1. Advent

Text:       Röm 13,8–12

Thema: Leben im Morgenrot

Ev. Emmausgemeinde Eppstein

Pfarrer Moritz Mittag

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

 „Alle Jahre wieder“ singen die Kleinen, wie nett, und stöhnen deren Eltern. „Alle Jahre wieder“ steht „das Fest“ an und vor „dem Fest“ die Vorbereitung. Wir sind im Advent. Das heißt ja bekanntlich „Ankunft“. „Adventus Domini“ – die Ankunft des Herrn. Auf die warten die Gläubigen. Das tun sie, wenn sie wirklich glauben, dass Christus wiederkommt, jahreszeitlich unabhängig. Eigentlich andauernd. Wie sollte es auch anders sein? Hoffen wir doch, dass sein Kommen dem Leid und der Verzweiflung in dieser Welt ein Ende macht. Und das zu hoffen, haben wir viele Gründe. Die stumpfen Blicke derer etwa, die unendlicher Grausamkeit und unvorstellbarer Gewalt ausgeliefert waren. Die hemmungslose und offenbar durch nichts zu bremsende Genusssucht derer, die sich alles leisten können. Und nicht nur den Konsum. Die himmelschreiende Ungerechtigkeit in dieser Welt, für deren Veränderung, ja Verbesserung sich so viele einsetzen, um doch immer wieder an die engen Grenzen ihrer Möglichkeiten zu stoßen.

Wir haben nun wirklich Gründe zu hoffen, dass das einmal ein Ende haben wird, und ER kommt, der Herr, auf dessen Ankunft wir warten. Von der Messias-Erwartung der frühen Christen trennt uns gleichwohl eine ganze Menge. Sie freuen sich gleichzeitig auf das Kommen des Herrn und damit verbunden eine gewaltige kosmische, die ganze Welt, das All, Alles erfassende „Veränderung“, nein, das trifft’s nicht! Eine Neuschöpfung. Alles, ich meine es, wie ich es sage, alles, was ist, wird neu geschaffen. Das ist etwas anderes als eine Produktüberarbeitung! Kosmische Katastrophen gehen dem voraus. Beängstigend. Dann doch lieber die kleinen Schritte des Pragmatismus. Wir haben’s ja schon gut und wollen’s nur ein bisschen besser haben. Wir bevorzugen die kleinen Schritte anstelle der großen Katastrophe. Wir würden gerne weitermachen und empfinden den in Aussicht gestellten Neuanfang womöglich als Bedrohung. Die Erfahrung der Brüchigkeit und der Endlichkeit unseres Lebens macht uns Angst. Das ist es, was uns beschwert. Ob das in dieser Welt alle so sehen?

Manchmal denke ich, wenn ich das vorweihnachtliche Geschehen betrachte, die glitzernden Lichter, das warme Licht der Kerzen, der Duft von Gebäck und Gewürzen, das warme Rot der Bänder und Kugeln, das jeder Mode zu trotzen scheint, die volkreichen Weihnachtsmärkte, die glänzenden Augen derer, die angefangen haben zu singen, selbst zu singen, dass in all dem eine tiefe Sehnsucht zum Ausdruck kommt.

Gingen wir ihr in der ganzen Tiefe ihrer Bedeutung nach, wir blieben nicht bei den Äußerlichkeiten. Die Erwartung im Advent erfüllt sich eben nicht in lediglich der Veränderung der Innendekoration dieser Welt.

Paulus, der der Gemeinde in Rom schreibt, gibt ihr am Ende seines Briefes einige Gedanken mit für den „Gottesdienst im Alltag der Welt“ [Ernst Käsemann: An die Römer. Tübingen 41974, S. 313]. Wir lesen im 13. Kapitel die Verse 8-12:

8 Seid niemandem etwas schuldig, außer dass ihr euch untereinander liebt; denn wer den andern liebt, der hat das Gesetz erfüllt. 9 Denn was da gesagt ist (2.Mose 20,13-17): »Du sollst nicht ehebrechen; du sollst nicht töten; du sollst nicht stehlen; du sollst nicht begehren«, und was da sonst an Geboten ist, das wird in diesem Wort zusammengefasst (3.Mose 19,18): »Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.« 10 Die Liebe tut dem Nächsten nichts Böses. So ist nun die Liebe des Gesetzes Erfüllung. 11 Und das tut, weil ihr die Zeit erkennt, nämlich dass die Stunde da ist, aufzustehen vom Schlaf, denn unser Heil ist jetzt näher als zu der Zeit, da wir gläubig wurden. 12 Die Nacht ist vorgerückt, der Tag aber nahe herbeigekommen. So lasst uns ablegen die Werke der Finsternis und anlegen die Waffen des Lichts.

