Festgottesdienst zum 25-jährigen Bestehen des Gemeindezentrums Emmaus am 01. Mai 2022
Misericordias Domini
Predigttext: Sacharja 2,5-9
Predigtthema: Das Jerusalem ohne Mauern
Ev. Emmausgemeinde Eppstein
Pfarrer Moritz Mittag

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

Anfang der 90er Jahre saßen wir mit Bodo Rieger zusammen. Holger Tremel hatte den Kontakt hergestellt zu einem Mann, den wir uns nicht leisten konnten. Und er kam für Gotteslohn. Bodo Rieger, damals eine große Nummer im Marketing, fand sich also im Untergeschoss der Waldallee 53 ein, wo das Pfarramt seit 1987 seinen Sitz hatte. Wir erarbeiteten mit ihm ein Leitbild einer offenen Gemeinde. Es sollte uns beim Aufbau der Gemeinde und beim Bau des Gemeindezentrums in den folgenden Jahren begleiten. Das Bild zum Leitbild fanden wir in Sacharja 2. Ich lese die Verse 5-9:

5 Und ich hob meine Augen auf und sah, und siehe, ein Mann hatte eine Messschnur in der Hand. 6 Und ich sprach: Wo gehst du hin? Er sprach zu mir: Jerusalem auszumessen und zu sehen, wie lang und breit es werden soll. 7 Und siehe, der Engel, der mit mir redete, ging hinaus, und ein anderer Engel kam ihm entgegen 8 und sprach zu ihm: Lauf hin und sage diesem jungen Mann: Jerusalem soll ohne Mauern bleiben wegen der Menge der Menschen und des Viehs, die darin sein werden. 9 Und ich selbst will, spricht der Herr, eine feurige Mauer rings um sie her sein und will mich herrlich darin erweisen.

Vielleicht lag’s am Kellerraum, in dem wir zusammengesessen hatten, dass uns die Stadt auf dem Berge so sehr faszinierte. Vielleicht klingt das vermessen, aber die in die Unsichtbarkeit versenkte Gemeinde und die Situation der Menschen, denen der Prophet Sacharja begegnet, haben einige Gemeinsamkeiten. Seine Leute sind im babylonischen Exil gewesen. Fremde in der Fremde. Zerstreut und alles andere als gesammelt. Bedroht von der Gefahr marginalisiert zu werden. „Die Evangelischen können doch ihren Gottesdienst in der Telefonzelle vor St. Margareta feiern“, stellte Klemens Kurnoth, einer Ihrer Vorgänger, lieber Herr Wagner, in der Fastnacht fest.

Sacharja hat eine Vision. Die Leute aus dem Exil sind zurück. Aber sie finden in der Stadt am Zion eine zerstörte Stadt vor. Der Krieg ist über sie hinweggegangen. Die Stadt in Trümmern ist nur noch ein Schatten ihrer selbst. Wird sie eine Zukunft haben? Wer wird dafür sorgen? Bald gibt es Pläne, den Tempel wieder zu errichten. Aber, wenden einige ein, ist es denn klug, den Tempel ungeschützt von starken Mauern und bewehrten Toren zu errichten? Braucht es nicht solch gewisse Voraussetzungen, bevor man das Gotteshaus errichtet?

Auf derlei Einwände antwortet die Vision des Propheten. Er sieht einen Mann, der „hatte eine Messschnur in der Hand“ [Sach 2,5]. „Wo gehst du hin“, fragt er ihn. Und er antwortet: „Jerusalem auszumessen und zu sehen, wie lang und breit es werden soll.“ [Sach 2,6] Offenbar muss die Stadt neu gebaut werden. Und für menschliche Planungen sind das notwendige Angaben. Wie hoch, wie breit, wie tief? In der Sprache der Verwaltung hieß das für uns: „Wieviel Versammlungsfläche soll es und kann es geben?“ Zuerst war die Rede von 40 m² – komfortabel im Vergleich zum Raumangebot einer Telefonzelle. Beim nächsten Nachmessen mit der Messschnur durften es 70 m² sein. Inzwischen hatte sich eine stabile Gottesdienstgemeinde entwickelt. Bemessungszahlen sind der Gegenwart verpflichtet, dem, was ist, nicht unbedingt dem, was sein wird. Dazu braucht es andere Sichten.

Wie gut, dass der Prophet bei seinen Visionen von Engeln begleitet wird. Nun tritt ein zweiter auf den Plan, „kam ihm entgegen 8 und sprach zu ihm: Lauf hin und sage diesem jungen Mann: Jerusalem soll ohne Mauern bleiben wegen der Menge der Menschen und des Viehs, die darin sein werden.“ [Sach 2,7f.]

