Pfingstmontag

Text: Joh 20,19–23

Thema: Sonntagsereignis

Ev. Emmausgemeinde Eppstein

Pfarrer Moritz Mittag

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

Da sitzen sie nun. Elf Jünger rund um den Tisch. Sie haben sich zurückgezogen, was sage ich, sie haben alle Türen und Fenster verrammelt. Sie waren Zeugen der Kreuzigung Jesu. Da ist etwas in ihnen zerbrochen. Nicht nur Pläne, die nun hinfällig geworden waren. Und nicht nur Träume, was noch hätte sein und werden können. Nein, so tief hatte sie Jesu Tod getroffen, dass ihr Leben zerbrochen war. Und jetzt lag es in Trümmern vor ihren Augen und nichts passte mehr zusammen. Man konnte nicht einfach weitermachen, als sei nichts geschehen. Der Tod hatte ein Loch in ihr Leben gerissen. Sie spürten das schmerzlich. Auch ihre eigene Hilflosigkeit. Was sollten sie jetzt tun? Wozu war ihr Leben noch gut? Zu welchem Ziel sollten sie aufbrechen?

Aber an so etwas war gar nicht zu denken. Keine Absichten, keine Pläne, nur den Moment bewältigen. Am Abend nicht auf der Strecke geblieben, morgens nicht verschlungen worden sein von diesem Loch der Trauer. Aber damit nicht genug. Die widerstreitenden Stimmen im Innern, die Hüh und Hott riefen, die unbeantwortbare Fragen aus den Tiefen hervorholten, die einen ins Chaos stürzen konnten, während man doch regungslos dasaß.

Ja, die Jünger hatten sich eingeschlossen, eingeigelt, hatten dicht gemacht. Sie hatten das Außen ausgesperrt, das Innen forderte genug. Während sie auf einem schäumenden Seelenmeer unterwegs waren, „kam Jesus und trat mitten unter sie und spricht zu ihnen: Friede sei mit euch!“ [Joh 20,19] Ja, er kam und spricht. Vergangenheit und Gegenwart in einem. Es ist, als stille er den Sturm, der in seinen Jüngern tobt, aber auch zwischen Draußen und Drinnen. Er sagt nur „Friede sei mit euch!“ und Friede kehrt ein.

Jesus versöhnt. Die Trauernden mit sich, mit ihrer Vergangenheit und ihrer Gegenwart. Die Jünger drinnen, die sich vor den Nachstellungen der anderen fürchten, mit diesen, die draußen sind. Die Elf um den Tisch, an dem der Zwölfte fehlt, in all ihrer Unterschiedlichkeit, an der man sich reiben oder gar Anstoß nehmen kann. „Friede sei mit euch!“

Das Wort bewirkt so etwas wie einen Druckausgleich, wie ihn die Taucher kennen. Es öffnet Möglichkeiten. Nicht nur in der kleinen Gemeinschaft der Jünger, sondern auch für einen Weg nach außen und auf die zu, vor denen sie eben noch Angst hatten.

Jetzt, wie zur Bekräftigung und zum Ausweis seiner Vollmacht „zeigte er ihnen die Hände und seine Seite“ [Joh 20,20]. Auch dem Langsamsten würde nun klar, wer er ist und wofür er steht. Jesus überwindet den Tod. Genau das steht ihnen jetzt vor Augen. Es ist nicht so, dass sie das nicht verschiedene Male mitbekommen hätten. Bei Lazarus zum Beispiel [Joh 11]. Aber nun steht der Auferstandene in ihrer Mitte. Wer hätte das für möglich gehalten? Jetzt sehen sie es mit eigenen Augen. „Da wurden die Jünger froh, dass sie den Herrn sahen“ [Joh 20,21].

Da wäre ich gerne dabei gewesen. Dieses Staunen, gepaart mit Schrecken und Freude! Ich stelle mir, wie die zuvor bedrückt und schweigend dasitzende Runde mit einem Mal auftaut, wie Leben in sie kommt, wie sie sich erregen und laut werden. Da sprach Jesus abermals zu ihnen: Friede sei mit euch! [Joh 20,21]

Und wieder legt sich der Sturm, der diesmal der freudigen Erregung geschuldet ist. Das muss sein, denn jetzt spricht Jesus sie an und gibt ihnen einen Auftrag. Der wird sie in die Zukunft führen, hinaus aus dem Rückzugsort, hinein in die Welt und auch zu denen hin, vor denen sie sich gefürchtet hatten. Der Friede, der mit ihnen ist, soll ihnen dabei helfen. Er soll es ihnen ermöglichen, die Rüstung abzulegen und auf andere zuzugehen. Nicht nur den Raum, in dem sie gesessen sind, zu verlassen, sondern mehr noch, sich selbst zu verlassen auf den, der zu ihnen sagt: „Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch“ [Joh 20,21].

Ihr seid jetzt meine Augen und Ohren, meine Hände und Füße, mein Hirn und mein Herz. Wenn ihr in meinem Auftrag unterwegs seid, dann seid ihr es, als wäre ich es selbst. Dann gilt: „Welchen ihr die Sünden erlasst, denen sind sie erlassen; welchen ihr sie behaltet, denen sind sie behalten“ [Joh 20,23].

Aber wie soll das zugehen? Wie soll aus diesen verängstigten Menschen, deren Leben in Scherben vor ihnen liegt, wie soll aus ihnen und erst recht aus jedem einzelnen von ihnen Christen werden, die den Christusdienst übernehmen? Das ist die Versöhnung der Menschen mit Gott. Von sich aus kann das keiner. Da schnüren und drücken die engen Grenzen, denen wir unterworfen sind. Es braucht etwas anderes. „Und als er das gesagt hatte, blies er sie an und spricht zu ihnen: Nehmt hin den Heiligen Geist!“ [Joh 20,22]

In diesem Moment fallen Ostern und Pfingsten in eins. Und damit ist die Existenz eines Christen trefflich beschrieben. Wir sind Ostern- und Pfingstkinder. Wir leben unter dem Kreuz als Zeichen des Todes und der Auferstehung und wir empfangen Gottes lebendigen Geist. Der richtet uns auf, der weist uns Wege, der tröstet und unterweist uns, der verbindet uns immer wieder neu mit Gott und dem Leben.

So gestärkt brechen auch wir auf, verlassen die Räume des Rückzugs und gehen in die Zukunft gesandt durch Christus, begleitet und gestärkt durch den Heiligen Geist.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.