Neujahr
Predigttext: Jahreslosung 2021 – Lukas 6,36
Predigtthema: Die Barmherzigkeit fängt im Kopf an
Ev. Emmausgemeinde Eppstein
Pfarrer Moritz Mittag

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

Vor dem Computer sitzend, wechsle ich alle Augenblicke die Brille. Will ich einigermaßen entspannt auf den Bildschirm sehen, brauche ich die eine. Kaum sitzt die auf der Nase, möchte ich was nachlesen, hab‘ das Buch schon in der Hand, sehe auf den Text und weiß in diesem Moment, „Du brauchst die andere Brille.“ So geht es hin und her. Mit jeder der beiden Brillen kann ich etwas Bestimmtes besser sehen als mit der anderen.

Jahreslosungen sind wir Brillen. Sie lassen uns einmal genauer hinsehen und einen bestimmten Aspekt unter die Lupe nehmen. „Ich glaube; hilf meinem Unglauben“ [Mk 9,24] begleitete uns durch das letzte Jahr und schärfte unseren Blick auf den Glauben und seine Unvollkommenheit, was uns angeht. Aber meist haben wir doch nur drauflos gelebt und durch unsere Entscheidungen und unser Handeln erkennen lassen, was uns treibt – einmal der Glaube, ein andermal der Unglaube. Wir sehen uns in einem Spannungsfeld. Glaube und Unglaube – und wir mittendrin oder dazwischen.

Nun bietet uns die Jahreslosung für 2021 eine andere Brille an. Nicht dass sie unser Sehvermögen revolutionierte. Wir bleiben im Spannungsfeld, in dem allerdings 2021 ein anderer Begriff vibriert. Er ist nun wirklich nicht in aller Munde. Mag sein, dass es Leute gibt, die ihn gar nicht oder kaum kennen, weil er in ihrem aktiven Wortschatz keine Rolle spielt. „Barmherzigkeit“. Mein Smartphone kennt ihn inzwischen. Es schert sich auch nicht darum, ob das Wort aus dem althochdeutsche Stammwort „armherzi“ hervorgegangen ist oder aus den althochdeutschen Silben „barm“ und „herzig“. In beiden Fällen geht es darum, ein Herz für den anderen zu haben und ihm hilfreich zur Seite zu stehen.

Wo kein Rechtsanspruch greift, wo das Amt geschlossen hat oder sich ohnehin für nicht zuständig hält, wo die Unterstützung, die Hilfe, der Zugang zum anderen vollkommen freiwillig geschieht.

Ein solches Modell der Barmherzigkeit illustriert die Geschichte von dem Vater, der gut für seine Söhne gesorgt hat. Sie haben alles, was man braucht, um unter günstigen Voraussetzungen ins Leben zu starten. Der eine der beiden verlässt wohlversorgt das Elternhaus, stürzt sich ins pralle Leben und folgt den Verlockungen, die überall auf ihn warten. Mit vollen Händen gibt er aus, was er hat. Bald ist nichts mehr davon übrig. Aus dem stolzen jungen Mann, der, so würde man heute sagen, der „sein Ding macht“, wird gleichsam über Nacht ein Bettler. Ganz unten angekommen in der Gesellschaft und ohne Möglichkeit, sich selbst zu helfen, kehrt er nach Hause zurück. Dort bereitet ihm der Vater einen herzlichen Empfang. Als sei nichts gewesen, keine Enttäuschung darüber, dass der Sohn mit seinen Möglichkeiten so achtlos umgegangen war, keine Verurteilung des Gescheiterten und keine Forderung, er müsse zuerst sein Scheitern eingestehen, bevor er irgendetwas erwarten könne. Erwarten kann er, bei Licht besehen, ohnehin nichts. Seine Ansprüche wurden ja schon einmal erfüllt. Dass er nun mittellos dasteht, ist seinem eigenen Verhalten zuzuschreiben. Kein Gericht dieser Welt würde ihm einen berechtigten Anspruch zuschreiben. Wie der Sohn staunen muss, dass der Vater ihn so ganz ohne Vorbehalt annimmt, so staunen wir. Zumal mit dem Vater in dieser schönen Geschichte [Lk 15,11–32] Gott gemeint ist. So also ist Gott – „gnädig und barmherzig, geduldig und von großer Güte“ [Ps 103,8]. Haben wir es gut, einen solchen Gott über, unter, vor und hinter uns und um uns zu wissen. Hier leuchtet die wunderbare Botschaft von der Rechtfertigung auf. Sie vermittelt uns, dass Gott uns annimmt, wie wir sind, so wir darauf vertrauen.