Wenn Gott bauen lässt, gelten nicht die engen Grenzen menschlichen Denkens und Vermögens. Im Gegenteil, er sprengt sie, sprengt die Üblichkeiten und erschafft gänzlich Neues. Unvorstellbar! Nicht realisierbar! Unmöglich! hatten die Bedenkenträger eingewandt. Was soll eine Stadt ohne Mauern? Beckmesserisch hatten sie mit Zahlen jongliert, auf ihre eigenmächtige Sicherheit bedacht. Wie sollte sich Jerusalem, bekannt für seine 12 Tore und seine mächtigen Stadtmauern, ohne diese in dieser Welt behaupten?

Ob sie dabei mit Gott und seinem wirkmächtigen Willen rechneten? Spielte er überhaupt eine Rolle in ihrem Kalkül? Die Rede des Engels scheint den Bedenkenträgern zu antworten. Er sieht dieses Jerusalem nicht nur nicht mehr entvölkert und entleert, sondern so voller Menschen und Tiere, dass es starre Mauern sprengen müsste. Und er verkündigt des Herrn Wort: „Und ich selbst will, spricht der Herr, eine feurige Mauer rings um sie her sein und will mich herrlich darin erweisen.“ [Sach 2,9]

Die Stadt wird einen Wächter haben und einen Schutz, der mehr vermag als die steinernen Mauern. Eine feurige Mauer wird Gott selbst bei ihr sein und sie beschützen – Feuer, das uns an Gottes Geist und sein Wirken denken lässt und an die Emmausjünger, die sagten: „Brannte nicht unser Herz in uns, da er mit uns redete auf dem Wege und uns die Schrift öffnete.“ [Lk 24,32]

Ohne das Feuer des Glaubens, das Gott in uns anzündet, kommen auch wir nicht voran. Wo Sacharja zwei Engel begegneten, waren es hier einige, die dem Zweifel Glauben entgegensetzten, den Einwänden Ermutigung und den Rückschlägen eine Haltung des „Aber dennoch“ – frei nach Psalm 73: „Dennoch bleibe ich stets an dir; denn du hältst mich bei meiner rechten Hand.“ [Ps 73,23]

So wurde, was in den Augen mancher nicht werden durfte, sollte oder konnte. Eine Gemeinde hatte sich formiert und trug am gemeinsamen Vorhaben mit und konnte schließlich vor 25 Jahren sagen: „Das Haus ist offen!“

Aus diesem Slogan klingt noch Sacharjas Vision vom Jerusalem ohne Mauern hindurch. Professorin Jutta Bechthold, unsere Architektin, hatte den Gedanken als Inspiration für ihren Entwurf aufgegriffen. Ein Dach, getragen von Stahlstützen, darunter Wände zumeist aus Glas. Transparent von innen nach außen und umgekehrt. Für diesen Entwurf und für seine Realisierung im Ganzen und im Detail sind wir bleibend dankbar!

Zur Offenheit gehört auch ein offener Umgang mit Herausforderungen und Problemen. Drum haben wir anlässlich des Festes und der Feiern zum 25-jährigen Bestehen des Gemeindezentrums öffentlich gemacht, was uns sorgt, schmerzt und umtreibt: Dass wir als Gemeinde viele Menschen verloren haben durch Tod, Umzug und Austritt. Wir setzen uns damit auseinander und verstehen das einst entwickelte Leitbild dabei als kritische Größe: Sie gibt uns Auskunft darüber, was uns im jeweiligen Zusammenhang leiten soll. Sie sagt uns aber auch, wo wir unserem Leitbild nicht gerecht geworden sind. Wir wissen ganz gut, dass wir trotzdem gelegentlich Mauern bauen, dass wir sie mitunter auch zu brauchen meinen. Das können wir uns eingestehen, ohne dass das Leitbild zum „Leidbild“ wird. Aber eben daraus erwächst auch immer wieder die Ermutigung, die Offenheit zu wagen, die es nicht geben kann ohne „Glaube, Liebe und Hoffnung“ [1. Kor 13,13].

Dessen eingedenk, mit dem Blick auf die kleine Schar derer, die das am Boden liegende Jerusalem bewohnen, hören wir den Engel zu Sacharja sagen: „Jerusalem soll ohne Mauern bleiben wegen der Menge der Menschen und des Viehs, die darin sein werden.“ [Sach 2,8] Das soll die Zukunft Jerusalems sein. Gott wird in ihr wohnen.

„Das Haus ist offen“ – auch und besonders dafür.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.