„Die Nacht ist vorgerückt, der Tag aber nahe herbeigekommen“ [Rm 13,12]. Es ist dunkel geworden. Das gehört in unseren Breiten zur Jahreszeit, in der die Tage kürzer und die Zeiten der Dunkelheit länger werden. Aber das meint Paulus nicht. Es sind schwierige Zeiten, in denen er sich und die Gemeinde in Rom sieht. Jederzeit kann einer kommen und ihr das Licht ausknipsen. Verfolgungen sind an der Tagesordnung. Er selbst wird dem zum Opfer fallen.

„Die Nacht ist vorgerückt“ [Rm 13,12].

Wir sind mittendrin in der Dunkelheit dieser Welt. Muss ich jetzt noch die Schlagzeilen der letzten vierzehn Tage zitieren, um diese Behauptung zu belegen. Wir sind mittendrin in der Dunkelheit dieser Welt. Als die Ärzte der jungen Mutter ihre Entdeckung mitteilen, Krebs, wird es ihr schwarz vor Augen. Manch einer, der die Fünfzig erreicht hat, und auf seine Zukunft sieht, sieht schwarz. So oder so, viele werden in dieser Zeit „das Ineinander und Gegeneinander von Schmerz und Sehnsucht“ [Christian Nottmeier: Predigtstudien II/1. Freiburg 2015, S. 19] empfinden.

Anders als gedacht und immer wieder versucht, kommt das Heil nicht aus mir selbst. Ich bin darauf angewiesen, dass es mir geschenkt wird. Daniel Friedrich Schleiermacher hat das als „Gefühl der schlechthinnigen Abhängigkeit“ bezeichnet [Daniel Friedrich Schleiermacher: Über die Religion – Reden an die Gebildeten unter ihren Verächtern. 1799]. Der Advent, der unter der Dekoration verborgen ist, dieser Advent richtet mich in meiner Sehnsucht nach Hilfe, Trost und Heil auf den aus, der kommt als „Wunder-Rat, Gott-Held, Ewig-Vater, Friede-Fürst“ [Jes 9,5].

Nichts ist zu beschönigen, nichts von all dem, was uns beschwert und belastet, muss ausgespart oder verheimlicht werden. Und trotzdem und in alledem ist „der Tag nahe herbeigekommen“ [Rm 13,12]. „Auch wer zur Nacht geweinet, der stimme froh mit ein, der Morgenstern bescheinet auch deine Angst und Pein“ [EG 16,1], so haben wir es eben im Lied von Jochen Klepper gesungen. Der schrieb den Text 1938, als er spürte, wie das Dunkel um sich griff. Aber nun, mitten in der Nacht, ist „der Tag nahe herbeigekommen“ [Rm 13,12].

Nun also leben wir seinem Licht entgegen, zünden die kleinen und großen Kerzen an, die es in uns und vor uns hell werden lassen, trotzen sanft und liebevoll der Dunkelheit.

Damit nicht genug. Paulus fordert die Gemeinde in Rom auf: „So lasst uns ablegen die Werke der Finsternis und anlegen die Waffen des Lichts“ [Rm 13,12]. Wie das geschehen soll, das hat er kurz zuvor beschrieben. „Seid niemandem etwas schuldig, außer dass ihr euch untereinander liebt“ [Rm 13,8]. Ich halte mir vor Augen, wie die Jugendlichen gestern den Gästen im Café des Adventbasars mit ihrer Freundlichkeit und Zugewandtheit begegnet sind. Als hätten sie die Waffen des Lichts angelegt. Wer immer das bemerkt und in sich aufgenommen hat, konnte beschenkt und froh von dannen gehen.

Es waren „nur“ Augenblicke, aber selbst die können viel ändern für mich und für meinen Nächsten. Sie können von dem Licht des anbrechenden Tages künden, auf den wir – und manche voller Sehnsucht – warten.

Die Liebe hinterlässt eine Leuchtspur. Meint Paulus das, wenn er von den Waffen des Lichts spricht? Solche Waffen können mir gefallen: die Leuchtspur der Liebe.

Dann zeigt mir mein Nächster die Welt, wie sie mir meine Erfahrung nicht zeigen kann. Dann öffnet er mir Zugänge zum Leben, die mir verschlossen waren. Ja, er verhilft mir zu einer neuen Erfahrung mit mir selbst. So beschenkt, fange ich an zu strahlen.

Wie gut das tut und wie wertvoll das ist! Das ist auch Advent. Gar nicht laut und hektisch, eher leise, fein und behutsam. Eine Leuchtspur der Liebe, die darauf hinweist, wie das ist, wenn Gott kommt, und die uns darauf vorbereitet.

Uns allen wünsche ich eine gute Vorbereitung. Dass wir uns mit der Liebe anfreunden, die des andern Bestes sucht, und darin niemandem etwas schuldig bleiben. Gerne „alle Jahre wieder“!

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

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