Tun wir’s nicht geraten wir in einen Strudel der Selbstoptimierung. Nie genügt, was wir sind und wie wir leben. Immer besser müssen wir werden, nicht nur, weil das die Erwartung der anderen an uns wäre, sondern weil wir darauf programmiert sind: Selbstoptimierung. Ein schreckliches Beispiel für ein Scheitern an diesem selbst gesteckten Ziel bietet der Leidensweg magersüchtiger Jugendlicher. Einmal mehr kommen mir Verse aus Goethes „Harzreise im Winter“ in den Sinn: „Erst verachtet, nun ein Verächter, / Zehrt er heimlich auf / Seinen eignen Wert / In ungnügender Selbstsucht.“ Das ist ein modernes Schicksal in einer Welt ohne Barmherzigkeit.

Nun wird es Zeit, die Jahreslosung auszurichten: „Jesus Christus spricht: Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist!“ [Lukas 6,36]

Wie der Vater barmherzig ist, haben wir gehört am Beispiel des verlorenen Sohnes. Theologisch reflektiert sehen wir es in des Paulus Überlegungen zur Rechtfertigung im Römerbrief. Nun fordert uns Jesus auf, es dem Beispiel des gnädigen und barmherzigen Gottes nachzutun. „Seid barmherzig“…! Wo fängt das an? Wo hört es auf? Es fängt bei mir selbst an. Ja, auch mir gilt Gottes Barmherzigkeit und ich tue gut daran, mit mir selbst barmherzig umzugehen. Rechnet die Barmherzigkeit doch grundsätzlich mit der Unvollkommenheit ihres Gegenübers. Warum soll ich auf einmal vollkommen sein? Warum soll ich mich verurteilen, wenn ich es nicht bin?

Schon rückt der Nächste in den Blick. Für ihn, für sie gilt dasselbe. Barmherzig zu sein, heißt dann sehr konkret, den anderen nicht taxieren auf den Grad seiner Unvollkommenheit, um dann über ihn herzufallen. Sie kennen solche Szenen bestimmt auch: Eine Gesellschaft ist zusammen. An den Tischen haben sich Gleichgesinnte, alte Bekannte zusammengefunden, als eine Frau den Saal betritt. Viele Blicke mustern sie, während sie einen freien Platz sucht. Von oben nach unten und von unten nach oben scannen die Blicke sie. Fehler und Zeichen der Unvollkommenheit werden gesucht… und gefunden. Dann rücken die Köpfe der anderen zusammen… „Hast du gesehen, wie die geht?“ „Der Rock hat seine beste Zeit auch schon hinter sich.“ „Wie die sich anmalt“…

„Jesus Christus spricht: Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist!“ [Lukas 6,36]

Die Barmherzigkeit fängt schon im Kopf an. Worauf ich achte beim Blick auf andere. Es muss nicht die Fehlersuche sein. Es muss aber auch nicht die – womöglich typisch deutsche – Angewohnheit sein, sich zu verschließen, indem man seine Unzuständigkeit erklärt und auf die zuständige Stelle verweist. Was hilft es dem Hungernden, dem ich des nachts erkläre, dass es morgen bei der Bahnhofsmission Frühstück gebe? Was hilft es dem Frierenden, wenn er vom baldigen Wetterwechsel und dann steigenden Temperaturen erfährt. Jetzt ist ihm kalt. Jetzt braucht er etwas Warmes.

„Jesus Christus spricht: Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist!“ [Lukas 6,36]

Das heißt: Lass die Tür zu deinem Herzen immer einen Spalt weit offen. Mach nicht ganz, mach nicht fest zu! Aber, das sei auch gesagt, behalte auch dich selbst im Blick. Vermeide es, Dich zu überfordern. Mach kein Gesetz aus der Gnade. Dann ist sie tot. Und du bist schneller am Ende, als es dir lieb sein kann. Ich kann mir vorstellen, dass wir der Aufforderung Jesu am nächsten kommen, wenn wir versuchen, die Welt, den Menschen vor mir mit Jesu Augen zu sehen. Wie gesagt, es kommt auf unsere Brille an, was wir sehen oder besonders deutlich erkennen.

„Jesus Christus spricht: Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist!“ [Lukas 6,36]

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.