9. Sonntag nach Trinitatis
Text: Mt 7,24–27
Thema: Worauf baust du das Haus deines Lebens?
Ev. Emmausgemeinde Eppstein
Pfarrer Moritz Mittag

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

Das Evangelium lässt uns wissen: Ihr habt etwas. Das ist nicht offensichtlich. Andere wissen nicht davon. Es ist wie ein Schatz, verborgen in einem Acker. Setzt alles auf eine Karte, riskiert etwas, um diesen Schatz zu bergen. Denn wer danach sucht, findet ihn. Findet ihn und ihr werdet reich belohnt.

Das ist eine verheißungsvolle Aussicht. Sie regt an und will das auch. Anders gestimmt ist der Predigttext vom Ende der Bergpredigt. Ich lese ihn bei Matthäus im 7. Kapitel:

Mt 7,24 Darum, wer diese meine Rede hört und tut sie, der gleicht einem klugen Mann, der sein Haus auf Fels baute. 25 Als nun ein Platzregen fiel und die Wasser kamen und die Winde wehten und stießen an das Haus, fiel es doch nicht ein; denn es war auf Fels gegründet. 26 Und wer diese meine Rede hört und tut sie nicht, der gleicht einem törichten Mann, der sein Haus auf Sand baute. 27 Als nun ein Platzregen fiel und die Wasser kamen und die Winde wehten und stießen an das Haus, da fiel es ein und sein Fall war groß.

In diesen Tagen hören wir die Geschichte mit geschärfter Aufmerksamkeit. Dafür sorgt schon das Stichwort „Platzregen“. Wie aus einem starken Regen, „Starkregen“ und in dessen Folge ein „Schadensereignis“ katastrophalen Ausmaßes wird, konnten wir jüngst mitverfolgen. Und da sahen wir aus sicherer Entfernung, wie „die Wasser kamen […] und stießen an das Haus“ [Mt 7,27]. Der Fluss verließ sein Bett. Seine Wasser stiegen auf bis zu acht Meter über Normal. Sie fuhren mit hemmungsloser Gewalt mitten durch Ortschaften, rissen vieles mit, unterspülten Fundamente von Häusern, Straßen, Schienen und Brücken, falteten für stabil gehaltene Boote, Fahrzeuge und Bauten zusammen, als bestünden sie aus dünnem Papier. Ganze Häuser wurden weggerissen. Viele Menschen kamen ums Leben. Erst nach und nach wurde das ganze unvorstellbare Ausmaß der Verwüstungen sichtbar. Nicht nur Gegenstände, Sachwerte, Hab und Gut sind betroffen. Das angerichtete Grauen belastet die Seelen derer, die es vor Augen haben.

Nun wird vor Ort aufgeräumt. Alle packen an, als wollten sie die untergegangene Welt ihres Lebens wieder zum Vorschein bringen. Vielen Menschen, zum Teil von weit her, helfen mit. Eine wunderbare Erfahrung für die Betroffenen. In all dem Lärm, den das schwere Gerät von Bundeswehr und THW hinterlässt, im Geräusch der Pumpen und Schaufeln, gibt es auch leise Töne. Man hört leise Gebete, die die Stoßgebete aus der Erfahrung des Weltuntergangs abgelöst haben. „Wir sind dankbar. Wir leben noch,“ sagt ein junger Mann, der vor dem verwüsteten Hotel steht, in dem jetzt eigentlich gutgelaunte Gäste vorzüglichen Wein genießen sollten. Seelsorge ist gefragt. Wohin mit dem Entsetzen, der Verzweiflung und den schrecklichen äußeren und inneren Bildern?

Neben dem Aufräumen kommt die „Aufarbeitung“ in Gang. Wo gab es menschliches Versagen? Wem ist Schuld zuzuschreiben? Die in der Politik Verantwortlichen haben nichts zu lachen.

