gefeiert. Begrüßung und Gebet, die Predigt vor allem, alles klang ganz wie zuhause. Auch das Gesangbuch, das die Gemeinde benutzte, war das Evangelische Gesangbuch, das ihm seit seiner Konfirmandenzeit so vertraut geworden war.

Aufmerksam nahm er Gebet und Ansprache auf. Mit tiefer Freude sang er die bekannten Melodien mit. Die Gebete, die er hörte, die Lesungen – alles erinnerte ihn an seine Stadt, 11oo Kilometer von hier entfernt. Ihm wurde warm und froh zumute. An diesem grauen Novembermorgen hatte er hier, in der Fremde, ganz unverhofft etwas Vertrautes gefunden.

Als der Gottesdienst mit dem Segen und dem Nachspiel beendet war, wurde er eingeladen: „Ach, bleiben Sie noch zu einem Apero“, forderte ihn eine freundliche Frau, deren blonde Haare zu einem Zopf gebunden waren, mit Schweizer Akzent auf. „Nach dem Gottesdienst sind wir immer noch ein bisschen zusammen. Das wird Ihnen bestimmt gefallen.“

Er blieb. Und wie selbstverständlich wurde er in die Gespräche, die Unterhaltungen mit einbezogen. Von gleich zu gleich wurde er gefragt, woher er denn komme, was er hier vorhabe. Und wie selbstverständlich öffneten sich seine Gesprächspartner auch seinen Fragen. Sie erzählten von ihren Familien, ihren Berufen, ihrem Leben im fremden Land. Ein fröhlicher Ton herrschte, der es ihm leicht machte sich wohl zu fühlen.

Was dieser junge Mann da erlebte, davon spricht der Erste Johannesbrief: Gemeinschaft und Freude. Beides kann sich einstellen, wenn Christenmenschen miteinander Gottesdienst feiern, wenn sie ihr Leben, wenn sie ihre Gemeinschaft miteinander teilen.

Beides kann sich einstellen, denn in unsrer Kirche geht es um das Leben selbst. Um das Wort des Lebens, das Mensch geworden ist. In Jesus Christus, dem Kind in der Krippe, wird Gott, das Wort des Lebens, ein Mensch wie du und ich. In Jesus wohnt Gott unter uns. In ihm sehen und spüren wir Gottes Herrlichkeit. In ihm entdecken wir, wie freundlich unser Gott mit uns Menschen umgeht.

Diese Herrlichkeit Gottes, diese Freundlichkeit zieht Kreise.  Sie will sich mitteilen, nicht alleine für sich bleiben. In der Musik, in den Liedern, in Gebeten und Lesungen kommt Gottes Freude zu uns Menschen.

Das erlebt der junge Mann an jenem Novembermorgen in der fremden Stadt. Auf einmal leuchtet etwas von Gottes Glanz auf in den alten Mauern der deutschen Kirche. Er spürt Wärme und Vertrautheit in Liedern und Gebeten, in den offenen Gesichtern der Menschen, in der Einladung zum Gespräch, im Zuhören und Mitreden.

Das Leben ist erschienen. Das erleben wir Christenmenschen an Weihnachten. Dort, im Stall und in der Krippe, liegt dieses Leben als kleines Kind. Und diejenigen, die es gesehen haben – damals die Hirten in Bethlehem – die bezeugen es, die sagen es weiter: „und alle vor die es kam, wunderten sich über das, was ihnen die Hirten gesagt hatten“. 

Immer wieder führt dieses Leben Menschen in die Gemeinschaft. Gemeinschaft, „die ihr mit uns habt“, wie der 1. Johannesbrief schreibt. Gemeinschaft, die wir erfahren, wenn wir – wie heute Morgen – miteinander Gottesdienst feiern. Gemeinschaft, die ausstrahlt in unsere Ehen und Familien, in unsere Nachbarschaften, in die Lebenskreise, in denen wir zuhause sind.

Wie wohltuend: Eine Gemeinschaft, die andere Menschen mühelos aufnimmt, die sie einbezieht und so sein lässt, wie sie sind. Der junge Mann in der fremden Stadt erlebt das. Unmittelbar fühlt er sich zuhause. Sein zielloses Suchen ist – ohne dass er es beabsichtigt hätte – zu Ende. Hier, in der Gemeinde, hat er für seine Zeit am fremden Ort, im fremden Land einen Platz gefunden.

Nach und nach beginnt er zu begreifen, dass dies kein Zufall ist. Denn die Gemeinschaft, die er da erlebt, hat ihren Grund in Gott selbst. In dem einen Gott, der sich als Vater, als Sohn und als Heiliger Geist uns Menschen zeigt. Auch dieser Gott bleibt nämlich nicht für sich allein. Er ist kein unpersönliches Schicksal. Sondern er wendet sich uns Menschen zu.

So äußert sich Gott in seiner Schöpfung; in dem, was du in der Welt erlebst. Im Wechsel der Tage und der Jahreszeiten. Jeden Morgen, beim Aufgang der Sonne, erfährst du von Neuem, dass Gott dir einen neuen Anfang schenkt. Da gibt es keinen Tag, keine Stunde, kein Ereignis, in dem Gott nicht darauf wartet, von dir entdeckt und erkannt zu werden. –  Gott kommt in dein Leben durch Jesus Christus, das Kind in der Krippe. Nichts Menschliches ist unserem Gott fremd. Er kennt sich aus mit dem, was dir Freude bereitet und mit dem, wovor du Angst hast. An deine Seite stellt er sich und sagt: „Fürchte dich nicht. Siehe, ich bin bei dir alle Tage bis an der Welt Ende.“  – Und immer wieder neu berührt unser Gott als Heiliger Geist dein und mein Herz. Immer wieder lässt er dich erleben, wie seine Liebe, sein Licht auch dein Leben freundlich und klar werden lassen.

So sucht Gott Gemeinschaft mit dir und mit mir. So stiftet er Gemeinschaft in seiner Kirche, mitten unter uns. Ja, wir Christenmenschen sind tatsächlich umgeben von Gott. Tag für Tag entdecken wir ihn, spüren wir ihn, sehen ihn mit unseren Augen und betasten mit unseren Händen. – Darum geht es, wenn wir uns von Weihnachten her aufmachen in dieses neue Jahr. Wir haben einen Gott, der ein Kindlein klein geworden ist. Der sich in Windeln wickeln und in eine Krippe legen lässt. Der am Kreuz unseren Tod stirbt. Ja, unser Gott ist wirklich einer von uns.

Unsere Aufgabe besteht nun darin, die gute Nachricht von der Menschenfreundlichkeit Gottes unter die Leute zu bringen. In unseren Gemeinden wie in unserem Alltag. Der junge Mann, allein in der fremden Stadt, spürt das, als er die deutsche Gemeinde entdeckt: Hier ist ein Ort, an dem Gemeinschaft, hier ist ein Ort, an dem Freude zu finden ist. Er lässt sich darauf ein. Im Gottesdienst, im Miteinander danach, im Singen und Beten, Hören und Reden, im Leben hier unter diesen Menschen fühlt er sich zuhause.

Wie gut, wenn das gelingt. Wenn unsere Gemeinden ein Zuhause, ein Ort der Heimat und Geborgenheit werden. Wenn wir dazu einladen, hereinzukommen und das mit uns zu feiern, was unser Leben bestimmt: Die Nähe unseres Gottes. Er will, dass unsere Freude vollkommen sei. Amen.