Neujahr
Text: Joh 6,37
Thema: Jahreslosung
Ev. Emmausgemeinde Eppstein
Pfarrer Moritz Mittag

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

Heute stehen wir an der Pforte des neuen Jahres. Wer weiß, was sich dahinter verbirgt? Gut, wir greifen auf Erfahrungen zurück. Wir kennen die Abfolge der Monate und der Jahreszeiten. Wir wissen für uns selbst, an welchen Stellen eines Jahres wir ins Stolpern kommen, unter Druck geraten oder am liebsten unbemerkt darüber huschten. Was soll also schon sein?

Wir haben schon an vielen Türen gestanden. Im Amt, bei den Schwiegereltern in spe, vorm Behandlungsraum, auf dem Flughafen der fremden Stadt. Ganz unterschiedliche Gefühle hatten sich jeweils eingestellt. Mal war uns bange, mal näherten wir uns frohgemut, ein andermal erwartungsvoll, auch mal niedergeschlagen oder ratlos. Vielleicht waren wir auch schon mal hilfsbedürftig und darauf angewiesen, nicht abgewiesen zu werden. Stell‘ dir vor, du kommst zum Amt, oder zum Chef oder zum dringend benötigten Arzt und du wirst abgewiesen. Wir haben aber noch weitaus dramatischere Bilder vor Augen. Tausende drängten sich vor den Toren am Flughafen in Kabul. Wir sahen Menschentrauben, die sich an Flugzeuge klammerten. Alle wollten mit und raus. Aber viele wurden abgewiesen. Eine niederschmetternde Erfahrung verbunden mit Gefahren für Leib und Leben.

Abgewiesen zu werden, das kann gerade auch in den zwischenmenschlichen Beziehungen sehr schmerzen. Liebe, die nicht erwidert wird, Gastfreundschaft, auf die man vergeblich hofft, familiäre Zugehörigkeit, die verwehrt wird. Während wir noch unseren Gedanken nachgehen und uns mühsam oder immer noch unangenehm berührt an derlei Erfahrungen des Abgewiesen-Werdens erinnern, hören wir Jesus sagen:

Wer zu mir kommt, den werde ich nicht abweisen. [Joh 6,37]

Endlich mal einer, der nicht sagt: „Dafür bin ich nicht zuständig. Wenden Sie sich an…“ Endlich mal einer, zu dem jeder kommen kann, einer, der niemanden abweist. Auch nicht die schlimmsten Schwerenöter? Auch nicht die ganz offensichtlich Bösen? Auch nicht die Luder und Lästerer?

Jesus Christus spricht: Wer zu mir kommt, den werde ich nicht abweisen. [Joh 6,37]

Das ist ein starkes Stück. Ein starkes Stück Jesus, das uns in seiner Unbedingtheit herausfordert. Es versetzt uns in eine Spannung. Ihre Pole lassen sich unsererseits benennen als der Konflikt zwischen „Wollen“ und „Vollbringen“, oder ontologisch zwischen „dem Unbedingten“ und „dem Bedingten“. Wir sind, Wesen der Schöpfung, eben nicht unbedingt. Werden wir’s, ist Selbstüberhebung im Spiel – vom Übermenschen haben wir aus Erfahrung die Nase voll. Das gibt übrigens auch einen hilfreichen Gradmesser im denkerischen und im politischen Raum ab. Das Unbedingte, das wir uns anmaßen, sprengt den Rahmen des Bedingten. Oder anders und in Anlehnung an Dietrich Bonhoeffer gesagt: Wir sind zuständig für die vorletzten Dinge, nicht aber für die letzten Dinge. Die bleiben Gott vorbehalten. So kann wohlverstandene Gläubigkeit und Gottesfurcht einen vor ideologischer Blindheit bewahren und vor dem Wahn des Übermenschen.

Dann sind wir also raus aus dem Anspruch, den wir in der Jahreslosung doch auch mithören? Raus aus der Verpflichtung, es Jesus nachzutun?

Dann können wir also den Flüchtlingen, die an den Grenzzäunen Europas rütteln, die kalte Schulter zeigen? Aber auch denen, die mit ihrer Einstellung so gar nicht zu uns passen – wahlweise den Impfbefürwortern oder -gegnern, den Klimaschützern oder Konsumentinnen, den Russen oder Amerikanern?

Nein, die Offenheit für den andern, die uns Jesus immer wieder vorlebt, bleibt und ist uns Auftrag. Ihm darin nachzueifern, geben wir uns Mühe. Selbst dann bleibt oft genug noch Luft nach oben. Unsere Grenze bleibt aber das Unbedingte. Und ja, die Frage „Bin ich Jesus?“, muss ich mit „Nein“ beantworten.