Wer ist aber verantwortlich? Gott ist es nicht, wenn man den Kommentatoren folgt. Der ist raus. Die Natur ist es auch nicht. Die reagiert nur. Worauf? Auf alles, was auf sie Einfluss nimmt. Und das ist nach allgemeiner Lesart vor allem der Mensch mit all seinen Eingriffen in den Kreislauf der Natur. Begradigte und in enge Grenzen verwiesene Wasserläufe, fehlende Flächen zur Aufnahme und natürlichen Speicherung von Wasser, immer mehr versiegelte Flächen sind offensichtliche Problemverstärker. Weniger offensichtlich, dafür umso unheimlicher gilt der Klimawandel als Motor dieser und künftiger Katastrophen. Global trifft auf regional. Das verändert Maßstäbe im Nie-Dagewesenen.

Am Ende steht der Mensch als der Schuldige da. Er ist es, der die Gewinnmaximierung vor den achtsamen Umgang mit der Natur gestellt hat. Er ist es, der Eigennutz und Bequemlichkeit über den sorgsamen Umgang mit den Ressourcen stellt. Er ist es, der als Treiber der Umweltzerstörung und des Klimawandels dasteht.

Gleichzeitig erschrickt der Mensch vor den Gewalten der Natur, denen er mit einem Mal ausgesetzt ist und sich ausgeliefert erlebt. Die Räder, die er dreht oder drehen kann, sind angesichts dieser ungestümen Mächte nur kleine Rädchen. „Mit unsrer Macht ist nichts getan“ [EG 362,2], lässt Martin Luther die Gemeinde singen.

Viele von denen, die so mit Überzeugung singen, haben das im Blick. Sie rechnen mit dem Unverfügbaren, mit dem, was alles Menschen-Vermögen übersteigt, und haben einen Sinn für das, was hinter den Dingen liegt und das Vorfindliche und Begreifbare übersteigt.

Die Menschen, die in den Trümmern ihrer Häuser nach liebgewonnenen, bedeutungsvollen Gegenständen, Erinnerungsstücken, Fotos suchen, sie suchen nicht eigentlich nach den Dingen, sie suchen nach ihrer Geschichte und ihrem Selbstverständnis. Das ist viel mehr und etwas anderes als die Dinge selbst.

Was wir so gerne singen – „Ich steh vor Dir mit leeren Händen, Herr“ – das ist hier zur bitteren Wahrheit geworden.

Aber – die Pause muss sein – aber, wenn die Welt vergeht, tritt zutage, was uns eigentlich ausmacht, wer wir eigentlich sind – ohne Fassade, ohne Schminke, ohne das alles, was sonst oft das Wesentliche überdeckt. Ich höre Angelus Silesius sagen: „Mensch, werde wesentlich!“

In der gesamten Bergpredigt Jesu geht’s darum, um das Wesentliche. Am Ende, sei es das Ende einer sicher geglaubten Existenz, sei es das tatsächliche Ende des eigenen Lebens, kommt es darauf an, worauf ich vertraue. Was trägt mich? Was hält mich? Was gibt mir Halt?

Ist es der Fels, auf den Du Dein Haus baust, das Haus Deines Lebens, oder ist es der Sand?

Worauf bauen? Das zu entscheiden, fällt einem leichter, wenn nichts da ist, was einen ablenkt, und den Anschein erwecken würde, es stünde einfach und bequem zur Verfü-gung. Darum ziehen sich Johannes der Täufer, aber auch Jesus selbst in die Wüste zurück. Am Ende ist es nicht das, was wir selbst hervorzubringen vermögen – das ist und bleibt vergänglich. Es ist auch nicht das, was uns zu Gebote steht, das nämlich steht und fällt mit unserer Macht (und mit der ist bekanntlich nichts getan). Es ist – aus-gerechnet – das Unverfügbare. Es ist der lebendige Gott, der in Jesus zu uns spricht, dessen Rede wir hören und dessen Spuren wir zu folgen suchen.

Ob bewusst oder unbewusst, ob willentlich oder ohne dieser Absicht zu folgen, die große Hilfsbereitschaft, der Einsatz der vielen freiwilligen Helfer, die Bereitschaft so vieler zu geben, zu teilen, zu spenden, folgt den Spuren Jesu.


Das alles macht Mut. Vor allen Dingen macht es denen Mut, die mit Nichts dastehen, aber auch all denen, die es wahrnehmen und zu schätzen wissen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.