21. Sonntag nach Trinitatis (Reformationsfest)

Text: Mt 10,26b-33
Thema: Darum fürchtet euch nicht vor den Menschen
Text: Mt 10,26b-33
Ev. Emmausgemeinde Eppstein
Pfarrer Moritz Mittag

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

„Fürchtet euch nicht vor den Menschen,“ so beginnt der Predigttext im 10, Kapitel des Matthäusevangeliums [10,26]. Ja, braucht es denn diese Aufforderung? Würden wir nicht ohnehin wie einst bei Spiel auf die Frage „Wer hat Angst vorm schwarzen Mann?“ wie aus einer Kehle rufen: „Niemand!“

Nein, die Furcht vor den Menschen hat Macht gewonnen unter uns. Die Furcht vor denen, die das Virus übertragen. Vor dem Mann in der Schlange an der Kasse, der drängelnd auf weniger als einen Meter heranrückt. Vor denen, die rücksichtslos ihr Ding machen, ohne ihre Verantwortung für andere wahrzunehmen. Ich denke an die Raser, die bei ihren illegalen Rennen, das Unglück, ja den Tod Unbeteiligter in Kauf nehmen. Oder die, die ihrer Überzeugung folgend, sich letzthin von Autobahnbrücken im Rhein-Main-Gebiet abseilten und den Verkehr zum Erliegen brachten – koste es, was es wolle.

Und ist es nicht die Furcht vor menschlichen Machenschaften, wenn viele Menschen in unserem Land und nicht nur da beim Blick auf ihren Lebensalltag machtvolle Verschwörungen am Werk sehen? Wenn sie argwöhnen, dass kleine Zirkel ohne Legitimation in dunklen Hinterzimmern das Land in den Ruin führen wollen und dazu die Mär von der Pandemie erfunden haben. Andere sehen genau in derlei Vorstellungen eine große Gefahr, weil nicht Fakten, sondern Vermutungen und Unwahrheiten die Gedanken der Argwöhnischen beherrschen.

Und wem gilt eigentlich die Furcht, wenn wir uns fragen, wird es bei der US-Präsidentenwahl mit rechten Dingen zugehen? Wird der Unterlegene am Ende den Wahlausgang akzeptieren? Die Sitten sind rau geworden in der einstigen Vorzeige-Demokratie. Aber den meisten, die sich hier fürchten, insbesondere hierzulande, geht’s verhältnismäßig gut. Sie können ihre Meinung frei äußern und leben in sicheren Verhältnissen.

Den Anhängern Jesu ergeht es anders. Sie werden mächtig unter Druck gesetzt, verfolgt, so dass man ihnen rät, „flieht in eine andere“ [Mt 10, 23] Stadt, wenn man euch in der einen verfolgt. Üble Nachrede und Gewalt folgen ihnen auf den Fersen.

Auch das kennen wir. Aus den Nachrichten. Hongkong, fällt einem ein, die Demokratiebewegung, die unter die Knute der chinesischen Staatsmacht gekommen ist. Aber auch die Frauen von Minsk, die nicht aufhören für rechtmäßige Wahlen und eine offene Gesellschaft in Belarus zu demonstrieren. Nicht dass damit alle Brennpunkte benannt wären, die einem das Fürchten lehrten.  

Und trotzdem heißt es“ „Darum fürchtet euch nicht vor den Menschen.“ [Mt 10,26] Mich irritiert das „Darum“. Es verlangt, ja es schreit geradezu: „Warum?“

Die Antwort muss jene erschrecken, die es mit der Wahrheit nicht so genau nehmen, die Lügen verbreiten und die Menschen täuschen: „Denn es ist nichts verborgen, was nicht offenbar wird, und nichts geheim, was man nicht wissen wird“ [Mt 10,26]. Das entspricht unserer Erfahrung: Irgendwann kommt alles heraus. Irgendwann zeigt sich, was wahr und was unwahr ist.

Dann ermutigt Jesus seine Leute zur Wahrheit zu stehen. Es ist auch die Wahrheit über ihn selbst, die er meint, und seine Rolle, seinen Auftrag, das Reich Gottes zu verkündigen und Abkehr vom Reich der Hölle. Ja, so werden die Gegensätze profiliert. Himmel oder Hölle. Jesu Botschaft ist die vom Himmelreich. Sie macht selbst das Dunkel hell. „Was ich euch sage in der Finsternis, das redet im Licht; und was euch gesagt wird in das Ohr, das verkündigt auf den Dächern“ [Mt 10,27]. So viel Selbstbewusstsein angesichts von Verfolgung und Bedrängnis! Und es kommt noch besser: „Und fürchtet euch nicht vor denen, die den Leib töten, doch die Seele nicht töten können; fürchtet viel mehr den, der Leib und Seele verderben kann in der Hölle“ [Mt 10,28]. Ja, irgendwann kommt der Moment, in dem Du Dich entscheiden musst, wofür Du lebst und wofür Du stehst. Und die Entscheidung kann Dich das Leben kosten.

Maria Kolesnikowa, Swetlana Tichanowskaja und Veronika Zepkalo sind die Namen dreier Frauen, die dem Apparat und der Gewalt eines Alexander Lukaschenko die Stirn bieten. Was wir kaum beachten, in vielen Gegenden der Welt müssen Christen, die sich zu ihrem Herrn bekennen, Gewalt und Tod erleiden, von täglicher Benachteiligung ganz zu schweigen. So kostenlos, wie wir uns angewöhnt haben, als Christen zu leben, geht das nicht allerorten. Selbst beim NATO-Mitglied Türkei kommt es immer wieder zu Übergriffen, Einschüchterungsversuchen bis hin zu Morden.

Ob’s weiland dem aufmüpfigen Bruder Martin anders erging, als er vor den Mächtigen seiner Zeit seinen Glauben bekannte – das heißt es ja, „Protestant“ zu sein – ? Ein Spaziergang war’s nicht. Aber getragen war es von dem Geist, der aus den Versen des Matthäusevangeliums spricht. Die dritte Strophe von „Ein feste Burg ist unser Gott“ wirkt wie eine Annäherung an die Formulierungen bei Matthäus: „Und wenn die Welt voll Teufel wär und wollt uns gar verschlingen, / so fürchten wir uns nicht so sehr, es soll uns doch gelingen. / Der Fürst dieser Welt, wie sau’r er sich stellt, tut er uns doch nicht, das macht er ist gericht‘ ein Wörtlein kann ihn fällen.“ [EG 362,3] Dieses Wörtlein zu sprechen, das ist unsere Aufgabe, dazu haben wir den Auftrag. Darum hören wir auf sein Wort, darum bedenken wir es in der Predigt und im Gespräch miteinander. Denn solche Vergewisserung brauchen wir, wenn wir im Licht und auf den Dächern von Gott und von seinem Sohn erzählen, der die Liebe, die sich schenkt, zu einer Macht gemacht hat, die selbst den Tod überwindet.

Und der Friede Gottes, der höher ist, als alle unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.