Und überhaupt, was heißt das eigentlich für die Jünger und alle, die Jesus treu nachzufolgen versuchen, die bei der Stange bleiben, wenn alle, wenn jeder und jede zu Jesus kommen kann und nicht abgewiesen wird? Reicht es dann nicht, sich im gebotenen Moment an ihn zu wenden, und sonst Gott einen guten Mann sein zu lassen? Was ist der gebotene Moment? Der, in dem es mir etwas bringt, mich seiner zu erinnern und mich an ihn zu wenden!

Ist das einer der Gründe, warum man eine Kirchenmitgliedschaft in Kauf nimmt, solange sie dem Nachwuchs die Pforte zur Konfessionsschule, die den Nachweis der Mitgliedschaft fordert, öffnet? Tritt man deshalb am Tag nach der Taufe der Tochter aus der Kirche aus, ich spreche aus Erfahrung, weil man jetzt hat, was man haben wollte? Und erinnert man sich darum in der Not an die Gemeinde, der man längst den Rücken gekehrt hat, weil jetzt Not am Mann ist und doch gilt:

Jesus Christus spricht: Wer zu mir kommt, den werde ich nicht abweisen [Joh 6,37]?

An solchen Stellen bemerke ich, dass wir im Vorletzten unterwegs sind. Darum schlagen wir uns mit Überlegungen und Regelungen herum, die die Kollision des Bedingten – das sind unsere begrenzten Möglichkeiten – mit dem Unbedingten – das ist der vollmächtige Anspruch Jesu – abfedern sollen. Darum kommt es zu solchen Verkehrungen der Logik, wie in dem Satz: „Wer Kirchensteuer zahlt, ist Kirchenmitglied.“ Wenn die Kirche ein Verein wäre, wäre dagegen nichts einzuwenden. Ist sie aber nicht. Diese sichtbare Kirche, die Gestalt annimmt in handelnden Personen, konkreten Angeboten, erlebbaren Räumen, erkennbarer Organisation –, diese Kirche ist auch Gemeinschaft der Gläubigen. Und glauben kann auch, wer keine Kirchensteuer zahlt. „Hab‘ ich’s nicht immer schon gesagt?“ triumphiert jetzt womöglich der Sparfuchs. Die Aussage, „Wer Kirchensteuer zahlt, ist Kirchenmitglied“, verkehrt die Logik. Umgekehrt wird ein Schuh daraus: „Ich gehöre zur Kirche Jesu Christi, darum zahle ich Kirchensteuer.“ Biblisch wäre der Zehnte. Also 10 % vom Bruttoeinkommen, nicht nur die 8 % des Einkommenssteuerbetrags, die die Kirchensteuer veranschlagt. Zahlen hin, Zahlen her, die Tatsache, dass in den vergangenen Jahren so viele Menschen der Kirche den Rücken gekehrt haben, wird auch zur Folge haben, dass dort Angebote gestrichen, Handlungsspielräume verengt, Pfarrstellen unbesetzt sein, Gemeinden aufgegeben werden müssen. Das wiederum folgt der Logik im Raum der vorletzten Dinge.

Im Nachdenken darüber könnte einem glatt die frohe Botschaft der Jahreslosung 2022 entgehen. Und die hören wir in der unbedingten Offenheit unseres Heilands und unseres Gottes uns Menschen gegenüber.

Jesus Christus spricht: Wer zu mir kommt, den werde ich nicht abweisen [Joh 6,37]?

Auch wenn ich, weil ich bin, wie ich bin, weil ich lebe, wie ich lebe, mich verhalte, wie ich mir angewöhnt habe, mich zu verhalten, auch wenn ich so, wie ich bin, ganz weit weg bin von Jesus, weit weg vom Schöpfer und weit weg von seinem lebendigen Geist, so darf ich mich doch an ihn wenden – bedingungslos. So wie die Hirten der Christnacht. Die waren nicht erst beim Friseur, hatten sich nicht chic gemacht oder ihre Psychoanalyse erfolgreich abgeschlossen. Die kamen, wie sie waren: fremd, dreckig, ein wenig haltlos und ängstlich, Kreaturen der Nacht, und sie machten die Erfahrung: Hier, bei diesem Jesus, sind wir richtig.

Sie hatten sich auf das dünne Eis ihres Vertrauens gewagt, hatten ihren kümmerlichen Glauben in die Waagschale gelegt und das allein hatte gereicht. Wie Paulus an die Römer schreibt: „So halten wir dafür, dass der Mensch gerecht wird ohne des Gesetzes Werke, allein durch den Glauben“ [Rm 3,28].

Den aber bringt mit, wer zu Jesus kommt. Und aus diesem Glauben wächst ein Leben, in dem Geben seliger ist denn Nehmen. Wer nach einem Modell für diesen Grundsatz sucht, wird wiederum bei dem fündig, der sagt:

„Wer zu mir kommt, den werde ich nicht abweisen.“ [Joh 6,37]

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.